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Behinderte in Luzern: Pionierprojekt zeigt, wie soziale Einbeziehung gelebt wird

Trotz Behinderung in einer ganz normalen Überbauung leben: Das ermöglicht die Stiftung Contenti in der neuen Himmelrich-Überbauung in der Stadt Luzern. Damit sollen Berührungsängste abgebaut werden.
Niels Jost

Es sind schwer zu fassende Schlagwörter, die derzeit von den Luzerner Behörden gepriesen werden. Die «Inklusion» und «Teilhabe» von Menschen mit Behinderungen sollen gefördert werden – so steht es im Gesetz über soziale Einrichtungen, das der Luzerner Kantonsrat letzte Woche gutgeheissen hat.

Bruno Ruegge, Geschäftsleiter der Stiftung Contenti, im hauseigenen Wellnessbereich. Dank der Seitentüre und dem Kran (oben links) können beeinträchtigte Personen in die Badewanne steigen. (Bild: Jakob Ineichen, Luzern 30. Oktober 2019)

Bruno Ruegge, Geschäftsleiter der Stiftung Contenti, im hauseigenen Wellnessbereich. Dank der Seitentüre und dem Kran (oben links) können beeinträchtigte Personen in die Badewanne steigen. (Bild: Jakob Ineichen, Luzern 30. Oktober 2019)

Doch was verbirgt sich hinter diesen Begriffen? Ein konkretes Projekt wird aktuell in der neuen Himmelrich-Überbauung in Luzern umgesetzt, sagt Bruno Ruegge. Er ist Geschäftsleiter der Stiftung Contenti, welche Menschen mit körperlichen Behinderungen Arbeitsplätze und Wohnungen anbietet. 20 dieser Wohnungen befinden sich neu im Himmelrich – also nicht in einer separierten Institution, sondern in einer ganz «normalen» Überbauung, mitten in der Stadt.

Stiftung möchte Begegnungen schaffen»

Auf den ersten Blick scheint dieser Umzug für die beeinträchtigten Personen mit viel Mehraufwand verbunden zu sein. Schliesslich haben sie bis anhin im Bruchquartier gewohnt und gleich in unmittelbarer Nähe in der Gibraltarstrasse gearbeitet. Nun ist der Arbeitsweg deutlich länger. Ein Grossteil der Bewohner muss neu mit dem Bus zur Arbeit fahren. Das sei gewollt, erklärt Ruegge: «So schaffen wir Begegnungsmöglichkeiten.»

Dasselbe gilt für die Anwohner des Himmelrichs. Sie werden künftig automatisch den Menschen mit Behinderungen begegnen. Ruegge hofft, dass sich dadurch allfällige Berührungsängste abbauen lassen. Der ausgebildete Sozialpädagoge betont: «Dem Thema Inklusion müssen sich nicht nur die Menschen mit Behinderungen annehmen. Das ist kein einseitiger Prozess, vielmehr betrifft es die ganze Gesellschaft.»

Verstellbare Küche, Kräne für die Dusche

Doch nicht nur in Sachen Inklusion sei das Himmelrich ein Paradebeispiel. Auch betreffend Bauarbeiten habe man gemeinsam mit der Eigentümerin, der Allgemeinen Baugenossenschaft Luzern (ABL), Neuland betreten. So konnte sich die Stiftung Contenti schon bei der Planung einbringen und den gesamten Grundriss ihrer drei Etagen mitbestimmen. «Das war eine grosse Herausforderung. Denn es gibt keinen Architekten oder keine Organisation, welche über das gesammelte Wissen verfügt, wie man die Bedürfnisse unserer Kunden baulich umsetzen kann und wie dies mit den Anforderungen des genossenschaftlichen Wohnungsbaus abgestimmt werden kann.»

Welche Bedürfnisse das sind, verdeutlicht ein Augenschein. Für Rollstuhlfahrer sind beispielsweise die Gänge breiter als üblich, die Küchenablage und Tische sind in der Höhe verstellbar, sämtliche Türen sind mit Bewegungsmeldern versehen oder lassen sich mittels Knopfdruck öffnen. So sind vier Wohngemeinschaften mit je fünf Ein-Zimmer-Wohnungen und einer Gemeinschaftsküche ausgestattet. In den Wohnungen oder im hauseigenen, kleinen Wellnessbereich gibt es zudem fix installierte Kräne, mit denen die beeinträchtigen Personen leichter zur Nasszelle oder zum Dusch-WC «transferiert» werden können.

Die Küchenablage ist in der Höhe verstellbar: Bruno Ruegge zeigt, wie wichtig das für Menschen im Rollstuhl ist. (Bild: Jakob Ineichen, 30. Oktober 2019)

Die Küchenablage ist in der Höhe verstellbar: Bruno Ruegge zeigt, wie wichtig das für Menschen im Rollstuhl ist. (Bild: Jakob Ineichen, 30. Oktober 2019)

All diese technischen Raffinessen ermöglichen bis zu einem gewissen Grad ein selbstständiges Wohnen. Die Bewohner wissen das zu schätzen. «Ein 70-jähriger Anwohner konnte es beim Einzug kaum fassen, dass er zum ersten Mal in seinem Leben eine eigene Toilette hat», erzählt Ruegge. Ohne Hilfe kommen die Menschen mit Behinderungen aber nicht aus. 28 Mitarbeiter, aufgeteilt auf gut 15 Vollzeitstellen, kümmern sich tagsüber und auch nachts um die Bewohner. Für den 4-Millionen-Ausbau konnte die Stiftung 3,3 Millionen Franken Spenden sammeln.

ABL-Siedlung wird Durchmischung gerecht

Dass die Stiftung Contenti nun ein Teil des Himmelrichs ist, passe in das Konzept der Überbauung, wie ABL-Geschäftsleiter Martin Buob sagt. «Unsere Vision ist eine sehr gut durchmischte Siedlung, in der Alt und Jung, Menschen mit und ohne besondere Bedürfnissen leben können. Die Zusammenarbeit mit der Stiftung Contenti ist für uns Glück und eine Chance.»

Diese Durchmischung widerspiegelt sich auch in den Zahlen: So lebe etwa 20 Prozent der Luzerner Bevölkerung mit einer Behinderung. Das Himmelrich wird diesem Anteil fast gerecht – von den dereinst 250 Wohnungen sind 20 von der Stiftung Contenti gemietet. «Inklusion ist uns wichtig», sagt denn auch Buob. Eine Herausforderung sei es nun, das Thema in den Alltag zu integrieren – und weiterhin voneinander zu lernen.

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