SURSEE: 1943 sagten sie Ja zueinander

Dora und Werner Schweizer sind seit 70 Jahren verliebt – und genauso lange verheiratet. Dass sie zusammengehören, wusste er am dritten Tag nach dem Kennenlernen.

Roger Rüegger
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Dora und Werner Schweizer in ihrem Zuhause in Sursee. (Bild: Manuela Jans/Neue LZ)

Dora und Werner Schweizer in ihrem Zuhause in Sursee. (Bild: Manuela Jans/Neue LZ)

Was ist das Rezept für eine funktionierende Ehe, die ein Leben lang hält? Die Frage muss gestellt werden – und das Ehepaar Dora und Werner Schweizer (Gerber) gibt gerne Auskunft. Denn sie kennen das Geheimnis. Sie feierten gestern Gnadenhochzeit. Das bedeutet, dass – «durch die Gnade Gottes» – sie sich vor genau 70 Jahren, am 10. April 1943, in der Kirche Sursee das Jawort gaben. «Der Pfarrer fragte, ob wir uns achten und lieben in guten und schlechten Tagen. Wir haben mit Ja geantwortet», sagt Dora Schweizer (91) gestern im Wohnzimmer ihres Hauses in Sursee.

Ehemann Werner (95) wendet den Blick nicht von ihr ab und nickt. Als sie ihre Aussage beendet hat, fügt er hinzu: «Man muss sich gegenseitig anpassen und auch Meinungen des anderen akzeptieren. Es ist unnötig, nur den eigenen Willen durchzusetzen.»

Das Fräulein vom Lohnbüro

Kennen gelernt haben sich die jungen Leute im Herbst 1942 bei der Arbeit in der damaligen Ofenfabrik (heute Electrolux) in Sursee. Weil in den Kriegsjahren viele Männer – auch Mitarbeiter der Ofenfabrik – zum Wehrdienst an die Grenze aufgeboten wurden, mussten die restlichen Mitarbeiter umso mehr arbeiten. Auch Werner Schweizer. «Ich war im Hilfsdienst und musste nur tageweise Bürodienst fürs Vaterland leisten.» Deshalb habe er meistens in der Fabrik arbeiten können, wo die Jobs der eingezogenen Soldaten auf die übriggebliebenen Angestellten aufgeteilt wurden. So kam es, dass er eines Abends im Lohnbüro aushelfen musste. Dort arbeitete auch ein gewisses Fräulein Gerber, wie Werner Schweizer schmunzelnd sagt. «Wir hatten bis spätabends zu tun. Etwa um 23 Uhr war Feierabend. Weil wir fast denselben Heimweg hatten, begleitete ich das Fräulein in der Dunkelheit bis zu ihrer Haustür. Ich fühlte mich für sie verantwortlich.» Als es am anderen Abend erneut darum ging, im Lohnbüro auszuhelfen, sagte Schweizer nur zu gerne zu und am darauffolgenden Tag ebenso. «Beim Nachhausegehen sind wir dann Hand in Hand spaziert. Damals war dies praktisch das Zeichen, dass man zusammengehört. Wir haben uns von diesem Moment an geduzt und Werner fragte, ob wir zusammenbleiben möchten», sagt Dora und betont, dass er nicht niedergekniet sei und ihr keinen Heiratsantrag machte, worauf er einwirft: «Aber das war doch fast einer.»

Im Jahr nach der Hochzeit erblickte der erste von zwei Söhnen das Licht der Welt. Vier Jahre später folgte der zweite. Dora Schweizer arbeitete nur ein Jahr in der Firma. «Das war kein Problem. Wir Frauen haben uns der Familie gewidmet. Kein Mädchen meines Jahrgangs absolvierte ein Studium», sagt sie. Sie engagierte sich zudem im Reformierten Frauenverein, war Mitglied im Kirchenchor und nahm Gesangsunterricht. «Ich liebe klassische Musik. Mozart und Beethoven besonders», sagt sie.

Keine Stunde langweilig

Die Leidenschaft von Werner Schweizer sind Briefmarken. Lange bevor er Dora kennen lernte, hat er mit dem Sammeln angefangen. «Ich bin täglich mehrere Stunden mit den Marken beschäftigt. Ich habe mich seit der Pension keine Stunde gelangweilt», sagt er. Seine Frau hat an den Briefmarken weniger Interesse. Dafür will sie alles wissen über die Geschichte der Länder, die sie bereisten. Und das sind viele. «Wir sind in allen Kontinenten gewesen. In den frühen 1980er-Jahren in China oder in Australien», sagt sie. Oder in Mexiko, wo ihr Mann sämtliche Pyramiden bestiegen habe. Heute ist Werner auf den Rollstuhl angewiesen. Deshalb fühle er sich am wohlsten zu Hause bei seiner Frau und den Briefmarken, sagt der gebürtige Baselländer.

Geistig sind die Jubilare topfit. Dora Schweizer kocht jeden Tag für sich und ihren Mann, und einmal in der Woche geht sie mit ihrer 31-jährigen Enkeltochter mit dem Auto Einkaufen. Selber gefahren sind weder sie noch ihr Ehemann. «Nie. Wann auch? Wenn es schön war, arbeitete ich im Garten, und bei Regen fährt man sowieso nicht Auto», sagt Werner Schweizer.