Kolumne

«Stadtwärts»: Der Ton wird rauer

Ob beim Bäcker oder im ÖV – der Alltag hat sich verändert. Und wehe dem, der keine Maske trägt! Unsere Autorin hat kürzlich im Bus einen Zwist mitbekommen.

Sandra Monika Ziegler
Drucken
Teilen
Sandra Monika Ziegler.

Sandra Monika Ziegler.

Bild: Pius Amrein

«Das Leben neu leben», diese Worte kamen mir beim Warten vor dem Quartierbäcker zu Ohren. Hat was, vieles ist anders, Selbstverständliches nicht mehr selbstverständlich. So kann ich nicht mehr schnell in die Bäckerei, sondern stehe an und warte. Alles braucht mehr Zeit. Der Alltag wird neu geplant.

«Dann müssen wir eben das Beste daraus machen», sagt der Mann zu seiner Begleiterin – immer noch vor der Bäckerei in der Warteschlange. Ein guter Ansatz, doch was ist das Beste? Das ist so individuell wie die Brotvorlieben, die Lebenseinstellung oder der Umgang mit den Mitmenschen. Und hier wird der Ton zunehmend rauer. Unüberlesbar online, ab und an im direkten Kontakt, wie im Bus oder im Lebensmittelgeschäft.

Online muss man sich die Kommentare nicht antun. Im öffentlichen Raum kann es einen aber erwischen. So geschehen im Bus. Zwar bin ich damit weniger als auch schon unterwegs, aber es gibt sie noch, die entlarvenden Busfahrten. War Vermummen einst verpönt, ist es jetzt Vorschrift. Da die Maske viel vom Gesicht und damit die Mimik verdeckt, liegt der Fokus unweigerlich auf den Augen.

«Wenn Blicke töten könnten». Ein Mann mit Holzroller, Kleinkind und zwei Taschen in der Hand besteigt den Bus und – oh Schreck – er hat keine Maske auf. «Wissen Sie eigentlich, dass genau Männer in ihrem Alter das Virus verbreiten», lärmt eine Frau unter der Maske hervor. Sie hatte ihn bereits an der Haltestelle gesehen und nur darauf gewartet, dass er diesen Fehler begeht. Der Mann schaut verdutzt in die hinteren Reihen und entschuldigt sich mit den Worten: «Ich hatte keine Hand frei, schauen Sie, hier ist meine Maske.» Der Mann nimmt sein Accessoire vom Arm, zieht es über Nase und Mund und widmet sich dem Kind.

Die Frau wettert derweil weiter. Wie alt der Mann sei und woher sie ihre Infos habe, will ich wissen, um ihr Gezeter zu unterbrechen. «Das weiss man, lesen Sie keine Zeitung?», raunt sie zurück. Ich gebe Forfait. Als ich sie ein anderes Mal wieder im Bus sah, machte ich das Beste daraus und benutze eine der vorderen Türe – selbstverständlich mit Maske.

Mehr zum Thema