Studentenverbindung Industria Luzern lebt von Bierduschen und lebenslanger Treue

Studentenverbindungen haben zwei Seiten, eine schalkhafte und eine ernste. Die Industria Luzern gibt es seit 1867. Jetzt hat sie eine Chronik ihrer letzten 50 Jahre herausgegeben.

Hugo Bischof
Hören
Drucken
Teilen
Mitglieder der Industria Luzern Technikum am 3. November 2019 vor dem Stammlokal Krienbrüggli in der Luzerner Kleinstadt.

Mitglieder der Industria Luzern Technikum am 3. November 2019 vor dem Stammlokal Krienbrüggli in der Luzerner Kleinstadt. 

PD

Ein junger Mann in mittelalterlich anmutender Mönchskutte irrt durch die Luzerner Altstadt. Sein Auftrag: Im berüchtigten Nachtclub Hirschen eine Bibel an den Mann respektive die Frau bringen. Es ist eine reale Szene, witzig beschrieben im dritten Band über die 150-jährige Geschichte der Luzerner Studentenverbindung Industria Luzern, in dem das letzte halbe Jahrhundert seit 1967 protokolliert ist. Beim Jüngling in der Mönchskutte mit der schwierigen, wenn nicht gar unmöglichen Aufgabe handelt es sich – man erahnt es – um einen Studenten, der die notwendige Mutprobe zur Aufnahme in die Verbindung bestehen muss.

Burschenherrlichkeit, Saufgelage, Geheimbund: Studentenverbindungen sind mit vielen Klischees verbunden. Bei den meisten Anlässen der Industria ist tatsächlich ein gehöriger Schuss Schalk und Ausgelassenheit dabei. Das zeigt sich im Jubiläumsbuch, das wie ein reich illustriertes Familienalbum daherkommt, deutlich. Auf gefühlten 50 Prozent der Fotos ist mindestens ein Bierhumpen zu sehen – ganz abwegig ist also zumindest dieses Klischee nicht. Auch die publikumsträchtigen Mitglieder-Taufen, meist verbunden mit einer süffigen Bierdusche, werden in Bild und Text ausgiebig gefeiert.

Pflege der Wissenschaft

Die Industria Luzern hat aber natürlich auch ihre seriöse Seite. «Studentenverbindungen bezwecken neben der Pflege der Wissenschaft den Aufbau und die Pflege lebenslanger Freundschaften, das ist auch bei der Industria der Fall», sagt Walter Lips. Der heute 75-jährige ehemalige Ingenieur für Schalltechnik und Lärmbekämpfung bei der Suva sowie langjähriger Lehrbeauftragte an der Hochschule für Technik und Architektur in Horw ist Autor des Buchs. Er ist seit 50 Jahren Mitglied der Industria und war von 1990 bis 1994 deren Präsident. Sein Verbindungsname lautet «Grizzly». Das Gesellschaftsleben werde unterschiedlich intensiv gepflegt, sagt Lips: «Es gibt Kommilitoninnen und Kommilitonen, die verlassen die Innerschweiz und erscheinen nur sporadisch an den verschiedenen Anlässen. Andere wiederum treffen sich regelmässig an den Monatsstämmen und pflegen auch ausserhalb der offiziellen Veranstaltungen einen intensiven freundschaftlichen Kontakt.» Wichtig sei:

«Gibt es vor allem bei fortschreitendem Alter Probleme mit der Gesundheit, im sozialen Umfeld oder mit dem Beruf, versucht man mit Rat und Tat einander zu helfen.»

Diesbezüglich unterscheide sich eine Studentenverbindung nicht von anderen Vereinen, etwa Zünften oder Sportvereinen: «Das Klischee von den geheimbundähnlichen Verhältnissen gehört definitiv in den Bereich der Legenden.» Die Industria Luzern ist eine für alle Studierenden offene Verbindung, frei von politischem und religiösem Hintergrund. Ein erster Anlauf zu ihrer Gründung erfolgte 1860 im «Kreuzstutz» in Luzern. Schon ein Jahr später wurde sie wieder aufgelöst – auf Druck von Luzerns Schulbehörden, die das Ganze offenbar suspekt fanden. Die Studenten liessen nicht locker. Fünfzehn von ihnen mit so abenteuerlichen Verbindungsnamen wie «Schluch», «Spunte» und «Chlobe» sassen 1867 im Restaurant Eintracht zusammen und gründeten die Industria Lucernensis offiziell. 1895 kam der Altindustrianerverband dazu – für Verbindungsmitglieder, die ihr aktives studentisches Leben hinter sich hatten. 1958 folgte die Industria Technikum (IT) für Studierende des damals neu eröffneten Technikums Luzern (heute Hochschule Luzern – Technik & Architektur) – als Ergänzung zur Industria Lucernensis, die an den Mittelschulen vertreten ist.

Die Aktivmitglieder der Industria Lucernensis und der Industria Technikum im Jahr 1988.

Die Aktivmitglieder der Industria Lucernensis und der Industria Technikum im Jahr 1988.

Foto aus dem Jubiläumsbuch

Die Aufteilung in die drei Teilverbände besteht bis heute. Der Altindustrianerverband ist die übergeordnete Stufe mit Vorstand und Präsidium. Aktueller Präsident seit 2018 ist der 65-jährige Werner Grüter – er war von 1990 bis 2006 Geschäftsführer der Hallenbad Luzern AG und später bis zur Pensionierung Ende 2016 CEO der Aqua-Spa-Resorts AG. Er betont:

«Die Industria Luzern ist eine Lebensverbindung; das heisst, dass man im Regelfall bis ans Lebensende Mitglied bleibt.»

Gemäss Statuten kann ein Austritt «nur aus wichtigen Gründen» und mit Zweidrittel-Mehrheit auf schriftliches Gesuch hin von der Generalversammlung gestattet werden. Der älteste aktive Industrianer ist heute 95-, der jüngste «Altherr» 23-jährig. Das Durchschnittsalter liegt «im höheren zweistelligen Bereich, Tendenz sinkend».

Wissenswertes und Kurioses

Aufnahmekriterien: Aktive Mitglieder der Industria Luzern werden können Studierende der Hochschule/Uni Luzern oder der Kantonsschule Luzern, «die Interesse an interdisziplinärem Austausch, generationenübergreifenden Aktivitäten und studentischem Brauchtum haben».

Fuchs: Anwärter und Interessierte nennt man Spefuchse (Fuchs in spe, lat. «in der Hoffnung»). Mit der Aufnahme wird man zum Fuchs: Nach zwei bis drei Semestern absolviert man die Burschenprüfung und wird «Bursche». Für weibliche Mitglieder gelten die genau gleichen Bezeichnungen.

Bierdusche: Neumitglieder werden bei der Aufnahme in einem publikumswirksamen Ritual unter anderem mit Bier übergossen.

Prügel: In Leder eingebundene, mit den Industrianerfarben versehene, mit geprägtem Vulgo verzierte Liederbücher mit Studentengesängen.

Couleur: Die Farben, welche eine Verbindung an ihren Uniformen und Mützen trägt. Bei der Industria Luzern ist es Weiss-Rot-Grün.

Krambambuli: Studentisches Traditionsgetränk, auch Feuerzangenbowle. Erwärmter Rotwein mit diversen Gewürzen (Zimt, Anis etc.). In einem witzigen Zeremoniell wird Schnaps hineingebrannt. Das Industrianer-Crambambuli-Treffen ist jeweils der Auftakt ins Verbindungsjahr, diesmal am 3. Januar im Restaurant Reussfähre.

v/o: Von lateinisch vulgo («gewöhnlich»). Wird als Abkürzung dem Taufnamen (Biernamen) vorangestellt. Beispiel: v/o «Fritschi» (der heutige Präsident Werner Grüter).

Verbindungen: Gymnasiasten, Universitäts- sowie Fachhochschulstudenten schlossen sich in Luzern seit jeher zu Verbindungen zusammen. Im 19. Jahrhundert führten politisch-konfessionelle Kriterien zur Gründung. Später war vor allem die Studienrichtung massgebend. Weitere Verbindungen in Luzern: Zofingia, Semper Fidelis, Waldstättia, Gundoldinger, Kyburgia, Oeconomia, Elektra, Atisia.

Heute 17 aktive Studenten und 220 Altherren

Den 220 Altherren stehen heute allerdings nur noch 17 Aktive gegenüber. Ist die Verbindung am Aussterben? Grüter relativiert: «Aktiv ist man zwei bis vier Jahre, dann wechselt man zu den Altherren. Das zeigt, dass das Prinzip der Lebensverbindung ausgezeichnet funktioniert und wir eine prosperierende Verbindung sind.» Das Problem ist, dass die Industria Luzern zurzeit keine aktiven Gymnasiasten hat. Grüter hat dafür eine Erklärung: «Die Studierenden der Kantonsschule schliessen die Matura heute bereits mit 18 Jahren ab, viel früher als noch vor zwanzig Jahren. Das bedeutet, dass sie zum Zeitpunkt des ordentlichen Eintrittsalters in die Verbindung noch keine 16 Jahre alt sind.» Damit werde es schwierig, die Jungen – und noch viel mehr deren Eltern – für den Eintritt in eine Studentenverbindung zu begeistern. Sind wir damit doch wieder beim Alkohol-Klischee? Dieses Thema setze für Interessierte oft tatsächlich eine «emotionale Grenze», bestätigt Grüter. Er betont aber:

«Bei uns besteht kein Alkoholzwang; es gibt mittlerweile ja auch durchaus gute alkoholfreie Biere. Alkoholfreie Getränke sind bei uns voll akzeptiert.»

Um jungen Studenten die positiven Seiten der Verbindung aufzuzeigen, werde man die Kommunikation an der Uni Luzern und der Hochschule Luzern – Wirtschaft ausbauen: «Zudem haben wir die Statuten geändert, so dass die Studierenden der gesamten Hochschule sowie der Universität Luzern als Mitglieder aufgenommen werden können und sich der Kreis nicht auf die Kantonsschule Luzern und die Hochschule Luzern, Abteilung Technik & Architektur, beschränkt.»

1978 wurde die erste Frau aufgenommen

Vor gut 40 Jahren öffnete sich die Industria Luzern auch für Frauen. Als erste Frau wurde 1978 Ursula Egli («Softy) aufgenommen. Die beiden nächsten Frauen folgten 1998. Heute gibt es neun «farbentragende» Damen bei der Industria Luzern, wie es im Verbindungsjargon heisst; das ist immer noch ein kleiner Anteil. Von diesen neun Frauen ist zudem nur eine aktiv, also am Studieren; die anderen sind Mitglieder des Altindustrianerverbandes, haben ihr Studium also abgeschlossen. «Aktuell sind noch zwei weitere Anwärterinnen im Prozess für die Aufnahme», sagt Präsident Grüter. Auch hier gibt’s also Nachholbedarf.

Das Buch kann über die Adresse Industria Luzern, 6000 Luzern, für 60 Franken bezogen werden.

Mehr zum Thema