SURSEE: Er spürt die Gefühle von Behinderten

Für die behinderten Mitarbeiter des Brändi Sursee ist ihr Betreuer Fredy Fellmann eine Institution. Jetzt verlässt er sie – fürs «Projekt Pension».

Christian Bertschi
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Fredy Fellmann (links) hilft Rolf Meier beim Verpacken von Haarspangen. (Bild Boris Bürgisser)

Fredy Fellmann (links) hilft Rolf Meier beim Verpacken von Haarspangen. (Bild Boris Bürgisser)

«Fredy, chom emou.» Die schon etwas ältere Frau hat bei ihrer Arbeit im AWB Sursee der Stiftung Brändi ein Problem. Sie weiss nicht mehr genau, in welche Schachtel die abgefüllten Säcklein gehören. Fredy Fellmann erklärt es ihr, mit sanfter Stimme und einer Engelsgeduld. Noch bis am 25. April ist Fellmann für die behinderten Mitarbeiter der Werkgruppe die erste Ansprechperson. Dann geht er, der am Dienstag seinen 65. Geburtstag feierte, in Pension. Die Werkgruppe muss dann ohne ihn auskommen. Dort arbeiten Menschen mit einer stärkeren Behinderung, die zwar die gleiche Arbeit wie in der grösseren Montage-Abteilung erledigen, aber zumeist ohne Zeitdruck.

Vom Schimpfwort zur Akzeptanz

Fredy Fellmann kam vor 34 Jahren zur Stiftung Brändi. Der gelernte Textilmechaniker und Sozialpädagoge wollte seine beiden Ausbildungen miteinander kombinieren. «Es befriedigt mich sehr, handwerklich und gleichzeitig mit Menschen arbeiten zu können», sagt der mit Theres Blum verheiratete Vater von zwei erwachsenen Söhnen. Dankbar und zufrieden sei er, dass er über eine so lange Zeit diese Aufgabe erfüllen konnte.

Auch wenn sie bisweilen anstrengend war. «Es ist nicht immer einfach, die Gefühlswelten der behinderten Mitarbeiter zu spüren, sie aufzufangen und richtig zu reagieren», sagt Fellmann. In seiner Werkgruppe betreut er Personen mit den verschiedensten Behinderungen. Einige haben das Downsyndrom, andere sind psychisch beeinträchtigt. Gegenüber früheren Jahren sei die Arbeit anspruchsvoller geworden, gerade auch, weil für die Elternarbeit mehr Zeit aufgewendet werden müsse.

Geändert habe sich auch das Image der Stiftung Brändi, sagt der Surseer im Gespräch. «Früher riefen sich die Schüler auf dem Pausenplatz als Schimpfwort ‹Brändi› zu. Meine Frau hat da als Lehrerin jeweils reagiert und ist mit ganzen Schulklassen zu uns gekommen. Heute sind wir als Institution sehr akzeptiert.» Die Stiftung Brändi veranstaltet Ausstellungen, geht an den Luzerner Stadtlauf oder ist am Markt präsent. Im Sonnhalde-Quartier, wo das AWB Sursee beheimatet ist, hat eine Gruppe von Fellmanns Schützlingen ein Kompostierprojekt für die Quartierbewohner durchgeführt. «So kamen unsere Leute mit den Nachbarn unkompliziert in Kontakt – und umgekehrt.»

Grenzen setzen

Im Laufe der Zeit hat Fredy Fellmann zu einem Teil seiner behinderten Mitarbeitern eine spezielle Beziehung aufgebaut. Er weiss, wie er mit ihnen umgehen muss. «Fredy hat eine sehr hohe Empathie für diese Leute», sagt Fellmanns Chef Markus Tremp, der das AWB Sursee mit 234 Angestellten – davon sind 171 mit einem Handicap – leitet. Als seine erweiterte Familie will Fellmann die Behinderten aber nicht bezeichnen. «Ich behandle die Leute fair. Ich kann sie mal in den Arm nehmen, wenn sie dies brauchen. Ab und zu braucht es aber ein lautes Wort. Dann muss man Grenzen setzen.»

Die Mitarbeiter mit einem Downsyndrom würden diese Autorität sofort akzeptieren, andere hingegen würden pubertierend reagieren. «Auch wenn es dann für mich hart ist: Ich muss diese Linie durchziehen. Da kann man nicht bibäbelen.»

Als grosse Stärke bezeichnet er seine Begeisterungsfähigkeit. Das habe sich gerade auch bei Projekten, Ausflügen oder Anlässen auf die Behinderten übertragen. Stolz ist er darauf, wie er es immer wieder geschafft habe, anspruchsvolle Arbeiten auch Mitarbeitern mit einem hohen Behinderungsgrad zu vermitteln. «Dazu muss man das eine oder andere Hilfsmittel bereit stellen. Mit etwas Fantasie und etwas motorischem Geschick ist dies gut möglich», sagt Fellmann und erwähnt ein Brett, das mit 30 Löchern präpariert ist, in welches die Mitarbeiter Schrauben stecken. «Nicht alle können bis 30 zählen. Wenn alle Löcher gefüllt sind, wissen sie, dass sie die Anzahl erreicht haben. Wir versuchen die Probleme so zu lösen, dass die Behinderten das Gefühl haben, die Lösung selbst gefunden zu haben.»

Schoggi in der Schublade

Nun gibt er seinen Job auf. Einen Job, den er gerne gemacht hat, der ihn aber auch gefordert hat. Er, der als Abteilungsleiter zurücktrat, um vermehrt an der Basis arbeiten zu können. Er, der laut Markus Tremp stets offen war für Neues. Er, der in seiner Pultschublade immer etwas Schokolade gelagert hat und dessen Vorliebe für Mohrenköpfe auch den Mitarbeitern längst bekannt ist.

Das «Projekt Pension», wie Fellmann es nennt, will er ohne grosse Erwartungen angehen. Ein Angebot von Tixi-Taxi hat er abgelehnt – er will lieber öfters wandern und sich als Jung-Imker den Bienen widmen. Und er möchte spezielle Orte in der Schweiz aufsuchen, alte Bäume, alte Mühlen, Kraftorte. «Ich trauere meinem Arbeitsplatz nicht nach. Es ist Zeit zu gehen», sagt Fredy Fellmann. Eine Meinung, die nicht bei all seinen Mitarbeitern Anklang findet. Einer sagt: «Was machen wir nur ohne dich? Schade, dass du gehst, Fredy.»