Stadtwärts-Kolumne
Gutes Geld

Geldausgeben als Akt der Solidarität: Die Krise stellt auch unsere Haltung zu Geld und Konsum auf den Kopf.

Robert Knobel
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Früher, als die Kirche noch im Dorf und Corona noch eine Biermarke war, war ich durchaus konsumkritisch eingestellt: Wieso einen neuen Staubsauger kaufen, wenn der alte noch funktioniert? Weshalb schon wieder auswärts essen, wenn man zu Hause günstiger und gesünder kochen kann? Zumal die alle ja bloss auf mein Geld aus sind – vom Staubsaugerverkäufer bis zum Wirt. Aber nicht mit mir!

Tempi passati. Heute erkenne ich im Geldausgeben einen Akt der Solidarität. So betrete ich derzeit aufrechten Hauptes die Beiz, um mir das Take-away-Mittagessen abzuholen, bestelle bewusst das teurere Menu. Ich tue etwas für die gebeutelten Beizer, kurble die Wirtschaft an. Ob in der Papeterie, Drogerie oder im Baumarkt, ich kaufe meist etwas mehr als nötig – es ist ja für einen guten Zweck. Auch online sitzt das Portemonnaie lockerer als früher und der Strassenmusiker erhält – sofern er gut spielt – mindestens das doppelte von dem, was ich sonst zu geben pflegte.

Kein Zweifel: Die Krise hat uns gezeigt, dass unser Wohlstand nicht in erster Linie von dem Geld abhängt, das wir besitzen, sondern auch von dem, das wir ausgeben. Wobei ich keinesfalls einer «Shop-till-you-drop»-Philosophie das Wort reden will. Im Gegenteil: Wir alle konsumieren heute viel bewusster als vor einem Jahr. Ging man früher gedankenlos mit dem günstigsten Ticket ins Konzert, so unterstützt man heute gezielt Kulturschaffende in Not, etwa mit Crowdfunding. Ähnliches zeigte sich in der Gastronomie: Als die Beizen noch offen haben durften, waren vor allem diejenigen mit grossen Stammpublikum gut gefüllt. Nur wer seine Gäste in normalen Zeiten gut umsorgt hatte, konnte in der Krise auf deren Solidarität zählen. Der Wirt, der wegen einer Thermosflasche auf dem Tisch ein Theater machte, wird mich auch nach dem Lockdown nicht wieder sehen. Die Pizzeria mit dem immer gut gelaunten Kellner hingegen wird meiner Treue gewiss sein. Einzig der Staubsaugerverkäufer, der muss noch etwas warten.