Kolumne

Stadtflucht ist keine Lösung

Bei der Gemeindeentwicklung ist der Umgang mit Wachstum ein zentrales Element, schreibt HSLU-Professor Peter Schwehr in seiner Kolumne.

Peter Schwehr
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Prof. Dr. Peter Schwehr ist Leiter des Kompetenzzentrums Typologie & Planung in Architektur der Hochschule Luzern, Departement Technik & Architektur.

Prof. Dr. Peter Schwehr ist Leiter des Kompetenzzentrums Typologie & Planung in Architektur der Hochschule Luzern, Departement Technik & Architektur.

PD

Das Prinzip scheint einfach: Wird das Wohnen in der Stadt zu teuer, zieht Frau und Mann in die Agglomeration oder in ländliche Gemeinden. Dort sind die Mieten günstiger und man bekommt sogar für weniger Geld eine grössere Wohnung. Zu diesem Schluss kommt eine Studie der Raiffeisen-Gruppe. Eigentlich ganz praktisch, kann man damit doch auch den Wohnungsleerstand in der Agglomeration und auf dem Land beheben. Denn in Zeiten von Negativzinsen wird überall und vor allem viel gebaut; das Mantra der Immobilienbranche «Lage, Lage, Lage» gilt plötzlich nicht mehr. Ergo: ein historisch hoher Leerstand von Wohnungen, meist in suboptimalen Lagen.

Geblendet vom zu erwartenden Steuersubstrat sehen die Gemeinden die Chance im Wachstum. Sie weisen Bauzonen aus, ohne die Folgen abzuschätzen. Denn mit der einzelnen Wohnung ist es noch lange nicht getan. Jeder Bewohner und jede Bewohnerin mehr erfordert zusätzliche Investitionen in Infrastrukturen, Versorgungseinrichtungen, ziehen viele Familien hinzu, braucht es gar neue Schulen. Wird hier am falschen Ort gespart, entstehen durch Tristesse und Abwesenheit geprägte Schlafquartiere. Ohne echten Mehrwert. Abgesehen davon ist es absurd, anzunehmen, dass Stadt und Land beliebig ausgetauscht werden können. Das Land bietet ein anderes Lebensumfeld als die Stadt. Je nach Lebensphase und -stil passen die Überschaubarkeit des Dorfes dem einen mehr und der anderen weniger. Es ist eben nicht nur das Kopfkissen, das umzieht, es ist die gesamte Lebensgestaltung. Wer auf das Land oder in die Stadt ziehen möchte, soll sich daher bewusst und nicht aus monetären Gründen dafür entscheiden. Dies ist umso wichtiger, als Menschen, die aus finanzieller Not in eine ländliche Gemeinde ziehen müssen, zum Pendeln gezwungen sind. Ihren Lebensmittelpunkt haben sie nach wie vor in der Stadt. Zu einem aktiven Dorfleben tragen sie meist wenig bei.

Bei der Gemeindeentwicklung ist der Umgang mit Wachstum ein zentrales Element. Dabei geht es vor allem um Qualität und nicht so sehr um Quantität. Was ist die Vision? Was macht die Qualität dieses Ortes aus? Wieso sollen Menschen dort wohnen und arbeiten wollen? Bei der Ausarbeitung der Vision, des «Big Picture», sind Gemeinden oft überfordert, die Wechselwirkungen machen die Aufgabe zu komplex. Moderierte Prozesse, die Einbindung der Bewohnerinnen und Bewohner als Ideengeber und andere Mitwirkungsformen sind eigentlich bekannte Verfahren. Leider werden diese aber bei der Entwicklung von ländlichen Gemeinden selten genützt. Hier ist deutlich Luft nach oben.

Die «Stadtflucht» hilft weder den Städten noch den ländlichen Gemeinden. Bezahlbarer Wohnraum für Menschen mit tiefen Einkommen zu schaffen, ist nach wie vor eine der dringendsten Herausforderungen einer jeden Stadtentwicklung. Und wer meint, dank Mietnomaden die Qualitäten und Eigenheiten von Siedlungen in ländlichen Gemeinden vernachlässigen zu können, versucht den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben. Diese Haltung erinnert eher an eine moderne Interpretation des Trockenwohnens zu Zeiten der industriellen Revolution. Damals bezogen Arbeiter die noch feuchten, neuen Wohnungen und wohnten sie trocken – nur um dann gehen zu müssen, wenn die Wohnungen zu einem höheren Preis vermietet werden konnten. Moralisch war dies so fragwürdig, wie das heutige Vorgehen. Gebaute Qualität, ob in der Stadt oder auf dem Land, ist nicht verhandelbar!