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SURSEE: Er übersetzt die Bibel ins Hier und Jetzt

Walter Bühlmann feiert sein 50-Jahr-Jubiläum als Priester. Er fragte sich stets, was hinter Bibelgeschichten steckt – und griff für die Antwort schon mal zur Schaufel.
Evelyne Fischer
Theologe Walter Bühlmann (77), hier in der katholischen Kirche in Sursee, hat beim Schreiben seiner Bücher stets die Menschen auf den Kirchenbänken vor Augen. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Theologe Walter Bühlmann (77), hier in der katholischen Kirche in Sursee, hat beim Schreiben seiner Bücher stets die Menschen auf den Kirchenbänken vor Augen. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Evelyne Fischer

Walter Bühlmann geht den Dingen auf den Grund. Dies beweist sein Haus just neben der Georgskirche. Auf dunklen Holzbrettern und in kleinen Vitrinen reiht sich an der Stubenwand Öllämpchen an Öllämpchen. Das kleinste hätte auf einem Suppenlöffel Platz, das grösste gleicht einem bauchigen Teekrug, das älteste zählt 5200 Jahre, das jüngste deren 1300. Solche hat er eigenhändig in Jerusalem ausgegraben. Und mit ihnen ein Stück Wahrheit hinter Bibelgeschichten. Denn Bühlmann ist Priester, aber auch Archäologe. Noch heute drängt er, das Versteckte hinter dem Offensichtlichen zu finden. Zwischen den Bibelzeilen zu lesen. Jahrtausendealte Gleichnisse ins Hier und Jetzt zu übersetzen.

Kritisch und wissbegierig

Walter Bühlmann, 77, setzt sich auf einen nietenbesetzten Polsterstuhl. Vor ihm ein Holztisch, darüber ein Tuch aus Leinen; hinter ihm ein grüner Stubenofen, darauf eine Bibelhandschrift. Am kommenden Samstag feiert Bühlmann sein goldenes Priesterjubiläum. 50 Jahre sind seit seiner Weihe vergangen. Was bedeutet ihm der Tag? «Ein Jubiläum erreicht man einfach. Man kann nichts dafür», sagt er und schmunzelt.

Aufgewachsen in Eschenbach, erlebte Bühlmann dort als Sechstklässler eine Primiz, die erste heilige Messe eines neugeweihten Priesters. «Am Tag danach verkündete ich meinen Eltern, ebenfalls diesen Weg einschlagen zu wollen. Das Feierliche dieser Zeremonie hat mich tief beeindruckt.» Es folgen traditionelle Stationen: Gymnasium, Priesterseminar St. Beat Luzern, Päpstliche Universität Rom, Priesterseminar Solothurn. «Eigentlich war ich damals ein Theologe wie jeder andere. Vielleicht einfach eine Spur kritischer, wissbegieriger», sagt Bühlmann. Deshalb kündigt er nach fünf Jahren als Vikar in Willisau, beginnt in Fribourg ein Bibel- und Archäologiestudium, das ihn nach Jerusalem führt. Um zu erfahren, «wie Jesus wirklich lebte», steigt er bis unter die Grundmauern der Verkündigungsbasilika in Nazareth. Einmal begleitet ihn sogar das Fernsehteam des Bayerischen Rundfunks auf eine Forschungsreise.

Etwas für jene auf den Bänken

Auf die Doktorarbeit folgen Lehraufträge. Am Lehrerseminar Hitzkirch, an der Universität Luzern, an der Theologischen Hochschule Chur. Bühlmann publiziert viel. «Bücher, die man lesen kann», sagt er und deutet mit seinem Kopf in Richtung Kirche. Jene auf den Bänken hatte er beim Schreiben stets vor Augen. Der Theologe greift zum Bücherstapel hinter sich. «Von Betlehem nach Jerusalem», ein Sachbuch für Kinder, wird soeben neu aufgelegt. Bühlmann blättert darin. Der Stall zu Bethlehem, König Herodes, Kreuzigung Jesu. Farbige Bilder, kurze Texte, grosse Lettern. «Als Christ habe ich die Aufgabe mitzuwirken», sagt Bühlmann. «Wenn es glaubwürdig ist, was ich forsche, muss ich das weiterverkaufen.» Deshalb kehrt er im Jahr 2000 in die Seelsorge zurück, wird vom Forscher zum Vierherrn, wie die Geistlichen von Sursee seit dem Mittelalter heissen. Dies hätte eine Tumorerkrankung um ein Haar vereitelt.

Schwere Krebserkrankung

Sommer 1999. Gerade hat der Theologe sein Amt als Regens des Priesterseminars Luzern aufgegeben und sich auf einen längeren Forschungsaufenthalt nach Israel begeben. Dort diagnostiziert man Lymphknotenkrebs. Ambulante Behandlungen bleiben wirkungslos. «Ich fand das damals richtig gemein von Gott», sagt Bühlmann. «Schliesslich hätte ich noch so viel bewirken können.» Eine mehrmonatige, hoch dosierte Chemotherapie bringt jene Rettung, die kaum mehr jemand erwartet hat. «Ich erhielt ein zweites Leben. Dank meinem Glauben, aber insbesondere dank meiner guten Gesundheit, ich trieb viel Sport.» Noch heute schwimmt er regelmässig, geht im Sommer «z Berg», fährt im Winter Ski. «Und zwar immer noch auf der schwarzen Piste.»

Unorthodoxes Wirken

So klassisch Bühlmanns Priesterlaufbahn begann, so unorthodox ist dessen Wirken heute. Die Hostie teilt er auch Reformierten aus. «Schliesslich hat auch Jesus damals alle eingeladen, mit ihm das Mahl zu teilen.» In seiner Predigt stellt er schon mal biblische Gleichnisse dem Weltgeschehen gegenüber. Kürzlich im Falle von Adam, Eva und der Schlange. Die Parallelen in der heutigen Zeit fänden sich zahlreich: Sei es die Versuchung in Form von Geldgier, der die Fifa erlag, sei es die Versuchung in Form von Machtmissbrauch, die den Kreml-Chef auszeichne. «In Gottesdiensten will ich nicht nur die Messe lesen. Ich will den Menschen etwas mitgeben.» Aus Angst, die Leute würden den Glauben verlieren, habe sich die Kirche zu lange an die Vergangenheit geklammert. «Das Zölibat wurde als gottgegeben hingenommen, die Sexualität als Sünde betrachtet, die Frauen zu Unrecht aus der Seelsorge verbannt. So hat die Kirche ihr Gesicht verloren.» Um dies zu korrigieren, reiche ein neuer Papst nicht aus. «Dazu braucht es Arbeit an der Basis.» Bühlmann verabschiedet mit kräftigem Händedruck. Kurz darauf nehmen am Holztisch neue Gäste Platz. Sekundarschüler, die mit ihm das Abendmahl feiern. So, wie man es bereits vor bald 2000 Jahren tat.

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