SURSEE: Grösste Reise führte auf die Rigi

Mit 106 Jahren ist Maria Schüpfer-Wey die älteste Luzernerin. Bis vor fünf Jahren hatte sie noch einen eigenen Haushalt. Das lange Leben führt sie auf ein Naturprodukt zurück.

Drucken
Teilen
Die älteste Luzernerin Maria Schüpfer-Wey (106) im Alterszentrum St. Martin in Sursee gemeinsam mit ihrer Tochter Marlis Dommen-Schüpfer und Grosskind Claudia Wieser. (Bild Nadia Schärli)

Die älteste Luzernerin Maria Schüpfer-Wey (106) im Alterszentrum St. Martin in Sursee gemeinsam mit ihrer Tochter Marlis Dommen-Schüpfer und Grosskind Claudia Wieser. (Bild Nadia Schärli)

Maria Schüpfer-Wey, eine kleine zierliche Frau, sitzt im Rollstuhl, umrahmt von ihrer Tochter Marlis Dommen-Schüpfer, ihrer Schwiegertochter Luisa Schüpfer – beide um die 80 – sowie Grosskind Claudia Wieser. Auf dem runden Tisch im behaglichen Aufenthaltsraum des Alterszentrums St. Martin in Sursee liegt ein Fotobuch mit Bildern des 106. Geburtstags. Viele der 9 Grosskinder und 14 Urgrosskinder waren dabei. Eine Musikgruppe spielte ein Ständchen. Seit dem 10. Januar gilt Maria Schüpfer gemäss Einwohnerregister als älteste Luzernerin. «Mein Sohn hat mir immer Honig vorbeigebracht. Das ist der Grund, weshalb ich so alt wurde», pflegt Maria Schüpfer zu sagen. Und auch heute liebt sie Süssigkeiten. «Schokolade und Müesli geben ihr Kraft», sagt Tochter Marlis Dommen.

Nie im Ausland gewesen

Maria Schüpfer entschuldigt sich bei unserem Treffen, dass sie an jenem Tag nicht so munter ist. Sie ermüde schnell. Dafür wissen ihre Tochter und Schwiegertochter sowie das Grosskind viel zu erzählen. «Meine Mutter hat immer sehr bescheiden gelebt. Sie hat in ihrem ganzen Leben keine Auslandreise unternommen», erzählt Marlis Dommen. Und ergänzt: «Die grösste Reise meiner Mutter war ein Ausflug auf die Rigi.»

Dass Maria Schüpfer ein solch stolzes Alter erreicht, daran hatte 1910 niemand geglaubt. Es wurde gezweifelt, ob sie die ersten Tage nach der Geburt übersteht. Sie war ein schwächliches Kleinkind. Mehrere ihrer Geschwister starben wenige Tage nach der Geburt. «Erst nach der Pubertät ist sie aufgeblüht», erzählt ­Luisa Schüpfer von ihrer Schwiegermutter. Mit 22 Jahren heiratete sie Hans Schüpfer, der in der Nähe aufgewachsen war. Es folgten zwei Kinder. Gemeinsam lebten sie beim Weiler Mullwil in Rickenbach. Sie liessen dort ein Chalet bauen.

Zwei Weltkriege erlebt

Die Entwicklung und die gesellschaftlichen Veränderungen, welche Maria Schüpfer in ihrem Leben miterlebt hat, sind enorm. Als Kind und junge Frau gab es in Rickenbach statt Autos nur Pferdekutschen. Auch zwei Weltkriege erlebte sie auf dem Bauernhof mit. Die Pferde wurden an die Front eingezogen, die Arbeit auf dem Hof wurde dadurch noch härter. Denn vor der Güterzusammenlegung auf dem Weiler Mullwil war die Liegenschaft in zwanzig Landstücke aufgeteilt. Zwischen den Feldern waren dadurch grosse Distanzen zurückzulegen. Später arbeitete Maria Schüpfer etliche Jahre in der Zigarrenfabrik Villiger.

Mit erst 53 Jahren folgte ein harter Schlag: Maria Schüpfers Mann starb an einer schweren Krankheit. «Seither ist sie allein geblieben», sagt Grosskind Claudia Wieser. Einen weiteren Schicksalsschlag musste sie vor fünf Jahren verkraften, als ihr Sohn Hans starb. Nach dem Tod ihres Mannes zog Maria Schüpfer zur Familie ihres Sohnes. «Die fünf Kinder hingen sehr an ihrem Grosi, auch wenn die lebendige Bande sie forderte», sagt Luisa Schüpfer. «Da hat sie halt einmal zur Notwehr den Kindern einen nassen Waschlappen um die Ohren geflitzt.»

Grosses Hobby: Stricken und Lesen

Später lebte die älteste Luzernerin während 40 Jahren in einer eigenen Wohnung mitten in Rickenbach. «Sie ging dort sehr ungern fort. Hat sie doch ihr ganzes Leben in Rickenbach verbracht. Und es gefiel ihr sehr, im Zentrum zu wohnen und am Dorfleben teilzunehmen», sagt Marlis Dommen. «Die Leute waren verwundert, dass meine Mutter bis ins hohe Alter selber bei der Post Einzahlungen gemacht hat.» Für ihre Schwiegertochter hatte sie zu Hause immer eine Crèmeschnitte bereit. Maria Schüpfer verbrachte ihre Zeit gerne mit Stricken und Lesen. Etwas, das sie heute leider nicht mehr tun kann. Nach dem 100. Geburtstag machten sich mehr und mehr Altersbeschwerden bemerkbar.

«Maria war immer eine elegante Frau, die sich schön kleidete und einen guten Geschmack hatte», so ihre Angehörigen. «Mit ihrer liebenswürdigen, hilfsbereiten Art ist und bleibt sie ein Vorbild», sagt ihre Tochter. Noch immer mögen sie den Humor der 106-Jährigen. «Vor kurzem, als es ihr gut ging, konnte sie richtig über sich selber ‹gigeln›», erzählt Claudia Wieser.

Roseline Troxler