Kolumne
«Stadtwärts»: Der Mensch, das Gewohnheitstier

Redaktorin Sandra Monika Ziegler rechnet mit dem 6er-Bus und freut sich trotzdem auf den 73er.

Sandra Monika Ziegler
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Sandra Monika Ziegler

Sandra Monika Ziegler

Pius Amrein

Wie gewohnt überquere ich den Luzernerhof und warte auf den Anschlussbus. Da es regnet, drücken sich alle unters schützende Dach. Der starke Regen hat die Abstandsregel ertränkt. Die Abfahrtszeiten auf der Tafel wechseln ständig – dennoch kommt kein Bus.

«Der fährt doch nicht in den Matthof», höre ich eine Frau sagen. «Nein, das wäre von der anderen Seite», sagt der Mann neben ihr. «Aber hier steht, er fahre Richtung Matthof», insistiert die Frau. Der Mann bemüht sich erneut, den Kopf ins Nasse zu strecken und sagt: «Du hast recht, aber von der anderen Seite.»

Mein 6er fährt immer, denk ich mir. Erst als ein Bekannter sagt, das kann dauern, da fährt keiner mehr, lös ich mich aus meiner Gewohnheit und überlege andere Optionen. Der prasselnde Regen schränkt die Möglichkeiten ein. Aufs Nasswerden habe ich keine Lust.

Kein Bus hält. «Das gibt’s doch nicht. Das mach ich nicht mit, ich geh in die Beiz», sagt ein Mann entnervt. Auch eine Option, aber heute nicht meine. Um zu Fuss zu gehen bin ich zu faul und meinen Krimi fertig lesen geht wetter- und platztechnisch auch nicht. Meine Hoffnung gilt dem 73er.

Also zurück an den Schwanenplatz. Und er kommt, der 73er. Ich steige ein. Der Buschauffeur gibt durch: «Ich versuche die Route über die Dreilinden. Über die Haldenstrasse hatten wir fast einen Meter Wasser im Bus.» Mit dieser Durchsage hat er die volle Aufmerksamkeit – eine neue Route.

Es geht vorwärts bis zur Schlösslihalde. Dann bleiben wir stehen; Stau. An der Schädrütistrasse herrscht ein Chaos bestehend aus Steckengebliebenen und solchen, die trotzdem versuchen, weiterzukommen – und der Feuerwehr.

«Aber ich wohne nur 100 Meter von hier», empört sich die Fahrerin. Sie muss parkieren und zu Fuss weiter.

Die Natur hat sie ausgebremst und mir einen gesunden Fussmarsch und eine Stunde plus an der frischen Luft beschert. Wie war das gleich noch? Das Glas ist halb voll...