Stadtluzerner Jublas und Pfadis dürfen keinen Karton mehr einsammeln

Wegen Sicherheitsbedenken entzieht der Luzerner Stadtrat den Jugendvereinen die Verantwortung für die Kartonsammlung. Damit verlieren die Vereine eine wichtige Einnahmequelle.

Simon Mathis
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Künftig soll das Strasseninspektorat für die Kartonsammlung in der Stadt Luzern verantwortlich sein.

Künftig soll das Strasseninspektorat für die Kartonsammlung in der Stadt Luzern verantwortlich sein.

Symbolbild: Manuela Jans-Koch

Bisher waren in der Stadt Luzern Jugendorganisationen wie Pfadi und Jungwacht Blauring (Jubla) für die Kartonsammlung verantwortlich. Damit ist jetzt Schluss: Der Luzerner Stadtrat überträgt diese Verantwortung nun nämlich an das Strasseninspektorat. Dies geht aus einem Schreiben an den Dachverband der städtischen Jugendorganisationen (DSJO) hervor, das unserer Zeitung vorliegt.

Der Stadtrat schreibt darin, dass die Kartonsammlung durch Jugendvereine «vor allem aus Sicherheitsgründen seit Längerem umstritten» sei. Schweizweit sei es zu mehreren tragischen Unfällen mit teilweise tödlichem Ausgang gekommen (siehe Box). Aus diesem Grund hätten bereits viele Gemeinden diese Praxis eingestellt – vor allem in Städten und in der Agglo. Eine besondere Gefahr ortet die Exekutive beim Abladen auf dem Werkhofareal. Dort könne die Sicherheit «nicht zufriedenstellend gewährleistet werden». Hinzu komme, dass die Mitarbeiter des Strasseninspektorats im Falle eines Unfalls persönlich strafrechtlich verantwortlich wären.

Tragischer Unfall in Buchrain

Dass Karton oder Papier von Jugendvereinen eingesammelt wird, hat im Kanton Luzern eine lange Tradition. Mehrere Gemeinden haben diese Tradition aber bereits umgestossen; so etwa Nebikon 2015, ebenfalls wegen Sicherheitsbedenken.

Grund für das Umdenken ist unter anderem ein tragischer Unfall, der sich im Mai 2007 in Buchrain ereignete. Damals begleitete ein Lastwagen eine Primarklasse beim Papiersammeln. Ein 13-jähriger Schüler geriet während eines Rückwärtsmanövers unter die Hinterachse des Fahrzeugs. Er verstarb noch auf der Unfallstelle. Vier Monate später kam es auch in Kerns zu einem schweren Unfall. Zwei Schüler verunglückten beim Papiersammeln, als ihr Traktor von der Strasse abkam und in eine Scheune krachte. Ein Schüler verletzte sich schwer.

Im Nachgang dieser Unfälle änderten einige Gemeinden ihre Praxis; seither wird Karton und Papier dort nur noch von Profis eingesammelt. In anderen Gemeinden wurde ein Sicherheitskonzept für die Vereine eingeführt. (sma)

Kartonsammlung als zentrale Einnahmequelle

Der Stadtrat sei sich bewusst, dass durch diesen Schritt eine «nicht unerhebliche Finanzierungsquelle» wegfalle. Es sei aber leider nicht möglich, den Vereinen weiterhin kontinuierliche Einnahmen in der bisherigen Grössenordnung zu gewährleisten. Der Stadtrat stehe Arbeitseinsätzen der Jugendlichen zwar offen gegenüber, der Beitrag für die Vereinskasse dürfte dabei jedoch «eher bescheiden ausfallen». Der Stadtrat sei bereit, Ideen der Vereine aufzunehmen und zu prüfen.

In einer dringlichen Motion kritisiert die FDP diesen Schritt. «Dem Stadtrat war offenbar zu wenig bewusst, welche schweren finanziellen Konsequenzen sein Entscheid für die Jugendorganisationen hat», schreiben die Grossstadträte Rieska Dommann und Sandra Felder-Estermann. Dommann und Felder rechnen vor: Die Vereine verdienen durch die Kartonsammlung etwa 10'000 Franken pro Jahr, was bei vielen 50 bis 80 Prozent der Einnahmen ausmache.

«Die sofortige Kündigung der Zusammenarbeit bedeutet einen massiven Eingriff, der die Jugendorganisationen völlig unvermittelt unverschuldet und überaus hart trifft.»

Der Schritt des Stadtrates gefährde die Durchführung vieler Anlässe und auch zukünftiger Lager. Es gehe aber nicht nur um finanzielle Fragen, so die Motionäre. Die Aufgabe lehre die Jugendlichen, Verantwortung zu übernehmen und sich selbständig zu organisieren. Zudem würden sie für das Thema Recycling sensibilisiert. Deshalb fordern Dommann und Felder vom Stadtrat, eine Übergangsfinanzierung zu prüfen, bis eine dauerhafte Lösung gefunden werden kann.

Die Jugendvereine äussern sich noch nicht zur Entscheidung des Stadtrates. Die Kartonsammlung wird vom Dachverband der städtischen Jugendorganisationen (DSJO) organisiert. Die Delegierten des Verbandes entscheiden heute Mittwoch, wie es nun weitergehen soll – und wollen am Donnerstag näher informieren.

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