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SURSEE: Das Millionen-Geschäft mit Briefmarken

Zwei junge Luzerner haben ihren Job gekündigt und setzen nun voll und ganz auf den Handel mit Briefmarken. Geld verdienen wollen sie nicht nur mit Originalen, sondern auch mit Fälschungen.
Christian Hodel
Sie mischen die Briefmarkenszene auf: Philipp Wyss (links) und Tobi Schwarzentruber in ihrem neuen Laden. (Bild: Dominik Wunderli (Sursee, 20. Dezember 2016))

Sie mischen die Briefmarkenszene auf: Philipp Wyss (links) und Tobi Schwarzentruber in ihrem neuen Laden. (Bild: Dominik Wunderli (Sursee, 20. Dezember 2016))

Christian Hodel

christian.hodel@luzernerzeitung.ch

Es ist wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Tausende, Zehntausende, wohl über hunderttausend Briefmarken lagern im Büro an der Surentalstrasse 10 in Sursee. So genau weiss das Tobi Schwarzentruber (32) aus Meggen nicht. «Den vollständigen Überblick habe ich verloren.» Es ist gut möglich, dass irgendwo in einem der rund 1800 Alben jenes unentdeckte Prunkstück schlummert, das ihm einst die Rente sichern wird.

Schwarzentruber ist Sammler, vor allem aber Händler von Briefmarken. Bis zu 30 Auktionen – Zürich, London, Berlin, Stockholm – besucht er im Jahr. Weiter durchstöbert er Nachlässe und sucht vor allem im Internet nach jenen raren Stücken, für die andere Sammler bereit sind, Unsummen zu investieren. Tausende, Zehntausende, gar Hunderttausende von Franken.

Wie an der Börse wird mit Marken gehandelt

Seit gut zwei Jahren handelt Schwarzentruber professionell mit Briefmarken. Er bietet sie über Internetplattformen wie Ricardo oder Ebay an. Jetzt baut er sein Geschäft aus. Gemeinsam mit Philipp Wyss (34) aus Dagmersellen hat er die Schwarzen­truber & Wyss Briefmarken/Luzernerraute GmbH gegründet – und eröffnet in Sursee in einem 100 Quadratmeter grossen Bürotrakt einen Laden. Ziel sei es, dass ihre Kunden und weitere Interessierte in den Briefmarkenalben herumschmökern können. «Irgendwann wollen wir zudem eine eigene Auktion durchführen.» Um die Ziele zu erreichen, haben Primarlehrer Schwarzentruber und Logistikleiter Wyss ihre Jobs gekündigt. «Wir wollen hier nicht einfach nur Däumchen drehen», sagt Philipp Wyss. «Wir wollen uns eine Existenz aufbauen.»

Es geht um viel, vor allem um viel Geld. Jahresumsätze in Millionenhöhe sind bei Schweizer Briefmarkenhändlern keine Seltenheit. Sammler nutzen sie als Investitionsanlage. Wie an der Börse wird mit den Marken gehandelt – mal steigt der Preis, mal sinkt er. Als Grundlage dient den Verkäufern und Sammlern der offizielle Verbandskatalog SBK der Schweizer Briefmarkenhändler, der jährlich aktualisiert wird. Schwarzentruber sagt: «Der Katalogpreis entspricht jedoch nie dem Marktpreis.» Je rarer eine Briefmarke ist, umso bessere Preise könne man aushandeln. Es geht aber nicht nur um Einzelstücke, entscheidend ist auch die Kombination: Der Gewinn steigt je nach Poststempel auf der Marke oder wenn die gleiche Briefmarke sowohl in deutscher, französischer und italienischer Ausführung zu haben ist.

Und sogar mit Fälschungen lässt sich Geld verdienen: «Es gab in der Schweiz zwei wirklich grosse Briefmarkenfälscher», sagt Schwarzentruber. Deren Marken erzielen heute teils einen hohen Wert, wenn man sie als originale Fälschungen erkennt und so deklariert. Um den Wert einer Briefmarke, einer Fälschung oder einer ganzen Sammlung überhaupt zu benennen, braucht es Wissen, das sich Wyss und Schwarzentruber in stundenlangem Selbststudium angeeignet haben. Beide sammelten bereits als Kinder, kauften Briefmarken und lasen unzählige Bücher zur Philatelie – der Briefmarkenkunde.

Etwa 10 000 bis 15 000 Briefmarkensammler gibt es laut Schwarzentruber heute in der Schweiz. Die Tendenz sei zwar sinkend, dafür würden die Bestehenden viel Wert auf Qualität legen. Die Sammler – meist Männer im Pensionsalter – sind bereit, eine grössere Summe auszugeben. Ein florierendes Geschäft also für die jungen Exoten im Briefmarkenhandel? «Wir sind zuversichtlich», sagt Schwarzen­truber. «Wer das Wissen hat, kann in diesem Geschäft durchaus Geld verdienen.» Vor einem Monat habe er beispielsweise an einer Auktion einen Brief samt Marke gekauft. Der Kaufpreis war 150 Franken, der reelle Marktpreis liegt etwa bei 3000 Franken, «da es sich um den seltenen Druckstein M einer Rayonaus­gabe aus dem Jahr 1850 handelt».

Im Besitz der ersten Briefmarken der Welt

In der Sammlung von Schwar­zentruber und Wyss, die sich laufend vergrössert, sind mehrere rare Prunkstücke mit dabei. Welche Preise die wertvollsten einbringen, sagen die Händler nicht. «Alles verkaufe ich sowieso nicht», so Schwarzentruber. «Schliesslich bin ich nicht nur Händler, sondern auch Sammler.» Er hat sich auf Briefmarken der sogenannten «Alt-Schweiz» fokussiert. Also auf die Anfänge um 1843–1850, als es noch kantonale Briefmarken gab, die nicht in Massenproduktion hergestellt wurden. Die erste für die ganze Schweiz gültige Bundesbriefmarke kam 1850 – rund zehn Jahre nachdem die «One Penny Black» in England entstand, die erste Briefmarke der Welt. Schwarzen­truber ist im Besitz einer solchen. Einen hohen finanziellen Wert habe das Stück aber nicht. Zu viele solcher Marken gibt es noch. Besonders stolz ist er hingegen auf die rare «Rosette von Pfyn» aus den 1850er-Jahren – vielleicht eine Hand voll solcher Marken ist im Umlauf. Und wer weiss, vielleicht schlummern noch weitere solche Prunkstücke völlig unentdeckt in den Unmengen an Alben und Briefmarken von Schwar­zentruber und Wyss.

Hinweis

Die Schwarzentruber & Wyss Briefmarken/Luzernerraute GmbH ist ab 4. Januar in Sursee an der Surentalstrasse 10 offen.

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