Kolumne

«Stadtwärts»: Von allen guten Geister*innen verlassen

Das Bemühen um politisch korrekte Sprache treibt immer seltsamere Blüten. Auch in Luzern.

Robert Knobel
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Robert Knobel, Ressortleiter Stadt/Region Luzern.

Robert Knobel, Ressortleiter Stadt/Region Luzern.

Täuscht der Eindruck, oder wird die Gender-Debatte wieder leidenschaftlicher geführt als auch schon? In welche Gewässer man sich da verirren kann, zeigt aktuell die Universität Wien mit ihrem neuen «Leitfaden zum geschlechterinklusiven Sprachgebrauch». Demnach ist auf dem gesamten Hochschulgelände die alleinige Verwendung von männlichen Bezeichnungen verboten. Auf die Anrede «Frau» oder «Herr» soll zudem verzichtet werden – man wisse schliesslich nicht, ob sich der «Herr Professor» auch tatsächlich als Mann fühlt.

Auch hierzulande staunt das geneigte Auge bisweilen, was es da so alles lesen muss. Kürzlich schickte ich einen Artikel zum Gegenlesen. Zurück kam ein korrigierter Text, der vor lauter Binnen-Sternchen nur so funkelte. Es ging sogar so weit, dass der Begriff «Mitglieder» in «Mitglieder*innen» korrigiert wurde – obwohl jede und jeder wissen müsste, dass das Mitglied bereits geschlechtsneutral ist. Geradezu rührend bemühte sich auch eine Personalabteilung kürzlich um eine möglichst politisch korrekte Bezeichnung ihrer «Mitarbeitenden». Dumm nur, dass es dann hiess, «der Mitarbeitende» solle das Formular X bis zum soundsovielten retournieren: Gut gemeint – aber am Ende waren wieder nur die Männer gemeint.

Überhaupt: Diese «nd»-Form hat sich ja seit einiger Zeit geradezu inflationär eingebürgert. Kürzlich erbarmte sich eine Sprachwissenschaftlerin in einer Radiosendung der armen «Studierenden»: Diese dürften weder schlafen noch essen, sondern müssten fortlaufend studieren, weil sie sonst ja nicht mehr «studierend» wären… Nicht viel besser ergeht es den «Einwohnenden» der Stadt Luzern. So nennt der Stadtrat seine Schäfchen neuerdings in offiziellen Dokumenten. Doch aktives Einwohnen ist auf Dauer ganz schön anstrengend. Kann man es da jemandem verübeln, wenn es sich irgendwann ausgewohnt hat?  

Aber lassen wir die Wortklaubereien und wenden uns nochmals der Uni Wien zu. Diese begrüsst ihre Schützlinge neu mit «Lieb* Studierend*». Man könnte nun einwenden, diese sollten «lieber studieren» als die Sprache neu zu erfinden. Aber das wäre zu kurz gefasst. Die Gleichberechtigung von Männern, Frauen – und solchen, die sich keinem Geschlecht zuordnen lassen – ist eine sehr berechtigte Forderung. Bloss: Sämtliche Versuche, tatsächliche oder angebliche Missstände über die Sprache zu beheben, endeten bisher in seltsamen bis absurden linguistischen Verrenkungen. Die Uni Wien ist das beste Beispiel dafür. Der Grund ist einfach: Während sich die Sprache gewöhnlich im Laufe der Zeit an die Gepflogenheiten der Menschen anpasst, erhofft man sich in diesem Fall das Umgekehrte: Man ändert zuerst die Sprache und glaubt, das werde sich dann automatisch auf das Bewusstsein der Menschen auswirken. Doch das kann ins Auge gehen. So erlebte ich kürzlich einen Radiomoderatoren, der bei jedem Gender-Sternchen nach Luft schnappte.

Fazit: Die «Inklusions-Sprache» hat das Ei des Kolumbus noch nicht gefunden. Es wäre uns allen jedenfalls zu wünschen, dass uns eines Tages doch noch ein Geist*innen-Blitz ereilt.

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