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STRASSENSTRICH: Mehr Betreuung für Prostituierte im Ibach

Der Container für Sexarbeiterinnen im Ibach wird rege genutzt. Nun sollen die Öffnungszeiten ausgedehnt und eine WC- Anlage aufgestellt werden.
Beatrice Vogel und Sandra Monika Ziegler
In diesem Container im Luzerner Ibach können Sexarbeiterinnen über Probleme reden. (Archivbild Philipp Schmidli)

In diesem Container im Luzerner Ibach können Sexarbeiterinnen über Probleme reden. (Archivbild Philipp Schmidli)

Beatrice Vogel und Sandra Monika Ziegler

Den Sexarbeiterinnen im Luzerner Ibach sitzt der Schock noch immer in den Knochen: Im Herbst 2014 wurde die Leiche einer 36-jährigen bulgarischen Prostituierten, die im Ibach arbeitete, in der Harissenbucht in Stansstad gefunden (wir berichteten). Vom Täter fehlt nach wie vor jede Spur. Da es sich um ein laufendes Verfahren handelt, wird der Ermittlungsstand nicht kommuniziert. Die Untersuchung führt die Staatsanwaltschaft Nidwalden.

Im Nachgang an das Tötungsdelikt war im Ibach der Beratungscontainer des noch jungen Pilotprojekts «Hotspot» für sieben Wochen geschlossen worden – zum Schutz der freiwilligen Mitarbeiterinnen. Jetzt arbeiten bezahlte Betreuerinnen hier. Das Angebot wurde inzwischen ausgebaut: Statt wie anfänglich zweimal ist der Container dreimal pro Woche während drei Stunden geöffnet.

Tägliche Patrouillen

Seither wurde auch das Sicherheitskonzept überarbeitet. Die Luzerner Polizei patrouilliert im Gebiet Ibach abends und nachts im Rahmen ihrer Möglichkeiten und Ressourcen mehrmals, wie es auf Anfrage heisst. Sie zeige Präsenz und führt sowohl bei Freiern wie auch bei Prostituierten Kontrollen durch. Grössere Zwischenfälle hat es in den letzten Jahren nicht gegeben.

Doch die Bedingungen müssten trotzdem verbessert werden, heisst es beim Verein Lisa (Luzerner Verein für die Interessen der Sexarbeiterinnen), der den Hotspot seit Dezember 2013 betreibt. Der Container dient den Sexarbeitenden als Treffpunkt, Aufenthaltsraum und Beratungsstelle. Hier können sie Kaffee trinken und Kondome beziehen und Informationen holen.

Verein wünscht Verbesserungen

Birgitte Snefstrup hat die Geschäftsleitung des Vereins Lisa und die Projektleitung für den Hotspot inne. Die diplomierte Sozialpädagogin beschreibt die derzeitige Situation im Ibach so: «Aktuell kann neben dem Container auch ein Toi-Toi-WC benützt werden. Dies ist aber trotz häufiger Reinigung meist in einem verschmutzten Zustand, da es 24 Stunden offen ist und somit auch von anderen benutzt wird.» Da der Hotspot nur an drei Abenden pro Woche geöffnet hat, ist das Toi-Toi meist die einzige sanitäre Anlage für die 15 bis 20 Sexarbeiterinnen, die dort tätig sind. Ist der Container zu, können sie sich nicht einmal die Hände waschen.

Die Verbesserungswünsche des Vereins sind bescheiden: Freier Zugang zu fliessendem Wasser und eine Frauentoilette, so Snefstrup. «Die Bestrebungen dazu laufen bereits, und diese Verbesserungen sollten bald Realität werden können.» Als oberstes Ziel hat sich der Verein die Erweiterung der Öffnungszeiten während der Wintermonate gesetzt. Einerseits, damit sich die Sexarbeiterinnen aufwärmen können. Andererseits, weil das Angebot auf grossen Anklang stösst.

Ein weiteres Ziel ist ein zweiter Container, der als Behandlungszimmer genutzt werden könnte. Doch dazu fehlt das Geld – wie viel genau, gibt der Verein nicht bekannt. Mittels Fundraising sollen nun die finanziellen Mittel zusammenkommen. Derzeit werden fleissig Spenden gesammelt, denn die Mitfinanzierung von Stadt und Kanton ist nur bis Ende 2017 gesichert. Sie unterstützen den Verein derzeit mit je 50 000 Franken pro Jahr.

Sprachprobleme

Im Container arbeitet ein Team von sieben Frauen, alle haben eine Ausbildung im sozialen Bereich und werden für ihren Einsatz vom Verein Lisa bezahlt. Es sind jeweils zwei Frauen anwesend, welche die Sexarbeiterinnen aus Bulgarien, Ungarn oder Kamerun betreuen. Eine der sieben Mitarbeiterinnen, die im Hotspot zum Einsatz kommen, ist die Sozialarbeiterin Eliane. Sie schildert, mit welchen Problemen sich die Frauen im Container melden. «Die Fragen gehen querbeet. Das können Fragen zu Verhütung, Hygiene, Mieten, zu Haushaltsthemen oder auch zu Rechnungen und Briefen von Behörden, Krankenkassen oder Ämtern sein.» Zwar würden einige etwas deutsch sprechen, doch um das Beamtendeutsch zu verstehen, reiche es eben nicht. Doch nicht nur mit Problemen kommen die Frauen – oft auch einfach zum Small Talk. Die Stimmung, so Eliane, sei familiär und herzlich. Der Umgang miteinander sei wertschätzend, und auch Humor komme nicht zu kurz.

Hilfe aus erster Hand

Die Nähe zu den Sexarbeiterinnen ist sehr wichtig. «Wir erfahren so aus erster Hand und nicht über sieben Ecken, wo Hilfe nötig ist», so Eliane. Sie schätzt die Frauen als gesundheitsbewusst und sehr gepflegt ein. Die Sozialarbeiterin machte ihre ersten Erfahrungen in diesem Milieu in Berlin. Dort arbeitete sie als Sozialarbeiterin in einer Beratungsstelle für sich prostituierende Frauen und Transfrauen. «Vergleichen kann man das jedoch nicht. Dort waren die Sexarbeiterinnen rund um die Uhr auf der Kurfürstenstrasse, einer zentralen Strasse.» Das habe zur Folge, dass das Gewerbe in Berlin eine andere Akzeptanz erfahre als hier. Eliane schätzt die Schweizer diesbezüglich reservierter ein. «Das zeigt nur schon der abgelegene Standort im Ibach», so Eliane. Für die Frauen sei der Hotspot ein wichtiges Angebot. «Es ist gar nicht mehr wegzudenken.»

Die medizinische Betreuung übernehmen vier Ärztinnen ehrenamtlich. Einmal pro Woche ist eine von ihnen vor Ort. Zum Team gehört auch Brigitte Schubiger. Die medizinischen Anliegen der Sexarbeiterinnen betreffen gemäss Schubiger oft Harnwegsinfektionen, Schwangerschaftstest und -verhütung. Ebenso beschäftigen allgemeine medizinische Probleme wie Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Allergien oder andere Infekte. «Das sind Fragen, die sie in ihren Heimatländern nicht so zwanglos stellen können», sagt Schubiger.

Schnelltests für Krankheiten

Die Situation sei aber nicht vergleichbar mit einer «normalen» Sprechstunde, nur schon weil die Untersuchungs- und Behandlungsmöglichkeiten im Container sehr beschränkt sind. Es fehlt ein Behandlungszimmer für Einzelgespräche und gynäkologische Untersuchungen. Schubiger: «Die Schnelltests zu Harnwegsinfektionen können gemacht werden. Doch es gibt diverse Schnelltests für sexuell übertragbare Erkrankungen, die wir nicht anwenden können. Und genau das wäre wichtig, damit sich die Erkrankungen nicht ausbreiten.»

Darum ist der Verein Lisa bestrebt, einen zweiten Container aufzustellen. «Da könnten wir im intimeren Rahmen untersuchen und dann schneller handeln. Und wenn nötig, gleich die richtige Medikamentierung verschreiben», erklärt Schubiger. Bis dahin könnten nur einfache Diagnosen erstellt und Ratschläge erteilt werden. Ob diese befolgt werden, ist nicht immer klar. «Wir können nur Empfehlungen abgeben», sagt die Ärztin. Die Frauen seien aber sehr gesundheitsbewusst. «Oft sind sie ja Mütter, die hier den Unterhalt für ihre Kinder verdienen. Da schauen sie schon im eigenen Interesse darauf, keinen Ausfall zu haben.»

Hinweis

Infos zum Verein Lisa: www.verein-lisa.ch

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