Kolumne
«Stadtwärts»: Der männliche Virus

Heisst es eigentlich das oder der Virus? In den Ferien überschattet der Humor oft die Panik. Und man merkt, dass es durchaus noch andere Probleme als dieses Ding namens Corona gibt.

Sandra Monika Ziegler
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Sandra Monika Ziegler

Sandra Monika Ziegler

Händewaschen und Abstand lautet dieser Tage die Devise. Eigentlich zwei Dinge, die auch ohne Virus nur Vorteile haben. Kein Gedränge im Bus, der warme Atem im Nacken bleibt aus, wird gehustet, dann in ein Taschentuch oder in die Armbeuge, auf Händeschütteln wird verzichtet. Das kleine Ding namens Corona hat seine Wirkung und legt den Teppich für Spekulationen und Massnahmen, es wird reagiert.

Schnell reagiert auf oberster Ebene wird aber nicht etwa, um die Risikogruppe zu schützen, sondern aus Angst, viel Geld zu verlieren. Oder hatten wir einen solchen Aufstand bei der Grippe oder beim Norovirus? Nein. Das tangierte die Wirtschaft weniger, liess die Börsenkurse nicht purzeln. Der Rubel rollte trotzdem – oder erst recht. Doch jetzt wird die Abhängigkeit durch die Auslagerung in Billigproduktionsländer vorgeführt. Unterbrochene Produktionsketten und Lieferengpässe verringern das Angebot.

In Gran Canaria, wo ich zurzeit bin, hat es keine «Fälle». Die zwei laut Medienberichten Infizierten sind auf der Nachbarinsel, also weit weg. Gehamstert wird auch nicht. Gekauft wird, was es hat. Mal wird das Gemüse geliefert, konnte der Fisch gefangen werden, mal nicht – ein Inseldasein eben. Wer hier über das kleine Ding redet, der kommt aus dem deutschen oder italienischen Sprachraum – verbringt hier die Ferien. Für Diskussionen sorgt oft die Frage, ob es das oder der Virus heisst.

Plötzlich lacht vor mir eine Frau. Ihr Mann hatte ihr genau diese Frage gestellt. Sie antwortet schmunzelnd: «Natürlich heisst es der Virus und ist männlich.» Laut dem Duden hat sie wohl Recht damit. Das kleine Kind des Paares schert sich jedoch wenig über das oder der. Ihn interessiert vielmehr, wie das kleine Ding aussieht. Kein Problem, der Mann zückt sein Smartphone und zeigt dem Kleinen ein Bild. «Das sieht lustig aus und ist so schön bunt.» Was er dem Kleinen gezeigt hat? Das werde ich nie erfahren. Gelächter macht sich breit. Die Familie baut weiter an ihrer Sandburg. Humor hat Panik im Keim erstickt.

Die Einheimischen kümmert das kleine Ding weniger. Sie fechten andere Kämpfe aus: Arbeit, Lohn und Wohnraum. Oder kapitulieren gegenüber dem Sandsturm, der kürzlich die Insel überzog und das öffentliche Leben und den Flugplatz lahmlegte. Wer konnte, hat die Wohnung nicht verlassen. Bei verschlossenen Fenstern und Türen wurde ausgeharrt. Die Natur bestimmt hier das Programm. Das wissen die Insulaner und können damit umgehen.