Luzerner Kriminalgericht: 6,5 Jahre Gefängnis und stationäre Massnahme für Messerstecher gefordert

Viermal hat ein 24-jähriger Eritreer auf seine Partnerin und Mutter seiner Tochter eingestochen. Nur durch Zufall blieb die Frau aus einer Luzerner Landgemeinde am Leben.

Roger Rüegger
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In Begleitung zweier Polizisten ist der Beschuldigte am Donnerstagmorgen am Luzerner Kriminalgericht erschienen. Gekleidet in einen weissen Trainingsanzug, mit Bärtchen und längerem krausen Haar, erinnerte er an den verstorbenen Reggae-Musiker Peter Tosh.

Der 24-jährige Mann aus Eritrea hat im Juni 2017 in einer Luzerner Landgemeinde mit einem Küchenmesser viermal auf seine damalige Freundin eingestochen, die in ihrem Zimmer auf dem Bett sass. Zuvor schlug er laut Anklageschrift der Luzerner Staatsanwaltschaft mit Händen und Füssen auf die Frau ein. Die beiden waren fast eine Familie. Sie haben zusammen eine Tochter, die heute vier Jahre alt ist. Sie lebten jedoch nicht zusammen, der Beschuldigte wohnte in einer WG in Luzern.

Bei der Befragung des Gerichts gab er zu, auf die Frau eingestochen zu haben. «Ich wollte sie aber nicht töten, ich war wütend und hatte einen schlechten Tag», führte er via Übersetzer aus. Dieser Tag begann in der Wohnung der Frau, wo die beiden die Nacht verbrachten. Am Morgen fuhr das Paar und die Tochter mit dem Bus nach Luzern in die Wohnung des Beschuldigten. Er trank laut eigenen Aussagen einige Biere.

Sie hatte ihn beschimpft, dann stach er zu

Am Nachmittag kam es zu einer tätlichen Auseinandersetzung. Die Frau sperrte sich im Bad ein, der Beschuldigte trat die Tür ein. Später gab er ihr zirka 300 Franken, damit sie Lebensmittel kaufen kann. Dann verliess er die Wohnung, weil er einen Freund besuchen wollte. Als er zurückkehrte, war die Frau nicht mehr da. Weil er vermutete, dass sie nach Hause gefahren war, begab er sich auch aufs Land, wo es zum Eklat kam.

Dem Gericht sagte der Beschuldigte, die Frau habe ihn zornig gemacht, weil er ihr Geld gegeben habe, sie aber nicht eingekauft habe. Stattdessen habe sie ihn gestossen und beschimpft. Da habe er zugestochen und sie geschlagen. «Ich wollte das nicht tun. Es tut mir leid», entschuldigte er sich.

Erst als die Mitbewohnerin seiner Partnerin im Zimmer auftauchte, hört er auf. Laut Anklage soll er diese bedroht und ihr einen Tritt versetzt haben. Sie rannte daraufhin in ein Geschäft und bat den Inhaber, die Polizei zu verständigen. Dann kehrte sie mit zwei Männern zurück ins Haus. Dort begegneten sie dem Beschuldigten, der zwei Messer auf sich trug. Das Trio flüchtete. Die schwer verletzte Frau konnte sich blutüberströmt aus dem Haus retten. Der Beschuldigte hechtete schliesslich aus dem Fenster und rannte davon. Die ausgerückte Polizei konnte ihn später festnehmen.

Die Staatsanwältin sprach von einer Kaltblütigkeit, mit welcher der Beschuldigte vorgegangen sei.

«Die Tat hinterlässt beim Opfer ein Leben lang Spuren. Die Frau wäre gestorben, wenn sie nicht rechtzeitig ärztlich versorgt worden wäre. Es ist dem Zufall zu verdanken, das sie noch lebt.»

Gemäss forensisch-psychiatrischem Gutachten, das im Mai 2020 erstellt wurde, wird von einer leichten Verminderung der Schuldfähigkeit des Eritreers ausgegangen. Der Mann leidet an einer Schizophrenie. Dennoch wiegt sein Verschulden für die Staatsanwältin schwer. Sie beantragt eine Freiheitsstrafe von 6,5 Jahren. Die Strafe soll aufgeschoben und eine stationäre Massnahme angeordnet werden. Zudem sei er 12 Jahre des Landes zu verweisen.

Der Beschuldigte betonte, er benötige keine Therapie. Die Gespräche würden nerven. Die Medikamente, die man ihm verabreiche, täten ihm aber gut.

Mit massiver Gewalt vorgegangen

Während er meinte, dass er und das Opfer dereinst wieder zusammen finden könnten – er wolle ja für die Tochter und die Frau aufkommen – unterstrich die Vertreterin der Privatklägerin, dass dies kaum der Fall sein werde. «Meine Mandantin hat Angst vor dem Mann. Er ist mit massiver Gewalt vorgegangen und hat ihren Tod gewollt. Sie nimmt seine Anrufe nur entgegen, weil sie sich verpflichtet fühlt, ihm mitzuteilen, wie es der Tochter geht.»

Der Verteidiger plädierte für eine Freiheitsstrafe von 5 Jahren. Jedoch für versuchten Eventualvorsatz. «Es war kein leichtes Vergehen. Der Beschuldigte handelte aber nicht mit dem Vorsatz, die Frau zu töten. Er war in Rage und konnte sich nicht kontrollieren. Im Nachhinein ist ihm bewusst, dass er eine schlimme Tat begangen hatte.» Eine Massnahme bringe kein Resultat, diese Krankheit müsse mit Medikamenten behandelt werden. Dies sei in Eritrea aber unwahrscheinlich, weshalb der Landesverweis abzuweisen sei. Das Urteil wird schriftlich zugestellt.

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