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Stadtorchester Luzern: Das «Liebhaberorchester» der Buchhalter

Es begann ganz klein als Musikquintett junger Kaufleute mit Hang zur «Gemütlichkeit». Heute ist das Stadtorchester Luzern ein voll ausgebautes Laien-Sinfonieorchester mit klassischer Basis. Am 26. Mai feiert es sein 150-Jahr-Jubiläum.
Hugo Bischof
Das Orchester des Kaufmännischen Vereins im Jahr 1892. Bild: Archiv Stadtorchester Luzern

Das Orchester des Kaufmännischen Vereins im Jahr 1892. Bild: Archiv Stadtorchester Luzern

28 ernst blickende Männer in Anzügen in einer Waldlichtung. Mit Geigen, Kontrabass, Cello, Trompeten, Posaune, Klarinetten, Pauke. Die Herr-liche (im wahren Sinn des Wortes!), leicht vergilbte Foto entstand 1892. Sie zeigt die Vorgänger des Stadtorchesters Luzern.

Das Stadtorchester Luzern heute, fotografiert im Treppenhaus des Säli-Schulhauses in Luzern. Bild: Jan Bühlmann

Das Stadtorchester Luzern heute, fotografiert im Treppenhaus des Säli-Schulhauses in Luzern. Bild: Jan Bühlmann

Wie anders präsentiert sich das Orchester heute: Die Mitglieder stehen oder sitzen locker in einem Treppenhaus und lächeln freundlich in die Kamera. Und – es sind vor allem Frauen. Die Männer sind eine kleine Minderheit. Die beiden Fotos sind in der Jubiläumsbroschüre des Orchesters abgedruckt, zum Jubiläumskonzert am kommenden Sonntag um 11 Uhr im KKL Luzern.

Gründung im Jahr 1869

Es war im Jahr 1869, als die Musiksektion des Vereins Junger Kaufleute Luzern zunächst ein Musikquintett gründete. Dessen «Productionen» sollten «bei gegebenen Anlässen vorteilhaft auf den gemütlichen und unterhaltenden Charakter einwirken». Der Verein Junger Kaufleute selber war im Jahr 1867 entstanden. Er bot Kurse unter anderem in Englisch und Handelsrecht an – für die kaufmännischen Angestellten, Buchhalter, Sekretäre, welche in den damals entstehenden Fabriken gebraucht wurden.

Man lade ihn «höflich» zur Probe «heute Abend 8 Uhr im Rosengarten» ein, wurde damals einem potenziellen Mitmusiker beschieden – «in der Annahme, dass Ihr Herr Vater gegen das an ihn erlassene Gesuch um Erlaubnis nichts einzuwenden habe». Zwang könne man keinen ausüben, heisst es in einem anderen Dokument aus der Frühzeit. Dennoch solle es sich jedes Mitglied «zur strengen Pflicht machen ... , den ordentlichen Übungsabend – Donnerstag – für die Musiksektion und auch nur für diese reserviert zu halten». Sodann wird «einer strammeren Disziplin» das Wort gesprochen: «Es dürfe u. a. nicht mehr vorkommen, dass Mitglieder aus lauter Gleichgiltigkeit erst gegen 9 Uhr erscheinen.» Weiter hiess es in den Statuten von damals:

«Das Rauchen im Probelokal und während Konzerten ist strengstens untersagt.»

Einige dieser Vorschriften wirken reichlich antiquiert, andere sind in leicht abgewandelter Form wohl noch heute gültig. Das Quintett entwickelte sich über die Jahre zum Orchester. 1907 traten die ersten Frauen bei.

Konzerttickets kosteten 80 Rappen

Der Mitgliederbeitrag betrug zunächst 2 Franken pro Monat, Konzerttickets kosteten 80 Rappen (Loge: 3 Franken). Man trat separat auf, teils aber auch mit dem Männerchor des Vereins. Am Sonntag, 25. April 1920, «abends 8 Uhr präzis», etwa gelangten im grossen «Union»-Saal «Mein Schweizerland, wach auf!» mit C. Attenhofer, Siegmunds Liebeslied aus Wagners «Walküre» und C. M. von Webers Freischütz»-Ouvertüre zu Gehör. 1918 kam es zur Umbenennung in «Orchester des Kaufmännischen Vereins Luzern». 1970 löste sich das Orchester vom Verein – «gemäss Überlieferung zu dessen Missfallen», erzählt Sara Müller, heutige Orchesterpräsidentin. Grund der Trennung war, dass es immer schwieriger wurde, Musiker aus den Reihen des Berufsverbands zu finden. Das Orchester hiess fortan Orchestergesellschaft Luzern (kurz: OGL).

Die Öffnung für Mitglieder auch aus anderen Berufen war musikalisch befreiend, finanziell aber nachteilig, da fortan die Unterstützung durch das KV fehlte. Mit der Eröffnung des KKL kam die Wende Die Wende kam 1998 mit der Eröffnung des Kultur- und Kongresszentrums Luzern. Als städtischer Verein kann das Stadtorchester hier von vergünstigten Tarifen profitieren, und der Saal ist meist gut gefüllt. Seit 2000 heisst das Orchester Stadtorchester Luzern (SOL). Früher habe man von «Liebhaberorchester» gesprochen, sagt Sara Müller. «Heute heisst dies pragmatisch ‹Laienorchester›». Mit Ausnahme des Dirigenten, der Konzertmeisterin und einiger Zuzüger vor allem bei exponierten Bläserstimmen sind alle Mitglieder Amateurmusikerinnen und -musiker. Sara Müller, die als Geigerin mitspielt, betont:

«Dennoch sind wir sehr ambitioniert und versuchen uns kontinuierlich zu verbessern.»

Das hohe Laien-Niveau sei auch dem unermüdlichen Einsatz des Dirigenten Dan Covaci und der Konzertmeisterin Bea Covaci zu verdanken, sagt Müller. Diese leiten das Orchester seit 1999 musikalisch.

Aktuell zählt das Stadtorchester Luzern 42 Mitglieder, davon 7 Männer. Hinzu kommen jeweils rund 30 Mitspielende, vor allem Bläser, die nicht Mitglied sind. Das Durchschnittsalter beträgt 55 Jahre, die Durchschnittsverweildauer im Orchester 21 Jahre. «Für viele sind wir eine Familie», sagt Sara Müller. «Es gehört einfach zum Leben, jeden Mittwochabend an die Probe im Sälischulhaus zu gehen.» Die Herausforderung der letzten und der kommenden Jahre sei, «das Orchester sanft zu verjüngen». Aktuell ist das älteste Mitglied über 80, das jüngste 20 Jahre alt. Nicht selten spielen zwei Generationen einer Familie mit.

«Dieser Altersmix verlangt von allen Mitgliedern Verständnis für die anderen. Ich bewundere, wie gut dies klappt.»

Da könne es schon vorkommen, «dass der Dirigent das Pult der Ü70-Dame und des U20-Jünglings wegen unüberhörbarem Getuschel tadeln muss», sagt Sara Müller und schmunzelt.

Leider würden nicht nur die Mitglieder immer älter, sondern auch die Gönner und das Publikum, «die leider im wahrsten Sinne des Wortes am ‹Aussterben› sind», sagt Sara Müller. «Die Motivation und Erschliessung von neuen Geldquellen und Zuhörenden sind somit die Themen unserer Zukunft.» Man sei sich bewusst, dass man mit klassischer sinfonischer Musik heute eher ein «Nischenprodukt» anbiete:

«Vergangene Konzerte haben gezeigt, dass Unterhaltungsmusik – zum Beispiel Musical und Popmusik – uns finanziell mehr absichert.»

Trotzdem bleibe das «Klassische» die Basis des Orchesters, betont Müller. Ziel sei es, «ein vielfältiges, ausbalanciertes Programm zu bieten» und den Spagat zwischen der sogenannten «E(rnsten)» und der «U(nterhaltungs)-Musik» zu wagen.

Jubiläumskonzert «What as Wonderful Year» im KKL Luzern: Sonntag, 26. Mai, 11 Uhr. Weitere Konzerte: Sonntag, 30. Juni (Pavillon Nationalquai); Sonntag, 24. November (Hotel Schweizerhof). www.stadtorchester-luzern.ch

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