Luzerner Kriminalgericht reduziert bedingte Freiheitsstrafe: Sexualtäter erhält 20 statt 24 Monate

Ein Mann hat seine minderjährige Stieftochter während Jahren im Intimbereich berührt. Nun wurde er vom Luzerner Kriminalgericht verurteilt.

Evelyne Fischer
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Der seelische Schmerz der jungen Frau muss immens sein. Ihr Stiefvater hat sie sexuell missbraucht – über Jahre. Erstmals berührte er sie im Intimbereich im Alter von sechs Jahren. Letztmals, als sie zwölf war. Mindestens neun Mal kam es zu Übergriffen. Am Mittwoch musste sich der Beschuldigte dafür vor dem Luzerner Kriminalgericht verantworten. Der 52-Jährige, ein stämmiger Mann im viel zu grossen Pullover, beteuerte seine Unschuld. «Die Berührungen entsprachen einer normalen Vater-Tochter-Beziehung.»

Der Staatsanwalt und die Rechtsbeiständin der heute 19-jährigen Privatklägerin verlangten eine Verurteilung. Wegen mehrfacher sexueller Handlungen mit Kindern. Sie beantragten eine Freiheitsstrafe von 24 Monaten, bedingt bei einer Probezeit von zwei Jahren. Die Rechtsbeiständin forderte zudem eine Genugtuung von 20'000 Franken. Das Urteil, das noch nicht rechtskräftig ist, gaben die Gerichtspräsidentin und die beiden Richter schon eineinhalb Stunden später bekannt: 20 Monate bedingt, Genugtuung von 7000 Franken.

E-Mails und SMS weisen auf Übergriffe hin

Der Verteidiger hatte einen Freispruch verlangt. Vier-Augen-Delikte seien sehr schwer zu beurteilen. Bis heute fehle jeglicher Beweis, dass es sexuelle Handlungen gegeben habe. «Ausser zwei Personen in diesem Saal weiss niemand, was passiert ist.» Das Gericht stützte sich indes auf Dokumente wie E-Mails und SMS, die das Gegenteil zeigen. Auf Nachfrage habe das Opfer die Übergriffe detailliert beschreiben können, habe den Beschuldigten dennoch nicht übermässig belastet, ihre Aussagen seien glaubhaft.

Die junge Frau, die sich lange selber verletzte und noch heute keine körperliche Nähe erträgt, wuchs mit zwei Geschwistern in schwierigen Verhältnissen auf. Aufgrund finanzieller Probleme verlor die Familie mehrmals ihre Bleibe, die Taten ereigneten sich an fünf Wohnorten; von 2006 bis 2010 im Kanton Luzern, danach in Italien und im Tessin. Die Ehe des Beschuldigten war zerrüttet, er flüchtete sich in den Alkohol.

Stiefvater sprach «von einem kleinen Geheimnis»

Laut Staatsanwalt hat die Privatklägerin die Übergriffe lange nicht als falsch empfunden. Auch, weil der Stiefvater gesagt hatte, dies sei «ihr kleines Geheimnis». Mit zwölf habe sie realisiert, dass ihr Unrecht geschehen sei, vor zwei Jahren liess sie Strafklage erheben.

Das Gericht hat keine Zweifel, «dass sich die dargelegten Sachverhalte so abgespielt haben». Der Beschuldigte sei aber nicht einschlägig vorbestraft, auch sei sein Vorgehen nicht von Brutalität geprägt gewesen. Man stelle ihm keine negative Prognose. «Zynisch kann man sagen: Seit 2012 ist nichts mehr passiert, obwohl er Gelegenheit dazu gehabt hätte.»