Interview

Stadtrat Borgula zur Mega-Reisegruppe: «Man muss diese ganze Operation als einmalige Ausnahme sehen»

Am Montag wird in der Stadt Luzern eine 4000-köpfige Reisegruppe erwartet. Das stellt die Stadt vor einige logistische Herausforderungen. Wir haben bei den Stadträten Adrian Borgula und Franziska Bitzi nachgefragt, inwiefern Luzern von der Reisegruppe profitiert.

David von Moos
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Die bisher grösste Reisegruppe, die die Schweiz und Luzern je besucht hat, stellt die hiesige Infrastruktur auf die Probe. Nebst dem extra ausgearbeiteten Verkehrskonzept werden auch die Toiletten am Inseli um zwei WC-Wagen erweitert und mehr Abfallsäcke als sonst bereitgestellt. Die Kosten für Verkehrskonzept, Shuttle-Busse, zusätzliche Infrastruktur und Sicherheitspersonal werden durch die Tourismuspartner getragen.

Wie hoch sind diese Kosten?

(Bild: Pius Amrein)

(Bild: Pius Amrein)

Adrian Borgula: Die Offerte von SBB/Passepartout für den Shuttlebus-Verkehr zwischen der Allmend/Messe und dem Inseli beläuft sich auf rund 20'000 Franken. Das Bereitstellen von zusätzlichen Toiletten-Infrastrukturen kostet rund 5000 Franken und für die Vorbereitungsarbeiten sind rund 8000 Franken aufgewendet worden. Alle weiteren Kosten richten sich nach dem effektivem Aufwand, der auf Basis der individuellen Konzepte für die betreffenden sechs Tage entstehen wird. Dem gegenüber stehen die Einnahmen für die Parkierung der Cars.

Was sagen Sie als Mitglied der Stadtregierung dazu, dass die grösste Reisegruppe, die die Schweiz je besucht hat, nach Luzern kommt?

(Bild: Nadia Schärli)

(Bild: Nadia Schärli)

Franziska Bitzi: Wir freuen uns, dass Luzern als eine der Schweizer Destinationen ausgewählt wurde und in Luzern auch der wichtigste Teil der Reise – die Gala-Dinners und die Feier – stattfinden. Die Gäste erwartet ein einmaliges Erlebnis und wir gehen davon aus, dass sie oder ihre Freunde und Familien als Individualreisende wieder kommen. Die Grösse dieser Gruppe ist eine absolute Ausnahme. Normalerweise zählen solche Gruppen 100 bis 200 Personen. Luzern Tourismus akquiriert keine solch grossen Gruppen, hat sich zusammen mit der Stadt nach Bekanntwerden des Projektes aber intensiv für einen reibungslosen Ablauf eingesetzt. Der Veranstalter Jeunesse Global selbst ging von zirka 3000 und nicht 12'000 Teilnehmenden aus.

Was halten Sie als Verkehrs- und Umweltdirektor von diesem Ansturm?

Adrian Borgula: Das Angebot der Messe Luzern hat die Veranstalter offensichtlich davon überzeugt, den Gala-Abend in Luzern zu verbringen. Demzufolge sind wir auch gefordert, mit einer überzeugenden Mobilitätslösung, die maximal Rücksicht nimmt auf die Bedürfnisse der Stadt und der Bevölkerung, diese Aufgabe zu lösen. Ich sehe zudem die Bestätigung dafür, dass wir den Umgang mit den Touristenbussen in grundsätzlicher Art im kurz-, mittel- und langfristigen Fokus diskutieren und regeln müssen.

Wie nachhaltig ist es aus Ihrer Sicht, wenn ein Unternehmen tausende Leute gemeinsam auf Reise schickt?

Adrian Borgula: Es ist nicht unsere Sache, diesen Unternehmensentscheid zu beurteilen. Immerhin reisen die Besucherinnen und Besucher innerhalb der Schweiz in Cars, also in flächeneffizienten Verkehrsmitteln.

Stichwort «Overtourism»: Wie wird diese Gruppenreise die Diskussion in Luzern beeinflussen?

Franziska Bitzi: Der Tourismus ist einer der weltweit am schnellsten wachsenden Wirtschaftssektoren. Gegenüber dem Vorjahr wurde 2018 ein Wachstum von mehr als 7 Prozent verzeichnet. Für die nächsten Jahrzehnte wird ein ähnlich starker Anstieg vorausgesagt. So erfreulich dieses Wachstum für die Tourismusbranche ist, bringt es auch Konsequenzen und Herausforderungen mit sich, die von Branche und Politik erkannt werden müssen. Die ersten Reaktionen auf das Bekanntwerden dieser Reise zeigen, dass das Thema die Bevölkerung bewegt. Dies bestätigt uns, dass wir den eingeschlagenen Weg zur Erarbeitung einer «Vision Tourismus Luzern 2030» weitergehen. Es braucht eine Strategie, welchen Tourismus wir in Luzern wollen. Dazu gehört auch, dass wir Möglichkeiten zur Steuerung und Begrenzung diskutieren.

Die Gruppe reist mit knapp 100 Cars beim Inseli an, mit welchen Auswirkungen auf die politische Carverkehrs- und Carparkierungsdiskussion rechnen Sie?

Adrian Borgula: Auf Basis des Mobilitätskonzepts reduziert sich die Menge auf rund 45 bis 50 Cars, die ans Inseli geführt, dort ausgeladen, aber nicht parkiert werden. Gestaffelt dazu erfolgt der Transport der restlichen Besucher von den Parkierungsflächen auf der Allmend mit Gelenkbussen der VBL. Die Route führt nicht durch die engere Innenstadt, sondern von der Autobahnausfahrt Luzern-Süd via Obergrund und Tribschen zum Inseli oder von der Allmend via Moosmattstrasse, Voltastrasse, Geissensteinring und Werkhofstrasse zum Inseli und umgekehrt. Am Abend werden die rund 4000 Besucherinnen und Besucher dann ebenfalls mit VBL-Shuttlebussen zur Messe Luzern gefahren. Im Zusammenhang mit der Carverkehrs- und Carparkierungsdiskussion muss diese ganze Operation als einmalige Ausnahme und Speziallösung für eine grosse Geschäftsreise gesehen werden.

Inwiefern kommt die Unterstützung einer solchen Gruppenreise nicht einem politischen «Overkill» in den Bemühungen um eine verkehrsberuhigte Innenstadt gleich?

Franziska Bitzi: Tatsächlich ist die Grösse der Reisegruppe eine Herausforderung. Weder die Stadt noch die Luzern Tourismus AG (LTAG) haben diese Gruppe akquiriert, sondern erst von der Reise erfahren, nachdem die Landarrangements bereits gebucht waren. Andernfalls hätte man den Organisatoren vorgängig andere Lösungen vorgeschlagen, zum Beispiel eine Aufteilung in kleinere Gruppen. Die LTAG hat sich in Luzern mit dem Veranstalter G2 Travel, Stadt, Polizei und allen weiteren beteiligten Partnern getroffen, um zusammen eine möglichst ideale Lösung für Logistik, Sicherheit und Kommunikation zu finden.

Hinweis: Das Interview wurde schriftlich geführt.