Stadtwärts-Kolumne

Das Ende der Kinobuchstaben in Luzern

Redaktor Simon Mathis schreibt in der Kolumne «Stadtwärts» über das Verschwinden der typischen Kinolettern oberhalb des Eingangs des Kino Moderne in Luzern.

Simon Mathis
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Redaktor Simon Mathis.

Redaktor Simon Mathis.

Bild: Pius Amrein

Als ich vor kurzem der Pilatusstrasse entlang spazierte, blieb ich einen Augenblick vor dem Kino Moderne stehen − und stutzte. Auf dem weissen Gebäude steht jetzt mit dunkeln Lettern «blue Cinema Moderne», mitsamt Logo der Eigentümerin Swisscom. Nüchtern betrachtet überrascht dieser neue Schriftzug kaum: Montiert wurde er im Rahmen des Rebrandings von Kitag Cinemas zu blue Cinema.

Mich als Kinoromantiker erfüllte der Anblick allerdings mit einer gewissen Wehmut. Denn zuvor verkündete das «Moderne» den aktuell laufenden Film jeweils genau an dieser Stelle; mit einzeln angebrachten Lettern. Diesen Schriftzug begutachtete ich stets mit einer leisen Genugtuung. Der Gedanke, dass jemand dort Buchstabe für Buchstabe hinauf gehängt hat, erschien mir immer sympathisch − sympathischer jedenfalls als ein hingeklatschtes und auf Hochglanz poliertes Filmplakat.

Meine Faszination mit diesen Lettern ist vor allem einem Film geschuldet: «Inglourious Basterds» von Quentin Tarantino, der 2009 im «Moderne» lief. Ich kann mich noch lebhaft daran erinnern, wie ich im gut besetzten Saal sass. Das Interesse an diesem Streifen, der den Zweiten Weltkrieg umschreibt, war auch im Originalton enorm. Er sorgte für eines meiner liebsten Kinoerlebnisse.

Nun gibt es in diesem Film eine Szene, in welcher der Nazi Fredrick Zoller (Daniel Brühl) mit der Jüdin Shoshanna Dreyfus (Mélanie Laurent) flirtet, ohne zu wissen, dass sie Jüdin ist. Während des Gespräches hängt Shoshanna den Titel des Filmes auf, der als Nächstes in ihrem Kino anläuft. Der Film als Zufluchtsort vor der rauen Realität und der grausamen Geschichte – diese Szene hat sich in mein Gedächtnis gebrannt. Das Tüpfelchen auf dem i war, dass es für die Lettern eine echte Entsprechung gab: Damals hing am «Moderne» der Titel «Inglourious Basterds».

Der Schriftzug kann aber auch ein Zeichen der Wirklichkeit werden. So geschehen während des Lockdown: Über Monate war beim «Moderne» der Titel des Schweizer Filmes «Platzspitzbaby» zu lesen. Ein Symbol des Stillstandes in der Kinobranche. Eine Branche, die zurzeit – wie viele andere auch – um ihre Zukunft bangt. Das Verschwinden der Filmtitel am «Moderne» mag nur ein Detail sein; aber eines, das den endgültigen Übergang vom physischen zum digitalen Kinosaal androht. Es wäre ein Abschied, der mir schwerfiele.