SUIZID: Fall Malters: Frau war paranoid

Die Luzerner Polizei wusste offenbar Bescheid über den psychischen Zustand der Frau, die sich in Malters erschossen hat. Ein Beitrag der «Rundschau» wirft neue Fragen auf.

Matthias Stadler
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In Malters hat sich eine Frau in einem Wohnhaus verschanzt und mit dem Gebrauch einer Schusswaffe gedroht. Beim Stürmen des Hauses durch die Polizei wurde die Frau bereits tot aufgefunden. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

In Malters hat sich eine Frau in einem Wohnhaus verschanzt und mit dem Gebrauch einer Schusswaffe gedroht. Beim Stürmen des Hauses durch die Polizei wurde die Frau bereits tot aufgefunden. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Matthias Stadler

Was genau ist am 8. und 9. März in Malters geschehen, als sich eine 65-jährige Frau das Leben nahm? Die Polizei wollte die Wohnung durchsuchen, weil sie darin eine Hanfplantage vermutete, und traf dabei überraschend auf die Frau. Diese bedrohte daraufhin die Polizei und schoss auch aus einem Fenster, worauf sich die Einsatzkräfte zurückzogen und 17 Stunden mit ihr verhandelten. Dies erfolglos – die Frau erschoss zuerst eine Katze und dann sich selber.

Der Luzerner Polizeikommandant Adi Achermann sowie Angehörige des Fachdienstes für Sondereinsätze müssen die eingangs gestellte Frage möglicherweise bald vor Gericht erklären: Sie sind vom Sohn der Verstorbenen wegen Amtsmissbrauchs und fahrlässiger Tötung angezeigt worden (Ausgabe von gestern).

Zweimal in Psychiatrie eingeliefert

Gestern machte die «Rundschau» des Schweizer Radio und Fernsehens publik, dass die Frau seit den 90er-Jahren an paranoider Schizophrenie gelitten habe. Die Redaktion hat Einblick in die Krankengeschichte der Frau erhalten. Die 65-Jährige sei per Gerichtsentscheid entmündigt worden, ihr 46-jähriger Sohn sei ihr Vormund gewesen, heisst es im Beitrag. Zudem sei sie zweimal unter Zwang in eine Psychiatrie eingeliefert worden und habe vor allem für sich selber eine Gefahr dargestellt. Sie habe schwere depressive Phasen mit Suizidversuchen gehabt.

Seit mehr als 20 Jahren krank

Der ehemalige Anwalt der Frau hatte laut «Rundschau» der Luzerner Polizei während des Einsatzes mitgeteilt, dass die Frau seit mehr als zwanzig Jahren psychisch krank sei. Die Luzerner Polizei habe spätestens zwei Stunden vor dem Zugriff auf die Wohnung vom Zustand der Frau gewusst.

Zu diesem Zeitpunkt, also zwei Stunden vor dem Suizid der Frau, habe der Anwalt mit der Frau telefonieren können. Dieser hat das Gespräch aufgezeichnet. Die Frau drohte, sich umzubringen. Sie habe es «satt, in die Enge getrieben zu werden von dieser Brut», hatte sie dem Anwalt mitgeteilt. Zudem wollte sie Zeit bis am nächsten Tag. Der Anwalt versuchte, beruhigend auf die Frau einzusprechen. Was dann passierte, ist laut «Rundschau» unklar. Die Polizei habe sich nicht mehr nach dem Telefongespräch erkundigt. Der Anwalt erklärte, auch er habe sich nicht unverzüglich bei der Polizei gemeldet. Er habe nicht gewusst, dass ein Zugriff unmittelbar bevorstehe, und gedacht, es sei noch Zeit vorhanden.

Sohn sollte miteinbezogen werden

Die Frau hatte zudem verlangt, dass sie mit ihrem Sohn telefonieren könne. Auch der Rechtsanwalt des Sohnes warf der Polizei später vor, dass der Sohn nicht vor Ort gebracht worden war.

Nach dem Einsatz erklärte Polizeisprecher Kurt Graf gegenüber unserer Zeitung, dass die Polizei in Erwägung gezogen hatte, den Sohn der 65-jährigen Frau mit in die Verhandlungen einzubeziehen. «Wegen des Verhaltens des Sohnes war das aber nicht möglich», sagte Graf (Ausgabe vom 11. März). Genauer darauf eingehen könne man nicht, hiess es gestern bei der Kommunikationsstelle auf Anfrage unserer Zeitung.

Auf die anderen Vorwürfe angesprochen, verweist die Pressestelle auf den Aargauer Staatsanwalt Christoph Rüedi, der die Untersuchungen im Auftrag des Luzerner Kantonsgerichts übernommen hat. Man könne deswegen keine Stellung nehmen. Bei der zuständigen Aargauer Staatsanwaltschaft wird zu den Vorwürfen mit Verweis auf das laufende Verfahren ebenfalls keine Stellung genommen.

«Erhebliche Gefahr für Umgebung»

War der Einsatz der Luzerner Polizei verhältnismässig? Der Luzerner Polizeikommandant Adi Achermann sprach unmittelbar nach dem Einsatz bei einer Pressekonferenz davon, dass die Frau «sehr unberechenbar» gewesen sei. «Wir stellten uns laufend die Frage nach der Verhältnismässigkeit.» Sie habe ihre Drohung, sofort zu schiessen, mehrfach wiederholt. Auch ihre Suizidabsicht habe sie immer wieder betont. Achermann erklärte auch: «Es war ein sehr heikler Einsatz und alles andere als ungefährlich.» Nach 17 Stunden Verhandlung habe man feststellen müssen: «Das macht keinen Sinn. Ausserdem bestand eine erhebliche Gefährdung sowohl für die Frau als auch für die Umgebung.»

Die Frau hatte gemäss Aussagen von Nachbarn erst seit kurzem dort gewohnt. Ihr Sohn hatte die Wohnung gemietet Die Hanfanlage befand sich gemäss Polizei in der oberen Etage der zweistöckigen Wohnung. Der Sohn sitzt zurzeit in Zürich in Untersuchungshaft wegen angeblichen bandenmässigen Drogenhandels.