STÄDTEBAU: Wann wird die Wunde geheilt?

Am Kasernenplatz oder am Inseliquai zeigt sich Luzern nicht von seiner schönsten Seite. Alle Versuche zur Aufwertung scheiterten bisher. Der Stadtarchitekt erklärt, wo der Schuh drückt.

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Hässliche Strassenkreuzung: Der Kasernenplatz heute. (Bild: Manuela Jans-Koch / Neue LZ)

Hässliche Strassenkreuzung: Der Kasernenplatz heute. (Bild: Manuela Jans-Koch / Neue LZ)

Der Kasernenplatz in Luzern mit seinen mehreren parallel zueinander verlaufenden Strassen gilt seit Jahrzehnten als unfertig, unattraktiv und hässlich. Als «Lücke im Stadtbild» bezeichnete ihn 2000 der damalige Stadtrat und Baudirektor Werner Schnieper in unserer Zeitung. «Eine städtebauliche Wunde in Form eines Provisoriums», doppelte der damalige Stadtarchitekt Jean-Pierre Deville nach. Es gab in den letzten Jahrzehnten diverse Anläufe zu einer Aufwertung des Kasernenplatzes, letztmals im Jahr 2002 mit dem Plan, die Uni Luzern dort zu errichten (Olgiati-Würfel). Die Pläne scheiterten. Auch die Idee, dort die Salle Modulable zu bauen, wurde vor einigen Jahren evaluiert – und verworfen. Sie existiert in den Köpfen vieler aber noch immer. Wir fragten den heutigen Luzerner Stadtarchitekten Jürg Rehsteiner, wie er die Zukunft des Kasernenplatzes sieht.

Jürg Rehsteiner, hat die Stadt Pläne für eine städtebauliche Attraktivierung des Kasernenplatzes?

Jürg Rehsteiner*: Nein, konkrete Pläne für bauliche Massnahmen zu einer Aufwertung des Kasernenplatzes gibt es in der Stadtluzerner Baudirektion zurzeit nicht. Vor kurzem hat die Stadt die durchgehende Radwegverbindung von der Geissmattbrücke zum Natur-Museum realisiert; aber das betrifft den Kasernenplatz nur am Rande. Im Bereich zwischen Kasernenplatz und Bruchstrasse erarbeiteten wir mit privaten Liegenschaftsbesitzern eine Entwicklungsstudie; aber auch das betrifft den Kasernenplatz als Aussenraum nur indirekt.

Was denken Sie persönlich: Wie könnte man den Kasernenplatz aufwerten?

Rehsteiner: Natürlich ist der Kasernenplatz hauptsächlich vom Verkehr dominiert und städtebaulich keine Perle. Leider gibt es ähnliche Situationen in vielen Städten, aus heutiger Sicht entstanden dadurch, dass man in den 1960er- und 1970er-Jahren bei der Planung und beim Bau neuer Verkehrsachsen sozusagen mit dem Zweihänder in den Stadtraum eingriff. Man muss auch klar sehen, dass der Einfluss der Stadt allein begrenzt ist, da die Hoheit über den Strassenraum im Bereich Kasernenplatz beim Bund und beim Kanton liegt. Für die Stadt gibt es da wenig Handlungsspielraum.

Was müsste passieren, um die erlahmte Diskussion um den Kasernenplatz wieder zu beleben?

Rehsteiner: Die Autobahneinfahrt Geissmatt bleibt eine Realität. Wenn, dann müsste auf dem Kasernenplatz wohl ein Projekt mit einem sehr hohen öffentlichen Interesse und einer aussergewöhnlichen Nutzung im Raum stehen, wie es seinerzeit der Neubau der Luzerner Uni war. Dann könnte man vielleicht wieder über die Aufwertung des Kasernenplatzes nachdenken. Allerdings müsste man sich dann im Sinne der Priorisierung auch fragen, ob der Kasernenplatz – der leider gar kein Platz ist, sondern primär ein Verkehrsraum – wirklich der erste und wichtigste Ort in der Stadt Luzern ist, den es vordringlich aufzuwerten gilt. Das würde ich klar verneinen.

Die Uni-Pläne am Standort Kasernenplatz scheiterten 2004 grandios, obwohl der Kasernenplatz damals von Stadt und Kanton Luzern klar favorisiert wurden.

Rehsteiner: Ja, ich erinnere mich an das Projekt des Architekten Valerio Olgiati. Weshalb der Olgiati-Würfel begraben werden musste, weiss ich im Detail nicht.

Die Architektur war umstritten. Dazu kam eine Beschwerde gegen das Ergebnis des Architekturwettbewerbs wegen angeblicher Befangenheit eines Jurymitglieds. Schliesslich wurde klar, dass der Raumbedarf der Uni unterschätzt worden war. Zurück zu heute: Was bräuchte es, um ein grösseres Projekt dort zu realisieren? Eine Überdachung der Autobahn?

Rehsteiner: Eine Überdachung löst das Problem nicht, das hat ja auch die erste Stufe des Wettbewerbs von 2002 gezeigt. Die grossen Räume, die unter so einem Dach entstehen würden, sind unattraktiv. Es ist auch nicht ideal, wenn der eigentliche Stadtboden als öffentlicher Raum nur über Treppen und Lifte zu erreichen ist. Ein Planungs- und Bauprojekt am Kasernenplatz dürfte wohl nur dann eine wirkliche Chance haben, wenn auch weiträumig über die Anpassung und Veränderung der Verkehrssituation dort nachgedacht werden könnte. Dies hat aber zurzeit keine Priorität.

Einst war der Kasernenplatz gar im Gespräch als Standort für die Salle Modulable. Die Idee taucht immer wieder auf, obwohl der Kasernenplatz offiziell längst nicht mehr im Rennen ist. Initiant dieser Idee ist der Adligenswiler Architekt Bruno Ackermann, der seinerzeit auch die Idee mit der Uni am Kasernenplatz lancierte (siehe Kasten). Was sagen Sie dazu?

Rehsteiner: Aus den Erfahrungen der ersten Standortevaluation hat man sich entschieden, nur noch Grundstücke einzubeziehen, die im alleinigen Besitz von Kanton oder Stadt liegen. Das ist am Kasernenplatz nicht der Fall. Dazu kommt die Beeinträchtigung durch die bestehenden Strassenführungen und den Verkehr.

Ein grosses Thema ist zurzeit auch ein Parkhaus im Musegg-Hügel. Bei dieser Debatte geht es etwa um die Problematik der Autobahneinfahrt Geissmatt und die Verkehrsbelastung des dortigen Quartiers. Könnte das Parkhaus Musegg Inputs für eine städtebauliche Neugestaltung des Kasernenplatzes liefern?

Rehsteiner: Eine interessante Frage. Es gibt ja beim Kasernenplatz das Parkhaus Altstadt mit 462 Parkplätzen. Das wird man in die gesamtheitlichen Überlegungen zur Kompensation von Parkplätzen sicher in die Betrachtung einbeziehen.

Man spürt, Sie hätten gerne einen attraktiveren Kasernenplatz.

Rehsteiner: Natürlich ist dieser Platz sehr verkehrsbelastet und nicht wahnsinnig attraktiv. Immerhin gibt es einen gewissen Bezug zum Fluss. Tatsache ist aber: Es gibt sehr viele Rahmenbedingungen, die zurzeit gegen eine völlige städtebauliche Neuordnung sprechen. Träumen darf man immer, aber diese Träume sind derzeit weit weg von der Realität, besonders auch von den finanziellen Möglichkeiten der Stadt und des Kantons Luzern. Wie gesagt: Es gibt Orte in Luzern, die aus meiner Sicht vor dem Kasernenplatz aufgewertet werden sollten.

Welche denn?

Rehsteiner: Die Aufwertung des Hirschmatt-Quartiers ist in vollem Gang, die erste Etappe ist erfolgreich abgeschlossen. Der Wettbewerb zur Neugestaltung der Bahnhofstrasse und des Theaterplatzes ist gerade gestartet worden. Bestrebungen zur Aufwertung des Stadtraums gibt es auch in der Kleinstadt. Mit der Neubebauung der ABL-Siedlung Himmelrich III wird das Bleichergärtli aufgewertet, und es entsteht mit dem Clariden-Boulevard ein attraktiver neuer Aussenraum. In Reussbühl wird im Zusammenhang mit dem Seetalplatz die Hauptstrasse zu einem verkehrsberuhigten Raum. Beim Reusszopf entsteht eine attraktive Uferzone. Es passiert also einiges im Bereich der Aufwertung des Aussenraums in Luzern.

Was ist mit dem Inseliquai? Auch dort wird seit Jahrzehnten eine städtebauliche Aufwertung in Aussicht gestellt.

Rehsteiner: Dieser Raum hätte natürlich auch eine Aufwertung verdient. Aber auch hier sind die Rahmenbedingungen nicht einfach. Das Betonwerk Seekag neben der Werft hat noch länger laufende Verträge; bis diese auslaufen, ist eine grosse Veränderung nicht möglich.

Hier könnte die Salle Modulable wieder ins Spiel kommen. Der Inseli-Parkplatz ist ein möglicher Standort. Könnte dies einen Impuls auslösen?

Rehsteiner: Auf jeden Fall. Das könnte die logische und zentrumsnahe erste Etappe der Aufwertung des Uferbereichs vom Inseli bis zur Ufschötti sein.

Interview: Hugo Bischof

Zur Person

Jürg Rehsteiner (53, Bild) ist seit 2011 Stadtarchitekt von Luzern. Er war zuvor unter anderem selbstständiger Architekt in St. Gallen und Dozent an der ETH Zürich.

Der umstrittene Verschönerungsvorschlag des Architekten Valerio Olgiati mit dem Uni-Neubau von 2003. (Bilder Manuela Jans-Koch/PD)

Der umstrittene Verschönerungsvorschlag des Architekten Valerio Olgiati mit dem Uni-Neubau von 2003. (Bilder Manuela Jans-Koch/PD)