Studenten aus aller Welt bauen auf dem Pilatus eine Weltraum-Basis

Roboter-Gärtner, 3D-Drucker und Augmented-Reality-Brillen: Der Gipfel des Pilatus wird zum Schauplatz eines astronomischen Forschungsprojektes, das einem Science-Fiction-Film entstammen könnte.

Simon Mathis
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Das Weltraum-Habitat wird auf dem Picknickplatz entstehen, der sich unter dem Weg zum Oberhaupt des Pilatus befindet – ganz unten im Bild vor der Treppe.

Das Weltraum-Habitat wird auf dem Picknickplatz entstehen, der sich unter dem Weg zum Oberhaupt des Pilatus befindet – ganz unten im Bild vor der Treppe.

Bild: Corinne Glanzmann, Kriens, 22. September 2019

Jetzt ist es offiziell: Das astronomische Forschungsprojekt Igluna findet nächstes Jahr auf dem Gipfel des Pilatus statt, wie das Swiss Space Center in Lausanne mitteilt. Bis anhin waren genauer Standort und Zeitplan des provisorischen «Weltraum-Iglus» unklar. Rund hundert Studenten aus aller Welt testen auf dem Pilatus vom 10. bis 19. Juli 2020 Technologien, die dem Menschen ein Überleben unter Extrembedingungen erlauben.

Der Pilatus simuliert dabei vor allem die Abgeschiedenheit und räumliche Distanz zum Kontrollzentrum. Denn ein solches Weltraum-Haus muss von der Ferne und automatisiert aufgebaut werden, damit die ersten Menschen, die etwa auf den Mond oder den Mars reisen, sogleich lebensfreundliche und gemütliche Räume vorfinden. Das Igluna-Projekt findet nächstes Jahr zum zweiten Mal statt, die erste Ausgabe wurde heuer in Zermatt abgeschlossen.

In Zermatt befand sich das Iglu in einem Gletscher:

So sah das Weltraum-Iglu in Zermatt aus.

So sah das Weltraum-Iglu in Zermatt aus.

Bilder: Swiss Space Center/Eva Buchs/PD

Natürlich abgegrenzter Versuchsort

Die Pilatus-Bahnen stellen den nötigen Platz für das Projekt Igluna zur Verfügung. Von der Zivilisation abgeschnitten ist der Ort allerdings nicht unbedingt. Denn das igluförmige, aufblasbare Habitat wird direkt neben dem Hotel Pilatus-Kulm aufgebaut, im Anschluss an die Panorama-Terrasse in westlicher Richtung. Besucher nutzen diesen Ort im Sommer normalerweise als Picknick-Platz.

«Ein Vorteil des Standortes ist, dass er auf natürliche Weise abgegrenzt ist», erläutert Tobias Thut, Marketingleiter der Pilatus-Bahnen. «Es gibt nur einen Zugang, gegen das Oberhaupt ist er durch eine Felswand geschützt.» Man müsse ihn also nicht aufwendig absperren. Ausserdem befinde sich immer ein Vertreter des Swiss Space Centers vor Ort, um den Ablauf der Experimente zu überprüfen.

Ein Teil der Studenten, die im Sommer 2020 Luzern besuchen werden.

Ein Teil der Studenten, die im Sommer 2020 Luzern besuchen werden.

Da das Habitat abseits des Besucherstroms stehen werde, bringe es keine Einschränkungen für die Gäste mit sich. «Wir wollen den Besuchern allerdings erklären, was es mit dem Projekt auf sich hat», so Thut. Zusammen mit den Projektinitianten werden vorab geeignete Informationsmittel erstellt.

«Für uns ist das Projekt sehr spannend», hält Thut fest. «Zwar geht es bei den Experimenten nicht um den Berg, aber auf dem Pilatus fühlt man sich vor allem in der Nacht der Unendlichkeit des Universums sehr nahe. Die Milchstrasse ist hier gut sichtbar.» Auch die direkte Sichtlinie zum Verkehrshaus sei ein schönes Symbol; denn von dort aus werden die Studenten die Gerätschaften im Weltraum-Habitat fernsteuern.

Ein Kontrollraum zwischen Flugzeugen

Der Kontrollraum des Habitats wird im Erdgeschoss der Halle Luftfahrt des Verkehrshaus aufgebaut – zwischen den Vitrinen zur Geschichte der Luftfahrt und der südlichen Glasfassade. «Die Besucher können die Tätigkeit der Studenten beobachten», sagt Eva Buchs, Mediensprecherin des Swiss Space Center. «Wir werden aber auch Zeit brauchen, um in Ruhe zu forschen. In Zermatt hatten wir dieses Jahr fast zu viele interessierte Zuschauer», so Buchs. «Das kann ablenken.» Allerdings seien bereits Gruppenführungen durch den Kontrollraum angedacht.

Denkbar sei auch, dass punktuell die Studenten den Besuchern ihr Projekt vorstellen, ergänzt Olivier Burger, Mediensprecher des Verkehrshauses. Das Rahmenprogramm werde aber noch ausgearbeitet. «Dieses Projekt ermöglicht uns, unser Netzwerk im Bereich Raumfahrt national und international zu erweitern», so Burger. «Der Austausch mit den Hochschulen ist bereichernd für uns.»

Beispiele für die Küchenmöbel, die der 3D-Drucker herstellen wird. Es handelt sich um ein Projekt der Studenten vom Polytechnikum Mailand.

Beispiele für die Küchenmöbel, die der 3D-Drucker herstellen wird. Es handelt sich um ein Projekt der Studenten vom Polytechnikum Mailand.

Die Hochschule Luzern wird das Fernsteuerungssystem betreiben. Finanziert wird das Projekt Igluna zu grossen Teilen vom Swiss Space Office in Bern, das vom Bund getragen ist. Die Europäische Weltraumorganisation (ESA) stellt Experten zu Verfügung. Die Studenten aus den 15 internationalen Teams sind dazu angehalten, selbst Sponsoren für ihre Projekte zu suchen.

Auch das gehöre zum Lernprozess, sagt Eva Buchs. «Das ist schwierig, aber eine hilfreiche Herausforderung.» Denn: «Einige der Teams denken bereits darüber nach, ein Start-up zu gründen. Da ist die Suche nach Sponsoren eine wichtige Kompetenz.» Viele Studenten erhalten auch materielle Unterstützung von ihrer jeweiligen Institution oder Universität. «Natürlich gehen wir möglichst sparsam an das Projekt heran», sagt Buchs. So übernachten die Studenten in einer Jugendherberge.

Hier ein Video zum «GrowbotHub», dem Roboter-Gärtner der EPFL:

Die 15 Projekte sind vielfältig und könnten einem Science-Fiction-Film entstammen. Vertreten sind etwa eine Augmented-Reality-Brille, «smarte» Weltraum-Kleidung, eine automatisierte Pflanzenzucht sowie ein 3-D-Drucker, der Küchenmöbel herstellt. Die Studenten kommen aus der Schweiz, Deutschland, Estland, Belgien, Italien, Polen, Griechenland, Grossbritannien, den Niederlanden und den USA.

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