Kolumne

Stadtentwicklung: Zurück zur dicken Wand

Autor Dieter Geissbühler schreibt in seiner Gastkolumne darüber, welchen Einfluss die Klimaerwärmung auf das Bauen hat.

Dieter Geissbühler
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Dieter Geissbühler, Dozent am Kompetenzzentrum Typologie und Planung in Architektur der Hochschule Luzern.

Dieter Geissbühler, Dozent am Kompetenzzentrum Typologie und Planung in Architektur der Hochschule Luzern.

PD

Das Bauen hat sich seit dem beginnenden 20. Jahrhundert zunehmend von der «dicken Wand» für unsere Wohnhäuser verabschiedet. Die Aussenwände wurden immer dünner, bevor sie dann mit dem steigenden Bewusstsein gegenüber den energetischen Anforderungen mit einem Pelz überzogen wurden. Sie sind damit zwar wieder etwas dicker geworden, in ihrer Erscheinung aber sind sie brüchig und abweisend. Das mag daran liegen, dass die Wand immer diffusionsdichter werden musste. Die möglichst dünne Wand wurde jedoch auch zu einer massgebenden wirtschaftlichen Komponente: Unsere Baugesetze legten für die Baukörper meist maximale Aussenmasse fest. Das heisst: Mit einer dünnen Wand können zusätzliche Quadratmeter an Mietfläche gewonnen werden. Doch nun steht allenfalls die Rückkehr der «dicken» Wand vor der Tür.

Die Klimaerwärmung hat Konsequenzen für das Bauen, denn überhitzte Innenräume bieten wenig Wohnkomfort. Als mögliche Massnahme wird im Moment die Fassadenbegrünung propagiert und zum Beispiel von der Stadt Wien gefördert. Ob dies wirklich die Lösung ist, muss sich noch zeigen. Sicher ist jedoch: Die Problematik des «urban heating» wird der Beschattung unserer städtischen Fassaden in Zukunft einen grossen Stellenwert verleihen. Diese Beschattung kann mittels unterschiedlicher Massnahmen erreicht werden, von der erwähnten Begrünung, über stark auskragende Vordächer oder Gesimse bis zur starken plastischen Gestaltung der Wände. Allen diesen Massnahmen gemein ist, dass sie deutlich dickere Stärken der Aussenfassade mit sich bringen.

Das Problem dabei liegt nun aber in den oben angesprochenen Baugesetzen, denn sie bestrafen das Erstellen von dicken Wänden, weil diese zum anrechenbaren Nutzungsmass mitgerechnet werden. Hier ist es darum wichtiger, neue Regeln zu definieren als Einzelmassnahmen, wie die grüne Fassade, zu fördern. Regeln, die es ermöglichen, die notwendige Tiefe für Beschattungsvorrichtungen unterzubringen – dazu gehören auch die Beete, die für die Bepflanzung von Fassaden notwendig sind. Dies bedingt ein Umdenken bezüglich baurechtlicher Bestimmungen, weit über die 10 bis 20 Zentimeter hinaus, die für energetische Sanierungen an vielen Orten schon zugesprochen wurde. Interessanterweise finden wir die dicken Wände im traditionellen Bauen bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts, das heisst sie sind in unserer Baukultur noch gut vertreten. Hier werden wir genau hinschauen müssen und uns dann ernsthaft darum bemühen, wirklich tragfähige baugesetzliche Grundlagen zu schaffen.

Die grüne Fassade kann sicher nicht umfassend in unseren Städten Einzug halten. Eine höhere Fassadentiefe jedoch ergibt einen neuen Gestaltungsfreiraum, der nicht nur Gebäude hitzebeständiger macht, sondern der auch der immer stärkeren Gleichförmigkeit zeitgenössischer Fassadengestaltungen entgegenwirken kann. In diesem Sinne wäre es nicht nur eine nachhaltige Reaktion auf die Klimaerwärmung, sondern auch ein Beitrag zu einer vielfältigeren Stadtgestalt, durchaus ab und zu mal mit einer schönen Fassadenbegrünung.

Hinweis: Dieter Geissbühler ist Dozent am Kompetenzzentrum Typologie und Planung in Architektur der Hochschule Luzern. Einmal im Monat äussern sich Professoren des Departements zu städtebaulichen Themen. Ihre Ansichten müssen nicht jener der Redaktion entsprechen.

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