Die Stiftung Wäsmeli Luzern blickt zurück: Es gab eine strenge Heimleiterin, aber wohl keine Missbräuche 

Anlässlich ihrer 125-jährigen Geschichte hat die Stiftung Wäsmeli, die in der Stadt Luzern ein Heim für Kinder und Jugendliche betreibt, in ihrer Vergangenheit geforscht.

Natalie Ehrenzweig
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Das Heim Wäsmeli kurz nach der Eröffnung in den 1920er-Jahren. (Bild: PD/Stiftung Wäsmeli)

Das Heim Wäsmeli kurz nach der Eröffnung in den 1920er-Jahren. (Bild: PD/Stiftung Wäsmeli)

Seraphisches Liebeswerk Luzern – so hiess die Vorgängerorganisation der Stiftung Wäsmeli, die in der Stadt Luzern ein Heim führt. Gegründet wurde sie 1894, also vor 125 Jahren. Die Organisation hatte es sich damals zur Aufgabe gemacht, sich um Kinder, Jugendliche und Familien zu kümmern.

«In einer ersten Phase hat der Verein Familienplätze für sogenannt gefährdete Kinder und Jugendliche organisiert. Sie waren also auch im Pflegekinderwesen involviert», sagt René Rinert, heutiger Wäsmeli-Heimleiter. Der Verein entstand aus dem Drittenorden der Franziskaner. Die Mitglieder haben Freiwilligenarbeit geleistet. «Was im Sitzungsprotokoll und auch aus anderen Unterlagen klar wird: Sie haben ihre Arbeit sehr umsichtig gemacht», sagt Rinert. «Die potenziellen Adoptiv- und Pflegefamilien wurden vorher besucht. Und ging es den Kindern dort nicht gut, wurden sie allenfalls auch wieder abgeholt und zu einer anderen Familie gebracht.» Und weiter:

«Die Kinder hatten immer genug
Essen und Kleider, was damals nicht selbstverständlich war.»

1920 wurde das Heim mit 60 Plätzen eröffnet. So sah es damals aus, wie diese Ansichtskarte aus den Anfangsjahren zeigt:

Bis heute sei wichtig, dass die Jugendlichen eine Berufsausbildung machen. Das Eintrittsalter beträgt im Schnitt 15 Jahre, so Rinert. «Wir verfolgen drei Ziele, wenn ein Kind bei uns platziert wird: Entlastung der Situation daheim, vorwärtskommen mit den eigenen Zielen und die regelmässige Überprüfung, ob der stationäre Aufenthalt noch nötig ist.»

Kirche ist nicht mehr involviert

Die Kirche ist im Wäsmeli nicht mehr involviert. Zu Beginn betreuten Baldegger Schwestern die Kinder, ab 1940 wurden diese nach und nach durch Sozialarbeiter abgelöst. 2011 übernahm schliesslich die dafür neu gegründete Stiftung Wäsmeli die Trägerschaft des Heims. Die Kinder und Jugendlichen werden heute von der Kesb in eingewiesen. Im Heim leben sie nun in Einzelzimmern, so dass noch 37 Personen Platz finden.

Das Jubiläum wird im Wäsmeli einerseits mit einem Quartierfest am 8. September und andererseits mit der Herausgabe einer Jubiläumsschrift an der GV im Herbst gefeiert. «Mir war etwas mulmig, als wir die Aufarbeitung der Stiftungsgeschichte in Auftrag gaben», sagt Rinert. «Umso erleichterter war ich, als keine Missbräuche zum Vorschein kamen.» Allerdings hätte mal ein Präsident in den 1930er Jahren der Oberin in Baldegg geschrieben, dass die Oberschwester zu streng sei, man solle eine andere schicken. Rinert vermutet:

«Dass es bei uns offenbar zu keinen Übergriffen kam, könnte daran liegen, dass es eine unabhängige, weltliche Kontrolle durch den Vorstand gab.»

Die Stiftung hat sich in den 125 Jahren stetig weiterentwickelt. Im Heim-Neubau wurden 1973 Familienwohnungen realisiert, weil der damalige Präses der Kapuziner fand, für die Entwicklung der Kinder wäre es besser, in familiären Strukturen zu leben. Diese Familienplätze gibt es nicht mehr, dafür bietet die Stiftung seit 2006 sozialpädagogische Familienarbeit. Im Moment werden jährlich über vierzig Familien betreut.

Rolle der Eltern hat sich verändert

Verändert hat sich auch die Arbeitshaltung: «Früher war viel klarer, wie ein ‹gutes › Kind sein sollte. Heute arbeiten wir individuell», so Rinert. «Ausserdem nehmen die Eltern viel mehr Teil an der Arbeit, kommen zum Beispiel vorbei, um die Kinder ins Bett zu bringen oder die Hausaufgaben zu machen. Wir sind ein Team.» Eine grosse Herausforderung sei, dass viele Eltern damit hadern würden, Regeln zu formulieren und durchzusetzen. «Dafür ist die junge Generation gut gebildet, kennt ihre Rechte und ist selbstbewusst.»

Die Jugendlichen bleiben in der Regel drei Jahre im Heim. Viele Ehemalige sehe man wieder. «Sie kommen spontan vorbei, um ihr neues Auto zu zeigen oder ihre Freundin vorzustellen», freut sich Rinert. Auch an den Heim-Anlässen nähmen sie noch regelmässig teil.

Infos: www.waesmeli.ch; Heimfest: Samstag, 8. September, 11 –16.30 Uhr. Die Jubiläumsschrift kann man ab dem 20. November auf der Webseite bestellen.