STADTPLANUNG: Stefan Roth: «Die Stadt muss wachsen»

Ohne neue Bau- und Zonenordnung kann sich die Stadt nicht entwickeln, sagt der Stadtrat. Am 9. Juni stimmt das Volk darüber ab.

Luca Wolf
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Stadtpräsident Stefan Roth und Baudirektorin Manuela Jost blicken auf das Rösslimatt-Areal (ganz links), auf dem sich dank der BZO-Revision viele grosse Firmen ansiedeln sollen. (Bild: Nadia Schärli)

Stadtpräsident Stefan Roth und Baudirektorin Manuela Jost blicken auf das Rösslimatt-Areal (ganz links), auf dem sich dank der BZO-Revision viele grosse Firmen ansiedeln sollen. (Bild: Nadia Schärli)

«Wir sind auf die Zielgerade eingebogen», sagte Stadtpräsident Stefan Roth gestern an der Medienkonferenz zur Revision der Bau- und Zonenordnung (BZO) für Luzern (ohne Stadtteil Littau). Vor fast sechs Jahren hat die Stadt mit der Überarbeitung der alten, 1994 in Kraft getretenen BZO begonnen, am 9. Juni kommt die Vorlage vors Volk. Stadtrat und Parlament stellen sich grossmehrheitlich dahinter. «Die BZO ist mit das wichtigste strategische Führungsinstrument der Stadt», betonte Roth.

«Wir benötigen mehr Einnahmen»

In der BZO sind Leitlinien für eine geordnete bauliche Entwicklung der Stadt sowie Rechte und Pflichten für Grundeigentümer festgelegt. Es wird klar definiert, in welchen Gebieten gearbeitet und/oder gewohnt werden darf und welche Volumen die Bauten haben dürfen. Laut Finanzdirektor Roth soll dank der neuen Bestimmungen in der BZO auch ein zentrales Ziel aus der Gesamtplanung erreicht werden: «Wir benötigen mehr Einnahmen, um die anstehenden Investitionen zu zahlen. Unsere Stadt soll wohn- und lebenswert bleiben. Die neue BZO ist die Grundvoraussetzung für mehr Wachstum, sie schafft die Voraussetzungen für neue Arbeitsplätze und Wohnungen.»

In Zahlen sieht das wie folgt aus: Die BZO schafft durch Verdichtung, eine Einzonung sowie diverse Umzonungen Wohnraum für zusätzlich 2000 bis 3000 Einwohner. Zusammen mit dem bestehenden Potenzial sowie jenem von Littau könnte die Stadt bis in etwa 15 Jahren um bis zu 8800 Personen wachsen. Heute leben in Luzern etwa 78 000 Personen. Weiter soll die BZO in Luzern Potenzial für bis zu 1500 neue Arbeitsplätze schaffen. Total wären das für Littau und Luzern 4800. Die Littauer BZO trat erst 2009 in Kraft und soll deshalb später überarbeitet werden.

Rösslimatt als Wirtschaftszentrum

Um mehr finanzstarke Firmen anzulocken, setzt die Stadt vorab auf zwei Areale. Zum einen auf das Gebiet Steghof/Industriestrasse, zum anderen auf die Rösslimatt hinter dem Bahnhof. Ursprünglich wollte dort die Stadt das ganze 50 000 Quadratmeter grosse Areal entlang der Gleise in die Arbeitszone einteilen. Doch neu geht die Stadt in Zusammenarbeit mit den SBB als Grundstückbesitzerin etwas langsamer in zwei Etappen vor. «Zuerst wird mit der BZO ein 2 Hektaren grosses Areal entlang der Citybay-Überbauung in die Arbeitszone eingezont», erklärt Bruno Gsteiger, Projekleiter Stadtentwicklung. Hier sollen viele grosse Firmen Platz finden. Weil die SBB die restlichen 3 Hektaren noch als Abstellgleise brauchen, sollen sie erst später in eine gemischte Zone für Arbeiten, Dienstleistungen, Läden und Kultureinrichtungen eingezont werden.

«Ausgewogene Balance»

Ins Zeug für die neue BZO warf sich gestern auch Baudirektorin Manuela Jost: «Die BZO schafft eine ausgewogene Balance zwischen den Interessen der Wirtschaft, Gesellschaft, Umwelt und den Grundeigentümern.» Das Regelwerk werde vereinfacht und benutzerfreundlicher. Zwischennutzungen und der gemeinnützige Wohnungsbau würden gefördert. Nebst dem Thema günstiger Wohnraum geben vor allem die Hochhäuser und die Tourismuszone zu reden (siehe Kästchen unten).

Umsetzung könnte sich verzögern

Die Stadtluzerner können am 9. Juni bezüglich BZO zu drei Fragen Stellung nahmen. Erstens zur Gesamt-BZO ohne die umstrittenen Hochhausstandorte Seeburg und Steghof. Zweitens über den Hochhausstandort Steghof. Und drittens über den Hochhausstandort Seeburg.

Stimmt das Volk der BZO-Revision zu, wird die Genehmigung durch den Regierungsrat auf 2014 erwartet. Werden einzelne der 102 Beschwerden weitergezogen, könnte sich die Umsetzung der ganzen BZO oder von Teilen davon – etwa der Tourismuszone – verzögern. Wird die revidierte BZO abgelehnt, steht die Stadt vor einem Scherbenhaufen und muss von vorne beginnen. Jost: «Dann könnten wir zusätzliche Aufgaben, wie etwa die Schaffung von günstigem Wohnraum, nur sehr erschwert anpacken.»

Zwei Hochhäuser sind umstritten

STEGHOF/SEEBURG lw. In und um Luzern stehen über 50 Hochhäuser. Trotzdem geben die vier in der BZO geplanten Hochhausstandorte zu reden. Wobei jener am Pilatusplatz (35 Meter) am unumstrittensten ist. Und jener am Bundesplatz (35 Meter) wird zur Planungsleiche, weil der Grundstückbesitzer gar kein Hochhaus bauen will. Heftig debattiert wird vorab über ein Hochhaus in der Seeburg (40 Meter) und im Steghof (45 Meter), über die separat abgestimmt wird. Keine politische Partei ist gegen den Steghof, den Seeburg-Standort bekämpft die SP.

Wird Landschaft verschandelt?

Gleich gegen alle vier Hochhäuser kämpft der Verein Stadtbild. Hochhäuser würden nichts zur Verdichtung beitragen, sondern die Landschaft verschandeln, dem Tourismus schaden und die Wohnqualität der Anwohner senken. Für den Stadtrat aber ist klar: Hochhäuser generieren auf wenig Boden viel Platz und tragen so zur Verdichtung bei. Zudem können sie Standorte prägen.

Kritik an Tourismuszone

HOTELS lw. Die Stadt will mit der Tourismuszone verhindern, dass Hotels an prominenter Lage zu privaten Luxusresidenzen umfunktioniert werden. Deshalb sollen die Hotels Hermitage, Seeburg, Europe, Montana, National, Palace, Schweizerhof und Château Gütsch sowie das Schlösschen Utenberg und das Kursaal-Casino in die Tourismuszone eingeteilt werden. Demnach dürfen die Besitzer 20 Prozent des Hauses ohne Auflagen anders nutzen. Mehr ist aber untersagt. Dies zum Schutz des touristischen Angebots an gehobenen Hotels. Nur wenn die Besitzer per Gutachten nachweisen können, dass sich der Hotelbetrieb nicht mehr aufrecht- erhalten lässt, dürfen sie bis aufs Erdgeschoss den ganzen Bau umnutzen.

Fünf Hoteliers lehnen Zone ab

SVP und Teile der FDP kritisieren die Tourismuszone. Auch fünf betroffene Hoteliers lehnen sie ab. Separat über diese Sonderzone abgestimmt werden kann jedoch nicht.

Kompromiss bei Wohnanteil

NEUSTADT lw. Etwas vom Kompliziertesten und gleichzeitig Wichtigsten in der BZO ist die Regelung der Wohn- und Arbeitsanteile. Sie definiert, wie viele Stockwerke in den Quartieren Hirschmatt, Neustadt, Bruch, Wey und Tribschen pro Haus fix fürs Wohnen und wie viele fürs Arbeiten reserviert sind und über wie viele flexibel entschieden werden darf. Der Stadtrat wollte hier zuerst eine erhebliche Verlagerung zu Gunsten von Büroraum durchsetzen. Dies führte zu heftiger Kritik der Linken und des Mieterverbandes, die eine Vernichtung von (oft günstigem) Wohnraum befürchteten. Daraufhin erkämpfte der Mieterverband einen Kompromiss.

Mieterverband ist zufrieden

Laut Mieterverband soll mit der neuen Regelung, die nur bei Neubauten oder umfassenden Sanierungen zum Zug kommt, der Mix aus Wohnen und Arbeiten etwa gleich bleiben. Anders sieht es der Verein Stadtbild, der den Verlust vieler Wohnungen befürchtet.

Gemeinnützige werden gefördert

GÜNSTIG WOHNEN lw. Die Stadtluzerner wollen günstigen Wohnraum fördern. Letzten Sommer haben sie einer Initiative zugestimmt, die verlangt, dass sich der Anteil an gemeinnützigen Wohnungen innert 25 Jahren von 14 auf 16 Prozent erhöhen muss. Das sind total 2100 neue Wohnungen. Im Sommer will der Stadtrat informieren, wie er die-ses Ziel erreichen will. Aus zeitlichen Gründen hat er diese Forderungen jedoch nicht in die laufende BZO aufgenommen. Immerhin sind dort neu die Gebiete Industriestrasse, Bernstrasse und Urnerhof als Areale für gemeinnützigen Wohnungsbau festgelegt. Darauf sollen gemeinnützige Wohnbauträger günstigen Wohnraum erstellen können.

Bonus als Anreiz

Zudem sieht die BZO einen Bonus von 5 bis 15 Prozent für gemeinnützigen Wohnungsbau vor: Wer günstige Wohnungen realisiert, kann von einer höheren Ausnützung profitieren und so mehr Wohnraum erstellen als «normale» Investoren.