STÄNDERATSWAHLEN: Wer zieht für Luzern ins Stöckli?

Fünf Kandidaten für zwei Sitze. Das Rennen um einen Sitz in der Ständeratskammer ist auf der Zielgeraden. Die Mitte hofft auf ein geschnürtes «Päckli». Von rechts und links versucht man, dieses im letzten Augenblick noch aufzuknöpfen. Hier die Ausgangslage vor dem entscheidenden Urnengang vom 15. November.

Ismail Osman
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Das Bundeshaus am Tag der eidgenössischen Wahlen, 18. Oktober 2015. (Bild: Peter Klaunzer)

Das Bundeshaus am Tag der eidgenössischen Wahlen, 18. Oktober 2015. (Bild: Peter Klaunzer)

Bild: Keystone

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SP: Prisca Birrer-Heimo (56)

Wie erwartet, erzielte Prisca Birrer-Heimo im ersten Wahlgang der Ständeratswahlen ihr bestes Resultat in der Stadt Luzern. In diesem Wahlkreis liess sie mit 12 281 Stimmen alle übrigen Kandidaten mit mindestens 2000 Stimmen hinter sich. Birrer wurde zudem klar als Nationalrätin bestätigt. In der Nachbetrachtung dieser Wahl zeigte sich auch, dass sie weit über die Parteigrenzen Sympathien weckt: Niemand sonst hat so viele Panaschierstimmen anderer Parteien erhalten wie Birrer – besonders viele von CVP-Wählern. Auf solche Stimmen ist die 56-jährige Rothenburgerin im 2. Wahlgang dringend angewiesen, wenn der Coup gelingen soll.
Prisca Birrer-Heimo ist diplomierte Wirtschaftsingenieurin und sitzt seit 2010 im Nationalrat. Sie ist nicht zuletzt als Präsidentin der Stiftung für Konsumentenschutz bekannt.
Homepage: www.priscabirrer-heimo.ch

Stärken

  • Kann über die Parteigrenzen hinaus Stimmen holen.
  • Gilt auch bei bürgerlichen als «moderate Linke».
  • Ist als Konsumentenschützerin einer breiten Bevölkerungsschicht ein Begriff.


Schwächen

  • Konnte auf der Landschaft nicht genug mobilisieren.
  • Muss einen grossen Rückstand auf die Konkurrenten wettmachen.
  • Gilt als SP-Frau in manchen bürgerlichen Kreisen grundsätzlich als nicht wählbar.
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SVP: Yvette Estermann (48)

Yvette Estermanns Antreten zum zweiten Wahlgang ist direkt mit dem hervorragenden Abschneiden ihrer Partei bei den Nationalratswahlen verbunden. Mit diesem Rückenwind will die Krienserin aus vierter Position heraus den Sprung ins Stöckli schaffen. Im Gegensatz zu ihren Konkurrenten kann sie dabei weder auf eine gemeinsame Liste mit einer anderen Partei noch mit der Wahlempfehlung einer der nicht antretenden Parteien rechnen. Das war zwar auch bei den Nationalratswahlen der Fall und tat dem SVP-Siegeszug keinen Abbruch. Ob man aber auch bei den Ständeratswahlen ganz ohne Schützenhilfe bestehen kann, wird sich noch zeigen müssen.
Die Krienserin ist seit 2007 Mitglied des Nationalrates. Letztes Jahr erschien zudem ihr erstes Buch mit dem Titel «Erfrischend anders».
Homepage: www.yvette-estermann.ch

Stärken

  • Estermann kann vom Hoch der SVP nach den Nationalratswahlen profitieren.
  • Ihre Wahlergebnisse im Nationalrat sind klar und deutlich.
  • Wäre eine der wenigen bürgerlichen Frauen im Ständerat.

Schwächen

  • CVP und FDP halten geschlossen zusammen.
  • Sie gilt in ihrer Arbeit als Nationalrätin als eher unscheinbar.
  • Machte mit mehreren skurrilen Vorstössen, wie jener zur Abschaffung der Sommerzeit, von sich reden.
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CVP: Konrad Graber (57)

Konrad Graber dominierte den ersten Wahlgang. Das absolute Mehr lag damals in greifbarer Nähe. Der erfahrene Graber dürfte dem 2. Wahlgang deshalb relativ entspannt entgegenblicken. Er kann sowohl auf die eigene Basis wie auch auf die gemeinsame Liste mit der FDP bauen. Auch weil er als bisheriger Ständerat antritt, ist Graber der Kandidat mit den besten Aussichten auf einen erfolgreichen Urnengang. Seine ablehnende Haltung gegenüber einer zweiten Gotthardröhre missfällt jedoch nicht wenigen Bürgerlichen. Zudem macht ihn seine Rolle als Verwaltungsratspräsident bei der Emmi, bei manchen Vertretern der Landwirtschaft unbeliebt.
Konrad Graber ist seit acht Jahren im Ständerat. Zuvor politisierte der eidgenössische Wirtschaftsprüfer während 20 Jahren im Luzerner Kantonsparlament.
Homepage: www.konradgraber.ch

Stärken

  • Konrad Graber ist innerhalb und ausserhalb der Partei sehr gut vernetzt.
  • Das «Päckli» mit der FDP zahlt sich auch für Graber aus.
  • Es geschieht nur sehr selten, dass amtierende Ständeräte abgewählt werden.

Schwächen

  • Seine vielen Mandate lassen immer wieder an seiner Unabhängigkeit zweifeln.
  • Die erstarkte SVP hat vor allem ihn in ihr Visier genommen.
  • Ist manchen bürgerlichen Politikern nicht bürgerlich genug.
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FDP: Damian Müller (31)

Damian Müller wurde am 18. Oktober gefeiert, als habe er die Wahl in den Ständerat bereits geschafft. Tatsache ist, dass der 31-jährige Hitzkircher ein Glanzresultat einfuhr, das so manchen Skeptiker verstummen liess. Die Strategie der gemeinsamen Liste mit der CVP ging für den ambitionierten Müller voll auf. Die Frage ist nun, inwiefern das erneute Antreten der SVP-Kandidatin Yvette Estermann einen Einfluss auf Müllers Wahlchancen hat. Hält das «Päckli» mit der CVP jedoch dicht, müsste die Rechnung von Müller eigentlich erneut aufgehen – dermassen gross war der Vorsprung auf die nächsten Verfolgerinnen nach dem ersten Wahlgang.
Damian Müller wurde mit nur 18 Jahren in den Vorstand der FDP Hitzkirch gewählt. 2011 folgte für den ausgebildeten PR-Fachmann die Wahl in den Kantonsrat.
Homepage: www.damian-mueller.ch

Stärken

  • Damian Müller ist sehr jung und entsprechend «unverbraucht».
  • Er hat das Potenzial, die Liberalen für viele Jahre im Ständerat zu halten.
  • Müller hat die finanziellen Mittel, um einen modernen Wahlkampf zu bestreiten.

Schwächen

  • Er verfügt über vergleichsweise wenig Lebenserfahrung.
  • Ihm werden ein mangelndes politisches Profil und Geltungsdrang vorgeworfen.
  • Bekommt im 2. Wahlgang Konkurrenz von der SVP.
Bild: Neue LZ

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Parteilos: Rudolf Schweizer (52)

Bei der Kandidatur von Rudolf Schweizer über die Wahlchancen zu spekulieren, ist zwecklos. Es geht bei seiner Kandidatur um etwas Grundsätzlicheres. Er ist der Prototyp des «kleinen Mannes», der gegen das übermächtige Polit-Establishment antritt. Immerhin hat seine Kandidatur aufgezeigt, wie extrem schwer bis unmöglich es ist, ohne grosses Budget im Wahlkampf wahrgenommen zu werden. Seine Wahlchancen tendieren gegen Null. Es geht in Schweizers Fall aber sowieso mehr um die Plattform an sich. Jede Stimme für Rudolf Schweizer ist eine Proteststimme gegen die «etablierten» Parteien und Institutionen. Im ersten Wahlgang waren das immerhin rund 4 Prozent der Wähler.
Rudolf Schweizer ist Karosseriespengler und lebt in Malters. Er ist zuvor politisch noch nicht in Erscheinung getreten.
Homepage: www.arbeit-in-balance.ch

Stärken

  • Ist unbestritten der unabhängigste Kandidat.
  • Hat das Potenzial, die Proteststimmen aller Lager für sich gewinnen zu können.
  • Hat bei diesen Wahlen politisch nichts zu verlieren.


Schwächen

  • Ist ein politischer «Nobody» mit praktisch null Erfahrung.
  • Seine genauen Positionen sind schwer zu eruieren.
  • Verfügt nicht über die Mittel, um im Wahlkampf mit den anderen Kandidaten mithalten zu können.

Ismail Osman

Steckt doch noch Zunder im zweiten Wahlgang der Luzerner Ständeratswahlen? Als vor rund drei Wochen die Resultate des ersten Wahlgangs im Lichthof des Regierungsgebäudes eintrafen, sprachen die Zahlen eine deutliche Sprache (siehe Grafik). Zwar schaffte keiner der sieben Kandidaten auf Anhieb den Sprung ins Stöckli. Konrad Graber (CVP, Kriens) und Damian Müller (FDP, Hitzkirch) liessen die Konkurrenz aber deutlich hinter sich. Einer der im Regierungsgebäude anwesenden Zuschauer kommentierte trocken: «Der Mist ist geführt.»

Die Reaktion ist nachvollziehbar, dennoch ist eine stille Wahl wie vor vier Jahren heuer kein Thema: Nebst Graber und Müller wollen es gleich drei weitere Kandidaten nochmals wissen. Jede Kandidatin und jeder Kandidat und auch jede Partei fiebert dem 15. November mit eigenen Ambitionen, Hoffnungen und Erwartungen entgegen. Doch was können und werden die Parteien in dieser zweiten Wahlkampfrunde überhaupt noch tun, damit sich ihr Kandidat an der Urne durchsetzt?

CVP: Poleposition nutzen

Das Topresultat von Konrad Graber war einer der wenigen Lichtblicke an einem ansonsten tristen Wahlsonntag für die Luzerner CVP. Diese wurde an jenem Sonntag von der SVP als wählerstärkste Partei des Kantons abgelöst. Eine historische Trendwende. Allerdings dürfte diese Tatsache kaum Einfluss auf die Wiederwahl von Konrad Graber haben. Graber verpasste das absolute Mehr relativ knapp (1701 Stimmen) und konnte in allen Wahlkreisen ausser der Stadt Luzern die meisten Stimmen aller Kandidaten holen. Kann man bei der CVP also eine ruhige Kugel schieben? «Wir können uns auf keinen Fall zurücklehnen», warnt Parteipräsident Pirmin Jung. «Wir stellen den gemeinsamen Wahlkampf mit der FDP in den Fokus unserer Bemühung.»

In der Praxis bedeutet dies, rund 100 weitere Wahlplakate drucken zu lassen und aufzustellen und auch entsprechende Inserate zu schalten. «Wir müssen der Bevölkerung nochmals verdeutlichen, dass die Mitteparteien die zwei besten Kandidaten für den Ständerat stellen.»

FDP: Sitz verteidigen

Ähnlich sieht es Pirmin Jungs Amtskollege bei den Freisinnigen. Der Parteipräsident und wiedergewählte Nationalrat Peter Schilliger sagt: «Absolut entscheidend wird sein, die Basis nochmals mobilisieren zu können. Wir haben zwar ein tolles Resultat im ersten Wahlgang erzielt, müssen dieses aber jetzt noch ins Trockene bringen.»

Die FDP geht tatsächlich mit einigem Rückenwind in diese zweite Runde. Damian Müller erzielte mit über 54 000 Stimmen ohne Frage ein Glanzresultat. Andererseits ist der Druck auf Müller und die FDP in diesem Wahlkampf ungleich höher, als bei den anderen Kandidaten: Nach dem Rücktritt von Georges Theiler geht es schliesslich darum, den FDP-Sitz im Ständerat zu verteidigen. Die Kritik, dass der politisch noch relativ unerfahrene Müller dazu der falsche Mann sei, ist mit Müllers Abschneiden im ersten Wahlgang aber deutlich widerlegt worden, sagt Schilliger.

Auch wenn das «Päckli» mit der CVP ziemlich luftdicht erscheint: Von Konrad Grabers Verfolgern hat wohl niemand so viel zu verlieren wie Damian Müller und die FDP.

SP: Mehr als nur Schaulauf

Dass die SP mit Prisca Birrer-Heimo eine erfahrene und fähige Kandidatin am Start hat, ist unbestritten. Dass sie sich hauchdünn noch vor SVP-Frau Yvette Estermann an dritter Stelle positionieren konnte, dürfte ebenfalls gut fürs Selbstvertrauen sein. Angesichts der Tatsache, dass Birrer die Wiederwahl in den Nationalrat geschafft hat, können sie und ihre Partei relativ entspannt in den zweiten Wahlgang gehen.

Rein rechnerisch liegt zwar noch alles drin, aber mit Blick auf den Ausgang des ersten Wahlganges drängt sich die Frage auf: Ist dieser zweite Wahlgang für die SP wirklich mehr als ein reines Schaulaufen einer guten Kandidatin? Parteipräsident David Roth beteuert, dass man den Wahlkampf durchaus ernst nehme: «Es bestehen Möglichkeiten, und wir haben Chancen, und diese wollen wir auch nutzen.»

So beschloss SP-Delegiertenversammlung trotz einiger Bedenken, den zweiten Platz der SP-Liste für den zweiten Wahlgang mit Konrad Graber zu besetzen. Hinzu kommt der gemeinsame Wahlkampf mit den Grünen, von denen Birrer die Wahlempfehlung erhalten hat und auf deren Stimmen sie auch unbedingt angewiesen ist.

SVP: Zwei Fliegen mit einer Klappe

Das grösste Fragezeichen im direkten Anschluss an den ersten Wahlgang: Kommt die SVP mit Yvette Estermann nochmals? Auch innerhalb der Partei wurde diese Frage kontrovers diskutiert. Nun tritt sie nochmals an. Was hätte dagegen gesprochen? Man könnte argumentieren, dass Estermann am ehesten Damian Müller Stimmen wegnimmt. Im rechtsbürgerlichen «Worst-Case-Szenario» zu einem solchen Ausmass, dass es die SP als lachende Dritte ins Stöckli zieht.

Andererseits spricht allein die Tatsache, dass man im Rahmen der Nationalratswahlen bei den Wähleranteilen dermassen stark zugelegt hat (28,5 Prozent, eine Zunahme von 3,4 Prozent), für ein erneutes Antreten. Parteipräsident Franz Grüter, selbst frisch in den Nationalrat gewählt, liebäugelt aber auch mit einem möglichen «Best-Case-Szenario»: Yvette Estermann im Ständerat und Vroni Thalmann im Nationalrat. Die aus Flühli stammende Thalmann würde für Estermann in der grossen Kammer nachrücken. «Es hat sich gerade im Entlebuch in dieser Hinsicht eine enorme Dynamik entwickelt», stellt Grüter fest. «Die Möglichkeit, nach dem Abgang von Ruedi Lustenberger trotzdem wieder eine Entlebucher Vertretung und eine echte Vertreterin der Bauern in Bundesbern haben zu können, motiviert immens und ist nicht zu unterschätzen.»

Es sei ein kalkuliertes Risiko, dass man zum zweiten Wahlgang antrete. Eines das man, angesichts dieser Möglichkeiten, bereit sei einzugehen.

Parteilose Schweizer: Aus Prinzip

Mit über 60 000 Stimmen Unterschied trennen Rudolf Schweizer und seine Einmannpartei zwar Welten von Spitzenreiter Konrad Graber. Dennoch war für Schweizer schon am Wahlsonntag klar, dass er bei einem allfälligen zweiten Wahlgang nochmals antreten würde. Auch wenn er frei von realistischen Chancen ist.

So recht mit Schweizer umzugehen, weiss man sowohl im Polit-Establishment wie auch bei den Behörden nicht wirklich: Bestes Beispiel dafür ist die Tatsache, dass die Krienser Behörden Schweizer vergangene Woche drohten, seine Wahlplakate zu demontieren – man schien schlicht nicht gewusst zu haben, dass Schweizer nochmals antritt (Ausgabe vom Mittwoch). Zudem wurde seine Kandidatur vom Radio SRF in solcher Weise nicht ernst genommen, dass man ihn als einzigen Ständeratskandidaten bei einer Podiumsveranstaltung nicht am Gespräch teilnehmen liess.

Grüne und GLP: Für Birrer-Heimo

Sowohl für die Grünen, wie auch für die GLP ist nach dem Rückzug ihrer jeweiligen Kandidaten (Grüne: Louis Schelbert, GLP: Roland Fischer) der aktive Wahlkampf beendet. Beide Parteien haben SP-Kandidatin Prisca Birrer-Heimo ihre Wahlempfehlung ausgesprochen. Im Falle der Grünen verknüpft man dies in Form von Inseraten gleich noch mit der eigenen Ergänzungsleistungsinitiative, über die ebenfalls am 15. November befunden wird.

Hinweis

Vergleichen Sie Ihr Profil mit demjenigen der Ständeratskandidaten: www.luzernerzeitung.ch/nachrichten/wahlen/online-wahlhilfe/

Anzahl Stimmen der Kandidaten im ersten Wahlgang (Bild: Grafik: lsi)

Anzahl Stimmen der Kandidaten im ersten Wahlgang (Bild: Grafik: lsi)