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Kommentar

Tagesschulen: Zwang ist das falsche Mittel

Analyse zur Forderung des Luzerner Stadtparlaments, dass die Kinder künftig am Mittag grundsätzlich in der Schule betreut werden sollen.
Robert Knobel
Robert Knobel, Leiter Ressort Stadt/Region Luzern

Robert Knobel, Leiter Ressort Stadt/Region Luzern

Die Ganztagesschule soll in der Stadt Luzern zum Standard werden. Zwar ist noch nichts Konkretes beschlossen. Doch das Stadtparlament hat am Donnerstag klare Weichen gestellt: Der Stadtrat soll Modelle erarbeiten, bei denen die Mittagspause in der Volksschule auf 45 bis 60 Minuten verkürzt wird. Gleichzeitig sollen flächendeckende Tagesstrukturen für alle Kinder angeboten werden (wir berichteten).

Zwar soll der Besuch der Tagesschule weiterhin freiwillig bleiben. Doch bei einer Mittagspause von 45 Minuten besteht die Wahlmöglichkeit nur noch auf dem Papier. Wer nicht gleich neben dem Schulhaus wohnt, kann über Mittag nicht mehr nach Hause. Wird die Ganztagesschule zur Norm, würde dies den Alltag der meisten Familien markant verändern. Heute nutzen nämlich fast zwei Drittel aller Primarschüler in der Stadt Luzern überhaupt kein schulisches Betreuungsangebot. Sie gehen jeden Mittag nach Hause oder nutzen privat organisierte Mittagstische in der Nachbarschaft.

Kein Wunder prallten bei der Debatte im Stadtparlament Welten aufeinander. «Ist die Betreuung zu Hause denn gar nichts mehr wert?», hiess es etwa von bürgerlicher Seite. Für SP, Grüne und GLP gehört die Ganztagesschule hingegen zu einer modernen Gesellschaft. Sie erleichtere die Erwerbstätigkeit beider Eltern und sei auch aus pädagogischer Sicht wertvoll. Aktuell hat die Stadt Luzern eine sogenannte «additive Tagesschule». Das bedeutet: Wer will, kann seine Kinder in der Schule betreuen lassen. Dabei gibt es verschiedene Wahlmöglichkeiten: Besonders beliebt ist die Betreuung über Mittag, doch die Kinder können auch am frühen Morgen und am Nachmittag sowie in den Schulferien im Hort bleiben. Die Eltern können das Angebot an beliebig vielen Tagen pro Woche in Anspruch nehmen. Zurzeit nutzen 36 Prozent der Kindergärtler und Primarschüler ein Betreuungsangebot an ihrer Schule, wobei es enorme Unterschiede zwischen den Quartieren gibt: In Ruopigen besuchen bloss 17 Prozent der Kinder den Hort, im Bruch-/Steinhofquartier sind es 61 Prozent. Das zeigt, dass die Nachfrage stark vom sozialen Umfeld abhängt. Interessant ist auch, dass die Hälfte aller betreuten Kinder entweder aus sehr einkommensschwachen (unter 40'000 Franken Jahreseinkommen) oder sehr gut situierten Familien (über 130'000 Franken) stammen. Das ist im «Monitoring Kinderbetreuung 2018» der Stadt Luzern nachzulesen.

Die Befürworter der Ganztagesschule nehmen die Stadt Zürich als Vorbild. Dort soll die Mittagsbetreuung sukzessive zum Standard werden. Das Angebot bleibt zwar freiwillig. Doch beim Pilotversuch zeigte sich, dass nur 10 Prozent der Eltern ihre Kinder von der Tagesschule abmelden. Das verwundert nicht: Wenn ein Modell zum Standard wird, akzeptieren es die meisten – was im Umkehrschluss nicht bedeuten muss, dass die Tagesschule für 90 Prozent der Eltern ein Bedürfnis ist. Die erste Bilanz ist in Zürich zwar grundsätzlich positiv. Eltern schätzen die Regelmässigkeit und Verbindlichkeit. Andererseits berichtet die NZZ, die Schüler seien müder und trotz mehr Zeit für die Hausaufgaben nicht unbedingt leistungsstärker geworden. Eine Umfrage bei Schülern in Altstetten zeigte zudem, dass zwei Drittel gegen die Einführung in ihrem Schulhaus waren.

Das Hauptproblem von Luzerner Eltern ist heute der Mangel an Betreuungsplätzen und ein unflexibles System, das eine Betreuung zu den gewünschten Zeiten nicht garantiert. Dies erschwert eine regelmässige und planbare Erwerbstätigkeit. Hinzu kommt, dass das Mittagessen oft nicht der Qualität entspricht, die man von zuhause her kennt. Und dann geht eine regelmässige Betreuung auch ins Geld. In Zürich wird die Frage, wieviel Stadt und Eltern zahlen sollen, denn auch kontrovers diskutiert.

Dank der Verkürzung der Mittagspause erhalten die Kinder mehr Flexibilität für ausserschulische Aktivitäten am Nachmittag – so lautet ein weiteres Argument. Allerdings: Gerade jüngere Kinder sind bei ihren Aktivitäten auf die Eltern angewiesen. Beginnt der Musikunterricht plötzlich um 15 Uhr statt um 18 Uhr, ergeben sich für arbeitstätige Eltern neue Vereinbarkeits-Probleme.

Es ist richtig, dass man die Tagesschul-Debatte jetzt führt. Die gesellschaftlichen Veränderungen schreiten rasch voran. So hat sich der Bedarf an Betreuungsplätzen seit 2010 in Luzern verdoppelt. Mit den heutigen Entscheiden stellt die Politik die Weichen für das kommende Jahrzehnt. Vordringlich ist dabei, dass die Stadt Luzern die Zahl der Betreuungsplätze weiter erhöht, damit möglichst alle Familien einen Platz zu den gewünschten Zeiten erhalten. Und vor allem soll niemand aus finanziellen Gründen auf den Besuch des Horts verzichten müssen.

In die richtige Richtung zielt das Vorhaben im St. Karli-Schulhaus, das bald saniert wird. Das Parlament hat festgelegt, dass nach dem Umbau Betreuungskapazität für mindestens 60 Prozent der Schulkinder zur Verfügung stehen muss. Mit einem faktischen Zwang, den Mittag in der Schule zu verbringen, kommt man hingegen nicht den individuellen Bedürfnissen der Eltern entgegen, sondern man ändert das System auf radikale Weise. Dies würde die Debatte um das «richtige» Erziehungsmodell weiter ideologisieren. Dafür gab es im Stadtparlament Anschauungsunterricht. So kam etwa von SP-Seite die Forderung nach dem «Alles-oder-nichts-Modell»: Entweder ein Kind bleibt jeden Mittag an der Schule – oder es verzichtet ganz darauf. Das würde die besonders beliebten Teilzeit-Lösungen verunmöglichen und alle Kinder, die zu Hause betreut werden, von einem Teil des Schulalltags ausschliessen.

Doch wir sollten nicht in alte Muster zurück fallen und die Familienmodelle gegeneinander ausspielen. Das Mittagessen im Kreis der Familie ist eine wichtige Erfahrung. Der bewusste «Break» vom Schulalltag wird von vielen Kindern geschätzt. Genauso wichtig und prägend ist der Alltag im Schülerhort. Welches Modell und wieviel davon man wählt, sollte den Eltern überlassen werden.

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