Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

STUDIE: Fussgänger: Das sind die Baustellen

Luzern belegt in einem Städtevergleich zur Fussgängerfreundlichkeit den letzten Platz. Ein Problem sei unter anderem die Durchmischung mit dem Veloverkehr. Die Stadt widerspricht den Studienautoren in einigen Punkten, kündigt aber auch Verbesserungen an.
Hugo Bischof
Links: Der Schwanenplatz gestern zur Mittagszeit: An diesem Ort werden Fussgänger häufig durch zu- und wegfahrende Reisecars behindert. (Bild: Roger Gruetter)

Links: Der Schwanenplatz gestern zur Mittagszeit: An diesem Ort werden Fussgänger häufig durch zu- und wegfahrende Reisecars behindert. (Bild: Roger Gruetter)

Diesen Sommer testete der Verein Umverkehr die Fussgängerfreundlichkeit in acht Schweizer Städten (Basel, Bern, Biel, Luzern, St. Gallen, Thun, Winterthur, Zürich). Geprüft wurde etwa, ob die nutzbare Breite für Fussgänger auf den getesteten Strecken mindestens 2,5 Meter beträgt und ob es an Hauptstrassenquerungen Bordsteinabsenkungen gibt. Bei Plätzen prüfte Umverkehr, ob sie bei Haltestellen gut beleuchtet sind, ob ein Wartehaus vorhanden ist.

Luzern erhielt mit 62,7 Prozent erreichten Punkten das Prädikat «genügend» und belegt damit im Ranking aller Städte den letzten Platz. Testsieger ist Zürich (72,4 Prozent Punkte, Prädikat «gut»). Besonders schlecht schneidet Luzern bei der Aufenthaltsqualität und der Gestaltung von Plätzen ab. Aber auch die Streckenführung wird bemängelt, ebenso die Strassenquerungen.

Wir nennen hier einige der Problemzonen und haben die Stadt gebeten, dazu Stellung zu nehmen:

Problemzone 1: Hirschmattstrasse

Hier kritisiert die Studie die schlechte Linienführung für Fussgänger: «Vom Hirschengraben entlang der Hirschmattstrasse bis zum Bundesplatz muss auf knapp halber Distanz die stark befahrene Pilatusstrasse gequert werden.» Wer auf der rechten Seite geht, muss gar dreimal die Strasse queren, «da die Pilatusstrasse nicht wie eine normale Kreuzung vier, sondern nur drei Querungen aufweist». Erschwerend hinzu kommt, dass kurz vor der Murbacherstrasse eine Autoausfahrt von einem Parkplatz mitten über das Trottoir führt. «Herrscht auf der Hirschmattstrasse viel Verkehr, müssen Autos auf dem Trottoir zum Teil lange warten und blockieren so die Fussgänger», so die Studie.

Das sagt die Stadt dazu: «Es ist uns bekannt, dass es bei der Fussgängerfreundlichkeit noch Defizite gibt», sagt Stadtrat Adrian Borgula (Grüne), Vorsteher der Direktion Umwelt, Verkehr und Sicherheit. «Wir sind laufend daran, entsprechende Massnahmen umzusetzen.» Borgula verweist auf ein Projekt zur Optimierung der Fussgängerstreifen auf Gemeindestrassen, für die das Stadtparlament im Frühling 2015 einen Kredit von 1,2 Millionen Franken bewilligte. Die Umsetzung ist im Gang. Beispielsweise seien vor kurzem fünf Fussgängerstreifen auf der Langensandstrasse mit Fussgängerschutzinseln ausgerüstet worden. Aktuell läuft das Bewilligungsverfahren zur Umsetzung von fünf Fussgängerschutzinseln auf der Hirschmattstrasse zwischen Bundesplatz und Viktoriaplatz (Kantonalbank).

Problemzone 2: Querungen Pilatusstrasse und Schweizerhofquai

Hier sind gemäss Studie die Wartezeiten mit über 60 Sekunden deutlich zu lang («nicht erfüllt»). Bei der Querung Pilatusstrasse gibt es zudem «einige Stolperfallen und Belagsschäden im Verlauf der Querung».

Das sagt die Stadt dazu:«Die Thematik der längeren Wartezeiten an Licht­signalanlagen ist bekannt», sagt Daniel Rudin, Bereichsleiter Mobilität im Tiefbauamt der Stadt Luzern. «Dabei geht es grundsätzlich immer um die Frage der Leistungsfähigkeiten der einzelnen Verkehrsströme. Kürzere Wartezeiten für den Fussgänger bedeuten in der Regel grössere Staulängen für den motorisierten Individualverkehr und/oder längere Wartezeiten für den öffentlichen Verkehr und den Veloverkehr. Die erwähnten Querungen sind sehr breit und benötigen dementsprechend lange Grün­phasen für die Fussgänger. Kürzere Fussgängerübergänge werden bereits heute in der Stadt Luzern mit deutlich längeren Grünzeiten, als dies die Normen vorsehen, geschaltet. Grundsätzlich werden, wo auch immer möglich, die Wartezeiten der Fussgänger aber verkürzt. Aktuelles Beispiel sind die vier Fussgängerquerungen im Bereich des Löwen-Centers. Stolperfallen und Belagsschäden werden im Rahmen des mehrjährigen Strassenunterhaltsprogramms laufend saniert.»

Problemzone 3: Querung Hirschengraben

Der Fussgängerstreifen hier, westlich der Einfahrt Hirschmattstrasse, ist die am schlechtesten bewertete Querung aller Städte. In der Umverkehr-Studie heisst es: «Verantwortlich dafür sind unter anderem die ungenügende Beleuchtung, die fehlende Schutzinsel und störende Velos, einerseits abgestellt in den Warteräumen und andererseits bei der Mitbenutzung der Querung.»

Das sagt die Stadt dazu:«Die Fahrbahn hier ist 8 Meter breit; eine Mittelinsel wäre nur mit einer unverhält- nismässigen Fahrbahnverbreiterung möglich», sagt Simon Steffen, Verkehrsexperte im Tiefbauamt der Stadt. «Neben dem berechtigten Hinweis zur Beleuchtung weist der Fussgängerstreifen aber primär Defizite auf, welche in der Studie nicht erfasst wurden. Der Fussgängerstreifen ist deshalb auch im Sanierungsprogramm enthalten.»

Problemzone 4: Schwanenplatz

Dieser belegt im Ranking von insgesamt 37 Plätzen in der Schweiz den zweitletzten Platz, nur noch unterboten vom Bahnhofplatz Biel. Die Studie kritisiert, dass er «für Reisebusse statt für Fussgänger genutzt wird» sowie «als Parkplatz statt Aufenthaltsplatz».

Das sagt die Stadt dazu: Hier ist die Problematik längst erkannt. Das seit 1. Mai 2015 geltende Parkregime auf dem Schwanen- und dem Löwenplatz wird nun definitiv eingeführt (gestrige Ausgabe). Reisebusse dürfen demnach von Anfang Mai bis Ende Oktober in der Zeit zwischen 17 und 20 Uhr den Schwanenplatz nur anfahren, um Personen aussteigen zu lassen; auf dem Carparkplatz Löwenplatz ist von 16 bis 20 Uhr das Parkieren untersagt, hier dürfen Reisecartouristen nur ein- und aussteigen. Bis Frühling 2017 will der Stadtrat in einem Konzept «Carparkierung» weitere Massnahmen aufzeigen.

Problemzone 5: Altstadt und Kleinstadt

Die Umverkehr-Studie kritisiert die Situation auf dem Weinmarkt und dem Franziskanerplatz: «Beide Plätze sind nicht autofrei, weisen einen störenden Fuss-Velo-Mischverkehr auf und auch sonst bedeutende Mängel wie fehlende Sitzgelegenheiten, fehlenden Wetterschutz.» Der Weinmarkt sei «ein Parkplatz auf einem theoretisch schönen Altstadtplatz»; der Franziskanerplatz sei «ungenügend beleuchtet, nicht gut einsehbar und wenig einladend gestaltet». Beim Weinmarkt wird das Kopfsteinpflaster kritisiert: «Kopfsteinpflaster mag zwar fürs Auge und in einer historischen Altstadt schön aussehen, aber für das Begehen mit Kinderwagen (zumal mit Buggys) oder Rollkoffer oder mit einem Rollstuhl sind solche Beläge beschwerlich. Auch für Sehbehinderte, die auf einen Blindenstock angewiesen sind, sind gewisse ausgeprägte Kopfsteinpflaster nicht ideal.»

Das sagt die Stadt dazu:«Die Bewertungsmethoden für die Plätze sind sehr subjektiv, wenig differenziert und zum Teil falsch», sagt Daniel Rudin vom Tiefbauamt der Stadt Luzern. «Der Weinmarkt ist kein Parkplatz – ausgenommen Güterumschlag –, und eine taktile Wegführung ist entgegen der Umverkehr-Bewertung vorhanden.» Die Beleuchtung des Franziskanerplatzes werde 2017 im Rahmen des Plan Lumière saniert. «Die Problematik mit dem Kopfsteinpflaster ist uns bekannt», fügt Stadtrat Borgula an. «In der Kleinstadt wird deshalb eine Pflästerung, die die Vorgaben des Behindertengleichstellungsgesetzes erfüllt, eingebaut.»

Problemzone 6: Bushaltestellen Bundesplatz und Kantonalbank

Deren Aufenthaltsqualität ist gemäss Umverkehr nur «knapp genügend».

Das sagt die Stadt dazu:«Optimierungsmöglichkeiten finden sich theoretisch beinahe überall. Bezüglich der Haltestelle Bundesplatz sieht die Stadt aber keinen grossen Handlungsbedarf.»

Problemzone 7: Mischzonen Velo/Fussgänger

Gemäss Umverkehr führen gemeinsame Velo- und Fusswege, etwa im Bereich Jesuitenplatz/Reussbrücke, in der Regel zu Konflikten: «Fussgänger werden durch Velofahrer gestört und bedrängt und dadurch verunsichert. Das Velofahren wird unattraktiv, da es immer wieder verlangsamt wird durch die Fussgänger.» Die Führung des Veloverkehrs auf Fuss- beziehungsweise Gehwegen sollte wenn immer möglich vermieden werden: «Eine Veloverkehrsführung auf Velostreifen ist immer die bessere Alternative. Noch besser ist eine vollständige Verkehrsflächentrennung (Velo- und Fusswege mit getrennten Verkehrsflächen). Diese sind baulich oder gestalterisch zu trennen, damit die Führung auch für Sehbehinderte und Blinde klar wird.»

Das sagt die Stadt dazu: «Die Mischzone Velo/Fussgänger auf der Reussbrücke gibt es seit vielen Jahren, und sie funktioniert unseres Erachtens gut», sagt Stadtrat Borgula. «Für getrennte Zonen mit Fussgänger- und Velostreifen gibt es in den meisten Bereichen unserer Stadt schlicht keinen Platz. Um mehr Platz für Fussverkehr zu schaffen, müssten die Velos vermehrt auf die Strassen zurück; das wollen wir aus Sicherheitsgründen nicht.» Der neue Velo- und Fussweg auf dem ehemaligen Zentralbahn-Trassee wird als gemischte Zone ausgestattet mit je einem Streifen für Velos und Fussgänger – «ähnlich dem Xylophonweg zwischen Luzern und Emmen, nur viel breiter», so Borgula.

Problemzone 8: Aussenraum-Möblierung

«Zu viel Möblierung des Trottoirs behindert den Fussverkehr», sagt Umverkehr. «Der flüssige Lauf wird gestört, und der gerade Gang wird so zu einem Zickzack-Hindernislauf um Werbetafeln, Kleiderständer und Bestuhlungen durch Cafés und Restaurants herum. Diese Situation fand sich fast in allen Städten, insbesondere im Innenstadtbereich beziehungsweise entlang von Ladenzeilen.»

Das sagt die Stadt dazu:«Das Reglement zur Nutzung des öffentlichen Grundes, das vor kurzem vom Parlament genehmigt wurde, setzt restriktive Vorgaben zur Flächennutzung durch die Boulevardgastronomie und die Geschäftsauslagen. Es bestehen Mindestanforderungen an frei bleibende Flächen und verbindliche Vorgaben zur Ausstattung der bewilligten Zonen. Es werden individuelle Bestimmungen zu den Geschäftsauslagen für Kioske, Lebensmittel- und Blumengeschäfte formuliert. Anstelle einer anderen Geschäftsauslage dürfen künftig zwei Pflanzentöpfe oder saisonale Dekorationsgegenstände pro Geschäft auf maximal 1,5 Quadratmetern platziert werden, sofern ein Durchgang von neu mindestens 1,6 Metern Breite verbleibt.»

Hugo Bischof

Denkanstoss nutzen

Kommentar von Hugo Bischof, Redaktor

Es ist ein happiger Fusstritt der Fussgängerlobby für die Stadt Luzern: Die verkehrspolitische Organisation Umverkehr deckt einige Mängel schonungslos auf. Die Hirschmattstrasse etwa ist für Passanten wegen Autos, die das Trottoir überqueren, ein gefährliches Pflaster. Und als Fussgänger erscheint einem das Warten aufs Grünlicht oft endlos.

Es ist aber nicht so, dass die Stadt Luzern dem tatenlos zuschaut. Viele Massnahmen wurden bereits ergriffen, weitere kommen. Gerade an der Hirschmattstrasse werden demnächst fünf Mittelinseln auf Fussgängerstreifen gebaut. Das ist erfreulich und dient der Sicherheit aller.

Der Verein Umverkehr bezeichnet sich selber als «unabhängig». Dass er eher grün-linke als bürgerliche Positionen vertritt, ist aber offensichtlich. Ernst zu nehmen ist die Organisation dennoch. Die 2008 lancierte Umverkehr-Städteinitiative, welche die Bevorzugung umweltverträglicher und platzsparender Verkehrsarten forderte, wurde in Zürich und Genf angenommen. In Luzern erzielte sie mit 45,8 Prozent Ja-Stimmen einen Achtungserfolg; zum Zug kam der Gegenvorschlag, der ebenfalls eine stetige Erhöhung des Anteils von ÖV, Velo- und Fussverkehr am Gesamtverkehr verlangt.

Trotzdem: In vielen Punkten schiesst die Umverkehr-Studie übers Ziel hinaus. Fuss- und Veloverkehr überall strikt zu trennen, ist in Luzern angesichts der beschränkten Platzverhältnisse schlicht nicht möglich. Und kürzere Wartezeiten für Fussgänger können zu Staus auf der Strasse führen. Ein allen Bedürfnissen gerecht werdendes Verkehrskonzept auszutarieren, ist eine diffizile Aufgabe. Als Denkanstoss können Luzerns Verkehrsplaner die Umverkehr-Studie dennoch nutzen.

Es gibt auch positive Beispiele in der Stadt Luzern

In der Städtevergleichsstudie von Umverkehr gibt es auch Beispiele, in denen die Stadt Luzern gut abschneidet. Das Prädikat «voll erfüllt» etwa erhalten die Bahnhofplatzquerungen, vor allem weil sie für Fussgänger kurze Wartezeiten haben. Auch der Bahnhofplatz Luzern selber wird gut bewertet. Obwohl er eine ÖV-Drehscheibe sei und es um den Platz herum viel motorisierten Individualverkehr gebe, biete die Mitte des Bahnhofplatzes in der Kategorie Aufenthaltsqualität genügend voll erfüllte Kriterien wie «eine angenehme Lage, Platz für Aktivitäten, genügend Sitzgelegenheiten und so weiter», heisst es in der Studie. Die Seebrücke erhält in Sachen Fussgängerführung das Prädikat «sehr gut». Auch die Passantenfreundlichkeit der Bushaltestellen am Schwanenplatz wird als «gut» bezeichnet. (hb)

Umverkehr: Weniger Autoverkehr als Ziel

Umverkehr ist eine verkehrspolitische Umweltorganisation mit Geschäftsstellen in Zürich und Genf. Sie setzt sich seit 20 Jahren «für eine zukunftsfähige Mobilität» ein. Am Ursprung von Umverkehr stand die Vision, den motorisierten Individualverkehr zu halbieren. Umverkehr-Geschäftsführer ist Bernhard Piller. Der 47-jährige Soziologe war als grüner Politiker von 2004 bis 2014 Mitglied des Zürcher Stadtparlaments. Den jetzt vorliegenden Städte-Test in Sachen Fussgängerfreundlichkeit hat Umverkehr zusammen mit dem Verkehrsplaner Klaus Zweibrücken von der Hochschule Rapperswil realisiert. (hb)

Eine Grafik zu den Problemzonen des Fussverkehrs in der Stadt Luzern. (Bild: Martin Ludwig)

Eine Grafik zu den Problemzonen des Fussverkehrs in der Stadt Luzern. (Bild: Martin Ludwig)

Unten links: Der Weinmarkt in Luzerns Altstadt: Hier kritisiert Umverkehr die parkierten Autos und die für Fussgänger beschwerliche Kopfsteinpflästerung. (Bild: Roger Gruetter)

Unten links: Der Weinmarkt in Luzerns Altstadt: Hier kritisiert Umverkehr die parkierten Autos und die für Fussgänger beschwerliche Kopfsteinpflästerung. (Bild: Roger Gruetter)

Auf der Reussbrücke bewegen sich Velofahrer und Fussgänger in einer gemeinsamen Mischzone. Konflikte seien unvermeidlich, sagt die Umverkehr-Studie. (Bild: Roger Gruetter)

Auf der Reussbrücke bewegen sich Velofahrer und Fussgänger in einer gemeinsamen Mischzone. Konflikte seien unvermeidlich, sagt die Umverkehr-Studie. (Bild: Roger Gruetter)

Unten rechts: Fussgängerquerungen bei der Kreuzung Hirschengraben/Hirschmattstrasse: Hier werden fehlende Schutzinseln und die ungenügende Beleuchtung bemängelt. (Bild: Roger Gruetter)

Unten rechts: Fussgängerquerungen bei der Kreuzung Hirschengraben/Hirschmattstrasse: Hier werden fehlende Schutzinseln und die ungenügende Beleuchtung bemängelt. (Bild: Roger Gruetter)

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.