SURSEE: Alkoholismus: «Ich war fix und fertig»

Seit 50 Jahren gibt es in Sursee eine Gruppe der Anonymen Alkoholiker. Viele besuchen die Treffen seit Jahrzehnten.

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Die Anonymen Alkoholiker in Sursee gibt es bereits seit 50 Jahren. (BILD: Gestellte Szene) (Symbolbild Neue LZ)

Die Anonymen Alkoholiker in Sursee gibt es bereits seit 50 Jahren. (BILD: Gestellte Szene) (Symbolbild Neue LZ)

Sie treffen sich am Freitagabend in Sursee. Die meisten kommen jede Woche – seit vielen Jahren. Sie grüssen sich freundlich, fragen, wie es zu Hause laufe, wie es den Grosskindern gehe. Einige umarmen sich. Wenig später sitzen sie um einen grossen Tisch.

Moritz*, Mitte 50, der Gruppensprecher, eröffnet das Treffen: «Ich bin Moritz, Alkoholiker.» Er stellt allen Teilnehmern die Gemeinschaft der Anonymen Alkoholiker vor. «Die einzige Voraussetzung für die Mitgliedschaft ist der Wunsch, mit dem Trinken aufzuhören.» Wenig später liest Xaver aus dem blauen Buch vor. Es enthält die spirituellen Prinzipien und die praktischen Anleitungen, mit denen die Selbsthilfegemeinschaft seit fast sieben Jahrzehnten arbeitet. Die Gruppe liest darauf laut die zwölf Schritte vor, mit denen die Teilnehmer trocken bleiben wollen. Für die Anonymen Alkoholiker zählen jeweils die nächsten 24 Stunden. Sie nehmen sich nicht vor, niemals mehr zu trinken, sondern heute trocken zu bleiben.

Mit sechs Männern begonnen

Die Surseer Gruppe der Anonymen Alkoholiker wurde vor 50 Jahren gegründet – als eine der ersten in der Zentralschweiz. «Trotz anfänglicher Mühen begann die Gruppe bald zu wachsen. Begonnen haben wir mit sechs Männern», erklärt Peter. Er besucht die Meetings seit mehr als 40 Jahren. «Ich war einsam, bevor ich die Gruppe kennen gelernt hatte. Vom Sozialdienst fühlte ich mich nicht ernst genommen.» Die persönliche Erfahrung der anderen Teilnehmer sei es, was die Anonymen Alkoholiker ausmache. «Ich habe gemerkt, dass die anderen mit ihren Erfahrungen eine Nasenlänge voraus sind und dass sie es auch geschafft haben.» Alkoholismus sei eine Krankheit, so Peter. «Wenn Alkohol Probleme macht, ist Alkohol das Problem. Die Krankheit kann nicht geheilt werden. Aber wir können sie zum Stillstand bringen.»

Seit der Gründung der Gruppe hat sich die Zahl der Teilnehmer verdoppelt, und auch Frauen besuchen die Meetings. Die Gruppe kann die Räumlichkeiten des Sozialberatungszentrums für ihre Diskussionsrunden gratis nutzen. Die Anonymen Alkoholiker kennen sich nur beim Vornamen. «Bei uns sind Leute aus allen Schichten und Berufsgattungen vertreten», erklärt Peter. Immer wieder besuchen Interessierte die Gruppe. Nicht alle kommen ein zweites Mal.

Seit 40 Jahren trocken

Auch Karl geht seit vielen Jahren an die Treffen. «Seit 40 Jahren habe ich keinen Alkohol mehr angerührt. Zunächst aber erlebte ich mehrere Rückfälle. Wenn ein Alkoholiker wieder mit dem Trinken anfängt, beginnt er wieder da, wo er zuletzt aufgehört hat.» Dies sei das Schlimme an der Krankheit, so Karl.

Der Senior Kaspar bedankt sich bei der Gruppe für den Besuch an seinem Geburtstagsfest. «Euer Besuch hat mich extrem gefreut. Und ihr wisst ja: Ohne euch hätte ich dieses Fest gar nie erlebt.» In der Gruppe fühle er sich zu Hause. «Diese Nestwärme kannte ich vorher nicht.» Kaspar erzählt, dass er lange geglaubt habe, er könne kontrolliert trinken. «Durch die Anonymen Alkoholiker habe ich akzeptiert, dass ich Alkoholiker bin, und muss nicht mehr trinken.»

«Niemand übte Druck auf mich aus»

Martina sagt, sie sei bereits in der Jugend alkoholabhängig geworden. «Er gab mir zunächst Selbstvertrauen. Doch je mehr ich trank, desto weniger hatte ich davon.» Schliesslich habe sie sich zwischen Leben oder Sterben entscheiden müssen. «Als ich in eine Gruppe der Anonymen Alkoholiker kam, war ich fix und fertig. Doch die Gemeinschaft empfing mich mit offenen Armen. Das habe ich gebraucht. Niemand übte Druck auf mich aus.» Nun fühle sie sich frei, könne jeden Tag entscheiden, was sie mit diesem anfange – «ohne, dass mich der Alkohol in seinen Klauen hat». Die Gruppe in Sursee sei ausserdem «eine wunderbare Gemeinschaft – ein Geschenk obendrauf».

Bereits am Morgen Alkohol

Xaver sagt von sich, er wisse schon lange, seit dem Alter von 20 Jahren, dass er Alkoholiker sei. «Doch ich wollte nicht aufhören. Die Substanz half mir bei vielem.» Die Menge aber nahm stetig zu. «Irgendwann trank ich sogar am Morgen. Dennoch wollte ich nicht wahrhaben, dass ich Hilfe benötigte», so Xaver.

Plötzlich verlor er die Kontrolle. «Innert 48 Stunden stand in meinem Leben alles auf dem Spiel, das Geschäft und die Beziehung.» Er habe viel versucht, um vom Alkohol loszukommen, sogar Hypnose und Homöopathie. «Die Fachleute konnten mir nicht helfen. Erst mit den Anonymen Alkoholikern schaffte ich es.» Heute sei er «ein zufriedener, glücklicher und trockener Alkoholiker».

Humor kommt nicht zu kurz

Der Reihe nach erzählen die Angehörigen der Anonymen Alkoholiker in der Runde ihre Lebensgeschichte oder sprechen aktuelle Sorgen an. So etwa Friedrich, der Probleme mit seiner Lunge hat. Er erhält zu wenig Sauerstoff und weiss nicht, ob er operieren soll. «Ich werde zum Schisshasen, wenn ich nur schon vor dem Spital stehe.» Trotz der Sorgen wird auch viel gelacht an jenem Abend. Friedrich stichelt gegen die beiden deutschen Teilnehmer, die Runde lacht. Und Martina sagt, was andere Mitglieder den Abend hindurch wiederholen: «Noch nie habe ich mich in einer Runde so ernst genommen gefühlt wie bei den Anonymen Alkoholikern.»

Hinweis *Alle Namen wurden von der Redaktion geändert.