Kolumne
«Stadtwärts»: Warum ich für einen Faden 175 Franken bezahlt habe

Katzen kümmert der Corona-Ausnahmezustand nicht. Sie leben weiter unbekümmert vor sich hin – vielleicht zu unbekümmert. Unser Journalist Simon Mathis musste deswegen tief in die Tasche greifen.

Simon Mathis
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Simon Mathis.

Simon Mathis.

Meine Freundin macht sich manchmal lustig darüber, dass ich mit unseren Katzen Mar und Baihu so rede, als verstünden sie mich. «Geht von mir runter!», «Seid ruhig!» oder «Nicht krallen!» – das sind nur einige meiner Befehle (oder höflicher: Bitten), die in kätzischer Manier herablassend ignoriert werden. Am ersten Wochenende der Corona-Isolation gesellte sich ein neuer Satz dazu: «Nid ässä!»

Mit diesen Worten ermahnte ich Mar, die an jenem Sonntag mit einem fünfzehn Zentimeter langen Faden herum spielte. Ich sass auf dem Bett und spielte ebenfalls – allerdings ein Videospiel. Neben mir lockte meine Freundin unsere Katze: «Schau mal, ein Würmchen, Würmchen, Würmchen!» Mar – sonst eher eine gemütliche Beobachterin – legte ungewöhnlich grosses Interesse an den Tag. Sie angelte unermüdlich nach dem Faden. Gierig fast.

Mar war wohl deshalb so erpicht auf den Faden, weil sie ihn Baihu nicht gönnte. Der Kater Baihu ist nämlich der wildere und verspieltere der beiden. «So!», mag Mar gedacht haben. «Dieser Faden gehört jetzt mir! Soll der Kindskopf sehen, wo er bleibt!» So aktiv jedenfalls hatte ich Mar noch nie gesehen. Deshalb auch meine Ermahnung, sie solle dieses zappelnde Ding ja nicht essen. Und daher auch die Replik meiner Freundin: «Bist du mal wieder dem Irrglauben aufgesessen, dass sie dich versteht?»

Da geschah es: Mar verschlang den Faden. Stück für Stück und ruckzuck verschwand er in ihrem gierigen Mäulchen. Als uns dämmerte, was da geschah, war es bereits zu spät – der Faden war in Mars Magen gelandet. Unser Grinsen verwandelte sich in ein nervöses Lachen. Sofort fragten wir uns: Wie gefährlich ist das? Google gab Auskunft: Das kann gefährlich sein. Auch die Tierärztin bestätigte das, als ich sie telefonisch um Rat fragte.

«Sie können vorbei kommen, wir kümmern uns darum», sagte sie. Was für eine Erleichterung! Trotz Corona und Sonntag: Auch die Tiere werden weiterhin medizinisch versorgt. Mit dem Auto ging's flugs in die Tierklinik. Auch dort galt es, den Sicherheitsvorschriften zu gehorchen. Nicht nur am Empfang mussten wir auf Abstand gehen, sondern auch im Behandlungszimmer. Meine Freundin setze Mar auf den Behandlungstisch und trat schön brav zwei Meter zurück.

Währenddessen sass ich im Wartezimmer – leicht angespannt und besorgt ob dem Jaulen, das aus dem Behandlungszimmer drang. Nach zehn Minuten war der Faden draussen. Wie das genau vonstatten ging, überlasse ich der Fantasie der Leserschaft. Einmal mehr zeigte sich, dass es sich lohnt, frühzeitig zu handeln statt nur herum zu faseln. Denn: Fäden für 175 Franken haben im Tagesbudget nicht immer Platz.

Immerhin: Zurück bleibt die späte Erkenntnis, dass die Katzen meine Bitten und Anweisungen wohl tatsächlich nicht verstehen.