STROM: Zwei, die von einem Energietal träumen

Würde das Surental eine Vielzahl grüner Energiequellen anzapfen, könnte es sich selbst versorgen. Doch die Studie zweier Studenten zeigt: Wer die Natur nutzen will, muss mit Gegenwind rechnen.

Evelyne Fischer
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Nico Meier (links) und Lucas Albin haben eine Studie zum Energiepotenzial des Surentals verfasst. (Bild Eveline Beerkircher)

Nico Meier (links) und Lucas Albin haben eine Studie zum Energiepotenzial des Surentals verfasst. (Bild Eveline Beerkircher)

Evelyne Fischer

Wie das Surental in Zukunft genau aussehen wird, das wissen Nico Meier und Lucas Albin nicht. Wie es ausschauen sollte, hingegen schon: In ihrer Vision thronen im Jahr 2050 auf dem Hügelzug ob Triengen fünf Windräder. 120 Meter hoch ragen ihre Masten gen Himmel. Solarpanels glitzern in der Sonne, bedecken das hinterste und letzte Dach des Surentals. Erdwärme würde über eine Geothermie-Anlage nutzbar gemacht, Gülle in Biogas umgewandelt. Und mittels Vergasung liesse sich aus Holzhackschnitzeln Strom gewinnen. «Würde all dies realisiert, könnte sich das Surental komplett selbst versorgen», sagt Lucas Albin – worauf Kollege Nico Meier auch gleich ein «Aber» nachschiebt. Mit dem Anzapfen all dieser Energiequellen könnte zwar der Bedarf des Surentals gedeckt werden – aber nur im Jahresschnitt. «Sonnenkraft oder Windstärke richten sich meist nicht nach unserem Bedarf», sagt Meier. «Und elektrische Energie lässt sich bislang nicht effizient speichern.»

Klick für Klick von Dach zu Dach

Den beiden Absolventen der Hochschule Luzern weht an jenem Tag in Triengen die Bise um die Ohren. Wo die beiden herkommen, ist man punkto grüner Energie quasi aus dem Schneider: Lucas Albin (29) und Nico Meier (26) stammen aus dem Bündnerland, dem Kanton der zwölf Stauseen. Das Studium der Gebäude- respektive der Elektrotechnik zog die beiden in die Zentralschweiz. Ihre gemeinsame Bachelorarbeit verbindet sie selbst zwei Jahre nach Abschluss noch mit Luzern.

1000 Stunden lang tüftelten die beiden an ihrer Studie. Klickten sich mit einem Programm virtuell durch jedes Hausdach des Surentals, um das Potenzial für Solarpanels zu ergründen. Kalkulierten das Bevölkerungswachstum und den damit einhergehenden steigenden Energieverbrauch. Prüften, wie viel Wald abgeholzt werden könnte. Mit all diesen Berechnungen fütterten sie den Computer, worauf dieser Ziffer um Ziffer ausspuckte. «Big Data, im wahrsten Sinne des Wortes», sagt Nico Meier. «Wir verbrachten eine gefühlte Ewigkeit damit, die Zahlen in brauchbare Aussagen zu verwandeln.»

Vom Preis der grünen Energie

Ob das geschilderte Szenario je Rea­lität wird? Nico Meier zuckt mit den Schultern. «Die Atomkraftwerke werden stillgelegt und für eine Lücke sorgen, die wir schliessen müssen.» Entweder indem die Schweiz die Probleme weiter abschiebe und sich mehr und mehr in Abhängigkeit ausländischer Stromwerke begebe. «Oder indem sie selber etwas unternimmt», sagt Meier. Dafür sei die Versorgungssicherheit im Moment aber noch zu hoch, zu niedrig die Stromausfallquote. «Erst aus der Not heraus ginge es in Sachen Energiewende einen zünftigen Schritt weiter.» Denn etwas gelte es in der ganzen Diskussion nicht zu vergessen, sagt Lucas Albin: «Wer den grünen Weg gehen will, muss auch den Preis dafür zahlen.» Windräder seien das beste Beispiel. «Sie kosten viel Geld, sie sind ein Eingriff ins Landschaftsbild, sie werfen Schatten, sie machen Rotor­geräusche. Diese Probleme lassen sich nicht aus der Welt schaffen.»

Die CKW gehen über die Bücher

Um die Bachelorarbeit der beiden Studenten in die Realität umzusetzen, müsste eine Lösung für die schwankende Stromproduktion gefunden werden. Dazu bräuchte es Millionen an Investitionen, um die Netzstabilität zu garantieren. Eine «vorausschauende Netz­planung» sei dafür Pflicht, sagt Jürgen Müller, Leiter Operatives Assetmanagement bei den CKW. Die Stromversorgerin bot den beiden Studenten als Industriepartner fachliche Unterstützung. «Solche praxisnahen Projekte sind für alle Beteiligten von grösstem Nutzen», sagt Müller. Immer mehr Luzerner besässen heute eine eigene Fotovoltaikanlage. «Die Zahl lokaler Stromproduzenten nimmt zu.» Die Studenten hätten untersucht, wie sich dies auf das Versorgungsnetz auswirken dürfte. Es zeigte sich: «Übersteigt die zusätzliche Strommenge den heutigen Verbrauch um 40 Prozent, ohne dass wir die Infrastruktur ausbauen, drohen weiträumige Überlastungen im Netz.»

Dass ihre Studie nun von den CKW weiterverwendet werde, sei «der Hammer», sagt Meier. «Wir sind stolz, keine Schubladenarbeit abgeliefert zu haben», so Albin. Wenn ihnen die Untersuchung eines aufgezeigt habe, dann die Dimensionen eines solchen Projekts «und die Distanzen, die dafür noch zurückgelegt werden müssen». Ein Meilenstein auf diesem Weg dürfte «Smart Grid» sein, ein intelligentes Stromnetz. Dieses würde den Bedarf aufzeigen, den Verbrauch, aber auch die vorhandene Energie. «Das System steckt noch in den Kinderschuhen und braucht extrem viele Daten», sagt Albin. Doch komme es dereinst ins Rollen, würde das Netz automatisch dorthin Energie liefern, wo diese gerade benötigt wird. «Wie weit aber jeder bereit wäre, die CKW wissen zu lassen, wann er bügelt oder seinen Bart rasiert, wäre dann eine andere Frage», sagt Albin und lacht. Die Antwort darauf ist Zukunftsmusik. Ebenso wie die fünf Windräder und Abertausende Solarpanels im Surental.

«Solaranlagen wurden trendig»

surentaler Energie fi. Ideell unterstützt wurde die Arbeit der beiden Studenten von der Vereinigung Surentaler Energie. «Wir freuen uns, dass das Surental als Spielfeld der Untersuchung ausgewählt wurde», sagt Geschäftsführer Beat Lichtsteiner. Er gebe dem Projekt Chancen. «Wie lange es dauert, bis sich das Surental selber mit Strom versorgen kann, hängt indes noch von verschiedenen Entscheiden bezüglich der Nutzung alternativer Energiequellen ab.» Die Idee, sich selber mit Strom zu versorgen, verfolgen die Surentaler Gemeinden bereits seit 2011: Innerhalb von fünf Jahren wollten sie damals 100 neue Solaranlagen initiieren. «Wir werden 2016 das Ziel deutlich übertreffen. Selber Strom zu produzieren, wurde richtig trendig», so Lichtsteiner.

Wie viel Leistung alle Anlagen erbringen, lasse sich im Moment noch nicht genau beziffern. «Jede einzelne Kilowattstunde ist von Bedeutung. Wichtig ist aber auch das Signal, das die Surentaler Bevölkerung mit ihrem Willen ausstrahlt, Strom selber zu produzieren.»

Zehn Solar-Grossanlagen

Die Surentaler Energie peilt bereits ein neues Ziel an: Zehn «substanzielle» Grossanlagen – Installationen mit einer Fläche von gegen 400 Quadratmetern. Der Zeithorizont dafür ist nicht definiert. Lichtsteiner: «Unser Ziel ist und bleibt eine möglichst hohe Energieeigenversorgung. Wir sind uns aber bewusst: Mit Solaranlagen allein lässt sich dieses nicht erreichen.» Es gelte, Strom zu sparen und weitere Energiequellen wie Erdwärme, Biomasse und Wind zu erschliessen – ein Schluss, zu dem auch die beiden Studenten kommen.