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Diese Luzerner Ärztin kümmert sich fast ausschliesslich um Migranten

Susanna Petit (60) empfängt in ihrer Praxis am Bahnhof Luzern drei Mal pro Woche Patienten aus aller Welt. Ihre Arbeit ist gefragt – und verlangt viel Geduld.
Yasmin Kunz
Ärztin Susanna Petit bei der Ultraschall-Untersuchung einer schwangeren Patientin. (Bilder: Pius Amrein, 31. Januar 2019)

Ärztin Susanna Petit bei der Ultraschall-Untersuchung einer schwangeren Patientin. (Bilder: Pius Amrein, 31. Januar 2019)

Das Leben schreibt die schönsten und zugleich tragischsten Geschichten. Susanna Petit wird fast täglich mit den Hochs und Tiefs des Lebens konfrontiert. Sie ist Ärztin. Ihre Klientel sind weit mehr als 200 Asylbewerber und Flüchtlinge aus allen Herren Ländern: Kongo, Irak, Eritrea, Bangladesh. Nun leben sie in Kriens, Inwil, Emmenbrücke, Buchrain.

Sie alle kommen zu «Doktor Susanna», wie sie von ihren Patienten genannt wird. Ihre Praxis befindet am Luzerner Bahnhof im dritten Stock. Petit ist in der Permanence-Praxis der Med Center AG angestellt.

Patienten bringen oft die Familie und Geschenke mit

Auf den ersten Blick scheint alles wie in einer regulären Praxis: Ein Empfang, ein Wartezimmer, mehrere Untersuchungsräume, ein Labor. Mit dem Eintreffen der Patienten ändert sich das. In unterschiedlichsten Sprachen wir geredet, es wird besonders viel gestikuliert, viele Patienten platzen einfach rein – oft noch mit dem Familienanhang – und sie bringen Proviant und Geschenke mit. Der Lärmpegel steigt mit jedem neuen Eintritt, zumal selten ein Patient alleine kommt. Meistens nehmen sie Freunde oder Familie mit – und Susanna Petit untersucht zuweilen dann mehr als nur die eigentliche Patientin.

Die Medizinerin, die in Luzern wohnt, schätzt es sehr, dass die Permanence ihr seit acht Jahren die Räumlichkeiten und eine gute Infrastruktur für ihre Tätigkeit zur Verfügung stellt. Die zentrale Lage am Bahnhof sei ideal, da viele Patienten mit den öffentlichen Verkehrsmitteln anreisen, sagt sie. Das ist nicht selbstverständlich, zumal die Dienstleistungen an Flüchtlinge und Asylsuchende keinen grossen Gewinn abwerfen – im Gegenteil, ein defizitäres Geschäft sind. Doch die Inhaberin und Verwaltungsratspräsidentin von Med Center AG, Myriam Matter, hat entschieden, diesen Menschen zu helfen.

Susanna Petit arbeitet drei Tage die Woche von 17 Uhr bis Mitternacht. Hin und wieder auch länger – je nach Ansturm. Und der ist in der Regel gross, zumal Petit sich einen Namen als «Ärztin von Migranten» gemacht hat, wie die quirlige Frau sagt. Sie fügt an:

«Ich liebe diesen Job, eine
normale Praxis wäre nichts
für mich.»

Die 60-Jährige hat die Herausforderung schon immer gemocht. Während der grossen Hungersnot zwischen 1984 und 1987 war sie als junge Medizinerin in Äthiopien, zuständig für 37'000 Patienten. Viele überlebten die Dürre und den Krieg nicht. Zudem war Susanna Petit, ursprünglich Katalanin, weit und breit als einzige Frau tätig. Da es zu sehr vielen Vergewaltigungen gekommen ist, brauchte sie besonderen Schutz. Angst gehabt habe sie nicht. «Dafür blieb schlicht keine Zeit. Ich habe quasi nur gearbeitet und geschlafen.» Erst als sie auf Heimaturlaub war und zufällig eine TV-Dokumentation über die Zustände in Äthiopien sah, realisierte sie, welchen Gefahren sie ausgesetzt und wie schlimm die Situation dort wirklich war. Petit erinnert sich:

«Ich weinte, als ich das sah und meine Mutter sagte damals: ‹Warum weinst Du? Du siehst das ja jeden Tag›».

Später hat sie ein halbes Jahr in einem Luzerner Spital gearbeitet, was ihr aber nicht entsprach. Danach war die Mutter von drei erwachsenen Kindern lange in einer Hausarztpraxis in Emmenbrücke tätig, wo sie bereits zahlreiche Patienten mit Migrationshintergrund behandelte – auch wegen der Nähe zum damaligen Asylzentrum Sonnenhof.

Zurück in die Praxis: Es ist noch nicht einmal 17 Uhr – und schon öffnet die erste unangemeldete Patientin respektive deren Mutter die Tür. Malou, die ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will, kommt rein: «Hallo Susanna, mein Baby ist krank.» Die Ärztin hört ihr zu, stellt Fragen. Dem zwei Monate alten Säugling geht es gut. Es hat nur etwas viel Luft im Bauch. «Neugeborene trinken in der Regel zu schnell und schnappen dabei zu viel Luft.» Die Ärztin gibt der kongolesischen Mutter ein paar Tipps auf den Weg und erinnert sie an den Impftermin in einer Woche. Hier noch ein Foto vom Untersuch des Babys:

Die meisten Patienten sind Frauen und Kinder. Es folgt eine junge Portugiesin. Im Gegensatz zu Malou hat sie einen Termin. Die Frau ist im achten Monat schwanger. Auf dem Ultraschall sieht man den Kopf deutlich. Der Herzschlag ist mit 140 Schlägen pro Minute normal. Die Frau ist beruhigt. Beim Gespräch verlassen wir den Raum, wobei wir nicht viel verstanden hätten. Susanna Petit und die Patientin unterhalten sich auf Portugiesisch. Die Ärztin spricht sechs Sprachen. «Nicht alle fehlerfrei, was aber nichts macht, denn meistens verrät die Körpersprache genug.» Spanier würden generell immer etwas übertreiben, Iraner seien hingegen sehr zurückhaltend, beschreibt sie ihre Erkenntnis. Häufig ist die Ärztin mit psychosomatischen Problemen konfrontiert, wie sie sagt. «Dann brauchen die Patienten vor allem ein offenes Ohr.»

Susanna Petit (links) mit der medizinischen Praxisassistentin Gaby Bachmann.

Susanna Petit (links) mit der medizinischen Praxisassistentin Gaby Bachmann.

Die Hälfte der Patienten erscheint unangemeldet

Mit den unterschiedlichen Kulturen ist auch Gaby Bachmann konfrontiert. Die medizinische Praxisassistentin ist seit 20 Jahren an Petits Seite. «Hin und wieder kommt es vor, dass ich auf den Tisch klopfen muss, weil sich nicht alle an die Regeln halten.» Auch Bachmann liebt ihren Job, selbst wenn vieles nicht nach Plan läuft. Der einzige Plan ist eigentlich der, keinen zu haben. «Wir wissen nie, wen wir antreffen.» Bei unserem Besuch hatten beispielsweise die Hälfte der Patienten, die im Wartezimmer sassen, keinen Termin. Weiter es auch schon vorgekommen, dass sie Patienten vor die Türe gestellt hätten, so Bachmann:

«Wer nach mehrmaligem Ermahnen immer noch nicht kapiert, dass er nicht vorzudrängeln hat, der kann sich eine Auszeit nehmen.»

Nach zwei Stunden verlassen wir Susanna Petit. In der Zwischenzeit ist das Wartezimmer voll – mit Patienten aller Herren Länder, deren Leben schöne und tragische Geschichten schreibt.

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