STERBEBEGLEITUNG: Sie weiss, wann die letzte Stunde schlägt

Arbeitskolleginnen am Spital sagten ihr oft: «Sag lieber nichts.» Denn Edeltraud Suter (60) spürt, wenn jemand bereit ist zu sterben. Heute arbeitet sie in der Sterbebegleitung.

Simone Hinnen
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Edeltraud Suter, Stellenleiterin der Luzerner Vereinigung zur Begleitung Schwerkranker, erholt sich oft in der Natur, wie hier auf dem Luzerner Obergütsch. (Bild Nadia Schärli)

Edeltraud Suter, Stellenleiterin der Luzerner Vereinigung zur Begleitung Schwerkranker, erholt sich oft in der Natur, wie hier auf dem Luzerner Obergütsch. (Bild Nadia Schärli)

Edeltraud Suter (60) hat Dutzende von Menschen auf ihrem letzten Lebensabschnitt begleitet. Doch der Tod ihrer Mutter geht ihr immer noch sehr nahe – auch ein Jahr danach. Sie hat Tränen in den Augen, wenn sie darüber spricht. «Das persönliche Erlebnis mit meiner Mutter hat mich gelehrt, wie wichtig es ist, dass der Hinscheidende den Zeitpunkt des Übertretens in eine andere Welt selber wählt. So bleibt der Tod letztlich immer auch ein Geheimnis», sagt sie.

Auch Banker begleiten Sterbende

Die Einsatzleiterin der Luzerner Vereinigung zur Begleitung Schwerkranker sitzt in ihrem Büro in ihrer Wohnung in der Stadt Luzern. Weise blaue Augen, graues Haar. Krankenschwester, Heimleiterin, Sterbebegleiterin waren die wichtigsten Stationen, bevor Edeltraud Suter Stellenleiterin der Vereinigung Schwerkranker wurde. 32 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vom Lehrer bis zum Banker im Alter zwischen 30 und 80 Jahren begleiten ehrenamtlich im Namen der Organisation Stadtluzernerinnen und -luzerner in der letzten Lebensphase. Edeltraud Suter koordiniert und unterstützt ihr Team. Dieses arbeitet vorwiegend nachts, weil so die Angehörigen und das Pflegepersonal am besten entlastet werden können.

Meistens nur eine Nacht

Edeltraud Suters erste persönliche Auseinandersetzung mit dem Tod ging einher mit dem Verlust eines Haustieres. Später, als junge Krankenschwester im Alter von 21 Jahren, verdrängte sie alles, was mit dem Sterben zu tun hatte. «Während meiner Nachteinsätze im Spital wünschte ich mir, dass der todkranke Patient ja nicht jetzt sterben möge, was auch meistens nicht eintraf.»

Vielleicht hat diese Bitte damit zu tun, dass Edeltraud Suter irgendwann das Gespür entwickelte, wann eine Person bereit ist, loszulassen. «Meine Kolleginnen jedenfalls wussten davon. Sie sagten oftmals zu mir: Sag lieber nicht, wann es so weit ist.»

Über den Tod sagt sie heute: «Es geht etwas in Erfüllung und ein Leben zu Ende, das zeitlich begrenzt ist.» In ihrer Zeit als Heimleiterin war es ihr wichtig, dass «die Thematik des Sterbens nicht an den Rand gedrängt wurde». Mittels Ritualen versuchte sie, sich und den Mitarbeitenden die Auseinandersetzung mit dem Verlust eines Heimbewohners zu erleichtern. Auch sie konnte nach dem Tod eines Bewohners nicht einfach unmittelbar zur Tagesordnung übergehen. «Mindestens fünfzehn Minuten brauchte ich jeweils, um wieder einsatzbereit zu sein.» Ohnehin ist die Arbeit als Sterbebegleiterin anspruchsvoll. «Ist man selber nicht im Lot, kann man auch keine Sterbebegleitung machen.»

Sie selber schöpfte jeweils Kraft, indem sie meditierte. Oder Kartenspiele legte. Bei den allermeisten Einsätzen verbringen die Freiwilligen der Vereinigung nur eine Nacht beim Sterbenden. «Acht Stunden sind das Maximum. Für mehr Betreuungszeit reicht die Energie nicht aus.» Einsätze über mehrere Tage hinweg sind die Ausnahme.

Hinterbliebene, die zanken

Während ihrer aktiven Zeit als Heimleiterin hat Edeltraud Suter ganz unterschiedliche Reaktionen erlebt: Sie erzählt von einem Mann, der seine Frau nicht gehen lassen wollte. Umgehend nach dem Besuch der Sterbebegleitung hat er jeweils alle Utensilien versorgt, die in Erinnerung mit der Sterbebegleitung standen. Sie erzählt aber auch von einer Angehörigen, die es taktisch geschickt verstand, den Betroffenen vor dem Gang ins Pflegeheim zu bewahren. Nach Gesprächen konnte die alte Person bereits zu Hause loslassen und sterben – sie konnte somit den Zeitpunkt des Todes selber bestimmen. «Ab und zu spielen sich aber auch komische Szenen am Totenbett ab», sagt sie. «Gewisse Verwandte können sich am Sterbebett über Särge oder Leidzirkulare zanken. Dann ist es Aufgabe der Seelsorgerin, die Anwesenden an ihre Pflichten zu erinnern.»

«Sterbende nehmen viel wahr»

Sie persönlich hat als Sterbebegleiterin oftmals mit dem Sterbenden Themen aufgegriffen, die ihn zeitlebens begleitet haben. «Mit einem ehemaligen Gärtner habe ich übers Gärtner sein gesprochen, mit einem Künstler über seine Kunstwerke. Indem ich mit den Betroffenen darüber sprach, konnten sie diesen Aspekt ihres Lebens loslassen.» Auch wenn der Sterbende gar nicht mehr kommunizieren könne, so finde jeweils ein Austausch statt, sagt Edeltraud Suter. Und sie schliesst mit den Worten: «Sterbende nehmen viel mehr wahr, als wir gemeinhin meinen.»

Die vier Phasen der Trauer

Trauer lässt sich gemäss Verena Kast, Psychologin und Vizepräsidentin des C. G.-Jung-Instituts Zürich, in vier Phasen unterteilen:

Im ersten Moment bewirkt der Tod eines geliebten Menschen oft eine Art Schockzustand, der stunden- oder tagelang anhalten kann. Der Trauernde kann nicht fassen, was geschehen ist und fühlt sich wie erstarrt. In dieser Phase braucht er womöglich jemanden, der ihm beim Erledigen alltäglicher Aufgaben hilft.
Anschliessend brechen meist die Emotionen auf. Der Hinterbliebene wird überwältigt von Gefühlen wie Angst oder Wut und sucht verzweifelt nach einer Erklärung für den Verlust. In diesem Gefühlschaos braucht er jemanden, der ihm zuhört.
Irgendwann beruhigen sich üblicherweise die überbordenden Gefühle, doch in vielen kleinen Situationen des Alltags fühlt sich der Trauernde an den Verstorbenen erinnert – und muss sich immer wieder bewusst machen, dass es den schmerzlich vermissten Menschen nicht mehr gibt. Fachleute nennen es «die Such- und Trenn-Phase». Diese kann Wochen, aber auch Jahre dauern. Sie erfordert vom Umfeld Geduld und Nachsicht, weil sich vieles im Kreis zu drehen scheint.
Ist die Phase des Suchens abgeschlossen, öffnet sich der Blick für die Zukunft. Der Trauernde beginnt, die Welt und sich selber neu zu entdecken. Möglich ist, dass ihm die Helfer früherer Phasen dabei sogar als Hindernis erscheinen und er nach neuen Freunden fürs Leben sucht.

Schematisieren lässt sich der Prozess der Trauer allerdings nicht. Nicht jeder Mensch erlebt das Abschiednehmen in gleicher Weise.