Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

SUCHT: Heimliche Alkoholikerinnen

Alkoholismus gilt gemeinhin als Männerkrankheit. Doch in Therapiezentren wie jenem von Meggen werden auch viele Frauen betreut. Ihre Abhängigkeit hat allerdings oft andere Gründe.
Raphael Zemp
«Frauen trinken eher im Versteckten», sagt Lorenz Martignoni, Leiter des Therapiezentrums Meggen. (Symbolbild: Getty)

«Frauen trinken eher im Versteckten», sagt Lorenz Martignoni, Leiter des Therapiezentrums Meggen. (Symbolbild: Getty)

Raphael Zemp

raphael.zemp@luzernerzeitung.ch

«Alkoholismus ist kein reines Männerthema.» In gemächlichem Berndeutsch kommt Psychiater Lorenz Martignoni unumwunden zum Punkt. Seit 2013 ­leitet er das Therapiezentrum Meggen, in den sanften Hügeln über dem Vierwaldstättersee gelegen, umstellt von Einfamilienhäusern und Wohnblocks. Eine Couch, wie sie das Therapeuten-Klischee verlangt, sucht man in seinem Büro im Nebengebäude vergebens. Ein Tisch mit dazugestellten Holzstühlen muss reichen. Seine Brille hängt an einer Kette um den Hals, wippt leicht über dem grauen Strickpulli hin und her.

Wer bei Martignoni in dieser Vorstadt-Idylle landet, hat meist ein Alkoholproblem – und bereits einen Entzug hinter sich. 19 Therapieplätze bietet das Zentrum an. 50 bis 60 Prozent der Patienten kommen aus dem Kanton Luzern – die restlichen aus der ganzen Deutschschweiz. Vierzehn Wochen dauert eine Regelbehandlung, um für einen Alltag jenseits der Sucht gewappnet zu sein. Zahllos sind die tragischen Biografien, die Martignoni in seinem Jahrzehnt Suchtarbeit miterlebt hat. Unzählig sind aber auch die Geschichten, wie sich seine Klienten aufrappeln, zurückkämpfen, neu beginnen. Immer wieder muss Martignoni dabei mit Klischees aufräumen. Von Pauschalisierungen hält der studierte Kinder- und Jugendpsychiater deshalb nichts: «Hinter jeder Sucht stecken individuelle Beweggründe.»

Ein Drittel der Patienten sind Frauen

Trotzdem verschliesst Klinikleiter Martignoni seine Augen weder vor Trends noch vor der Tatsache, dass ein Drittel seiner Patienten weiblich ist. In der öffentlichen Wahrnehmung gelte zwar die Alkoholsucht noch immer als Männerkrankheit, so Martignoni, dabei hätten auch viele Frauen ein Trinkproblem (siehe Kasten). «Während aber Männer ihre Sucht offener ausleben, trinken Frauen eher im Versteckten», sagt Martignoni. Mit ungleich grösserem Aufwand versuchten Frauen über ihre Abhängigkeit hinwegzutäuschen: Mit Schminke, Parfüm oder auch Pfefferminzbonbons. «Das drohende Unheil vermögen sie so aber nicht abzuwenden.»

Mann und Frau unterscheiden sich auch in den Gründen, die zu einer Alkoholabhängigkeit führen. «Frauen trinken häufig als Reaktion auf sexuelle Gewalt», sagt Martignoni. Allzu viele im Therapiezentrum Meggen hospitalisierte Frauen sind davon in irgendeiner Form betroffen: Von unguten Annäherungen bis hin zu massiven Übergriffen. Um diese Erfahrungen zu bewältigen und verarbeiten, bieten die Psychotherapeuten der Klinik Einzelgespräche – aber auch spezielle Frauenrunden an. Zudem sind sämtliche Frauen im Hauptgebäude untergebracht, wo auch die Nachtwache ist. Einige Suchtkliniken, wie das Wysshölzli in Herzogenbuchsee, gehen noch einen Schritt weiter und haben sich ausschliesslich auf Frauen spezialisiert. Dass Frauen unter sich bleiben müssen, um ihre Sucht zu behandeln, glaubt hingegen Martignoni nicht: «Das kann funktionieren, ist aber nicht der einzige Weg.»

Manche Frauen gleiten auch in die Sucht ab, wenn die Kinder plötzlich gross geworden und ausgezogen sind. «Nach jahrelanger Aufopferung für die Familie bricht plötzlich der gesamte Lebensinhalt weg. Wenn sie diese Leere mit Alkohol füllen, werden sie früher oder später abhängig», erklärt Martignoni. Eine Alkoholsucht könnten aber auch Widersprüche auslösen: Sind Frauen gefangen zwischen Verantwortungsgefühl für die Familie und ihren eigenen Wünschen und Träumen, wählen einige laut Martignoni den vermeintlichen Ausweg über die Flasche. Eher häufiger als bei Männer wird Frauen zudem eine Doppeldiagnose gestellt. Zum Alkoholismus gesellen sich etwa Angststörungen, Depressionen, Traumata. Viel deutlicher und öfter äusserten Frauen zudem auch Schuldgefühle gegenüber der Familie, Angehörigen, Freunden. «Das beobachten wir bei Männern weniger», sagt Martignoni. Selbst in der grössten Abhängigkeit gelten die Gedanken vieler Frauen nicht ihnen selbst. Der Impuls, sich um andere zu kümmern, überwiegt. Das bringt selbst Martignoni ins Grübeln: «Wann schauen sie mal zu sich selbst?»

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.