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«Stadtwärts»: Retro in der Waschküche

Alt ist bekanntlich wieder chic. Aber bitte nicht in der Waschküche, findet unser Autor.
Jonas von Flüe
Jonas von Flüe

Jonas von Flüe

Bis 1996 bestanden innerkantonale Telefonnummern nur aus sechs Ziffern. Ich mag mich noch knapp daran erinnern. Die Arztpraxis meines Vaters hat man damals unter 66 22 88 erreicht. Die Firma Verit Electric aus Hunzenschwil unter 47 20 12. So steht es auf dem Trockner in unserer Gemeinschafts-Waschküche.

Aus der gleichen Zeit stammen die Waschmaschinen. Deren vergilbtes Handbuch ist wichtig. Denn dort steht in Schreib­maschinenschrift, wie die beiden Regler zu drehen sind, damit die Kleider so gewaschen werden, wie man es gerne hätte. Ja, unsere Waschmaschinen sind alt – oder positiver formuliert «retro». Überbleibsel aus früheren Zeiten mag ich eigentlich sehr: die einzigartige Valascia in Ambri, der klapprige VW-Bus meines Studienkollegen, der schwere Holzschrank in der Stube meiner Mutter, das FCL-Trikot meines Arbeitskollegen aus den frühen Achtzigern, der Skilift im Mörli, der Fischgrätparkett in der Wohnung eines anderen Kollegen. All das versprüht Charme, darf anecken oder eine «Ecke ab» haben und kann auch mal unpraktisch sein.

Eine Waschmaschine hingegen hat einfach eines zu sein: praktisch. Wäsche rein, Waschmittel rein, Knopfdruck, warten, Wäsche raus – fertig. Doch unsere Retro-Waschmaschinen sind nicht praktisch. Die Dauer des Waschgangs muss man mittels Handbuch (wichtig!) und Erfahrung schätzen. Sie variiert zudem je nach Laune der Maschinen. Und das birgt ein grosses Risiko. An den Maschinen ist nämlich alles alt (oder eben: retro): Bezahlt werden muss mit Münz. Nicht mit einer Karte oder einem Stecker. Nein, mit Münz. Im Jahr 2019, wenn in Luzern sogar Parkgebühren mit Twint bezahlt werden können.

Bei jedem Waschgang gibt es daher zwei Szenarien, die beide nicht befriedigend sind. Szenario 1: Ich füttere den Zähler mit zu wenig Geld. Ergebnis: Die Stromzufuhr wird während des Waschgangs unterbrochen, die Kleider sind nur halb gewaschen, die Waschmaschinentür ist blockiert, der Mieter schaut blöd aus der Wäsche. Deshalb kommt Szenario 2 viel häufiger vor: Ich werfe zu viel Geld in den Münzschlitz, nehme die sauberen Kleider aus der Maschine und schenke unseren Nachbarn 30 Minuten Restzeit. Doch die Zeit der Retro-Maschinen läuft ab. Vor ein paar Monaten wurde die eine Maschine durch eine neue ersetzt. V-Zug. Baujahr 2019. Auch die Zweite wird irgendwann weg sein. Vermissen werde ich sie nicht. Und so werden die Retro-Maschinen bald in Vergessenheit geraten – wie die sechsstellige Telefonnummer.

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