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Stadtrats-Kandidatin Judith Dörflinger (SP): Familie steht bei ihr zuoberst – auch in der Politik

Judith Dörflinger (50) soll der SP zu einem zweiten Sitz im Luzerner Stadtrat verhelfen. Die Mutter von zwei Kindern will dabei ein Manko der Stadtpolitik beheben. 

Robert Knobel
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Judith Dörflinger (SP) auf dem Schulhausplatz Maihof. Im Stadtrat will sie sich für bessere Bedingungen für Kinder und Familien einsetzen.

Judith Dörflinger (SP) auf dem Schulhausplatz Maihof. Im Stadtrat will sie sich für bessere Bedingungen für Kinder und Familien einsetzen.

Dominik Wunderli

Eigentlich hatte sie der Politik 2017 den Rücken gekehrt. Doch Judith Dörflingers Rücktritt aus dem Luzerner Stadtparlament erfolgte nicht aus Desinteresse an der Politik, sondern weil sie als hauptamtliche Schulleiterin nicht gleichzeitig ein Parlamentsamt bekleiden durfte. Jetzt plant die 50-jährige SP-Frau ein Comeback und kandidiert neben Beat Züsli für den Stadtrat. Die SP argumentiert zwar, dass sie als grösste Partei Anspruch auf zwei Sitze habe. Doch für Judith Dörflinger steht etwas anderes im Zentrum: Bei den Dauerdebatten über Cars, Touristen, Parkplätze und Theater-Neubau gehen die sozialen Themen in der Stadtpolitik unter. Das möchte Dörflinger ändern:

«Ich beobachte immer wieder mit Sorge, wie mittelständische Familien aus der Stadt wegziehen, weil sie keine Wohnung finden.»

Die bisherige Wohnungspolitik, die Genossenschaftswohnungen fördert, sei zwar richtig. Dennoch müsste die Stadt noch viel mehr tun und jede Gelegenheit nutzen, um Genossenschaften den Bau von neuen Wohnungen zu ermöglichen.

«Wir müssten da noch proaktiver und konsequenter auf die Player zugehen.»

So gesehen habe man auf der Rösslimatt, wo nun die Hochschule einziehen wird, eine Chance verpasst. Gleiches gelte für die verfallenden Bodum-Villen an der Obergrundstrasse. 

Zur Person

Judith Dörflinger ist 1969 geboren, in Zug aufgewachsen und lebt seit 20 Jahren in Luzern. Sie ist ausgebildete Primarlehrerin, Sozialarbeiterin und Apotheker-Assistentin. Aktuell leitet sie die Schulhäuser Säli und Steinhof in der Stadt Luzern. Von 2013 bis 2017 war sie für die SP im Grossen Stadtrat Luzern. Judith Dörflinger ist verheiratet und hat zwei schulpflichtige Kinder.

Wohnungen für Familien sind das eine – attraktive Betreuungsangebote das andere. «Eltern mit tiefem Einkommen können sich heute kaum leisten, ihre Kinder in die Krippe zu geben – trotz Betreuungsgutscheinen», sagt Judith Dörflinger. Etwas besser sehe es bei der schulergänzenden Betreuung aus. Doch diese Angebote seien über die Kapazitätsgrenze ausgelastet und müssten weiter ausgebaut werden. Das Stadtparlament hat vor einiger Zeit einen Vorstoss überwiesen, wonach die Stadt die Tagesschule zum Standard machen soll: Wer sich nicht explizit abmeldet, soll automatisch jeden Tag den Mittagstisch in der Schule besuchen. Auch in der SP hatte die Idee viele Sympathien. Judith Dörflinger findet aber, man solle nichts überstürzen: Aktuell gibt es in der Stadt Luzern Hortplätze für rund ein Drittel der Schulkinder. Der Ausbau auf eine 100-Prozent-Abdeckung wäre organisatorisch und finanziell ein enormer Kraftakt. Vor allem aber müsste auch die Qualität mit der Quantität Schritt halten. Judith Dörflinger gibt zu bedenken: 

«Der Fokus darf nicht allein auf der Vereinbarkeit von Familie und Beruf liegen. Die Qualität des Angebots muss auch die Bedürfnisse der Kinder berücksichtigen.»

Welche Qualität sie damit meint, hat Judith Dörflinger auch in ihrer eigenen Familie erfahren: «Meine Kinder schätzen es sehr, wenn sie über Mittag zur Ruhe kommen können.» Es sei deshalb unerlässlich, dass die Mittagstische genügend Erholungs- und Rückzugsmöglichkeiten bieten – auch wenn dies zusätzliche Platz- und Personalressourcen braucht.

Sollte Dörflinger die Wahl schaffen, wäre sie übrigens nach Ursula Stämmer erst die zweite Mutter im Stadtrat.

Auch wenn sich das politische Tagesgespräch in der Stadt Luzern selten um Familienthemen dreht, so werden diese doch von den dominanten Themen wie Verkehr und Finanzen beeinflusst. So sagt Judith Dörflinger zum Stichwort Finanzen: «Jeder Franken, den wir in Bildung investieren, kommt doppelt und dreifach zurück.» Projekte, die darauf zielen, dass sozial Benachteiligte ihren Lebensunterhalt selber bestreiten können, seien deshalb enorm wichtig. Aber auch Verkehrspolitik sei letztlich Familienpolitik: 

«Wir waren im Sommer mit den Kindern in Paris. Sogar dort kann man viel entspannter Velo fahren als in Luzern.»

Es gelte, die Aufenthaltsqualität für alle Menschen, insbesondere aber Kinder und Jugendliche, im öffentlichen Raum zu verbessern. «Es braucht dazu auch Freiräume ohne Konsumationszwang.»

Sollte Judith Dörflinger in den Stadtrat gewählt werden, wäre das Bildungs- oder Sozialdepartement naheliegend. Grundsätzlich findet sie aber «alle Direktionen spannend» und fügt hinzu: «Man kann eine zusätzliche Perspektive in die Diskussionen einbringen, wenn man selber nicht aus dem gleichen Bereich kommt. So können neue Ideen entstehen.» 

Dieser Artikel bildet den Auftakt zu unserer Porträt-Serie über die Luzerner Stadtratskandidaten.

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