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TANNENBAUM: «Ich mag Charakterbäume»

Michiel Fehr (32) wollte Urwaldforscher werden, heute ist er für den Wald in der Region Luzern verantwortlich. Und er ist Schweizer Meister im Segeln. Im Interview spricht er von Wald, Wasser und Weihnachten.
Interview Pirmin Bossart
Michiel Fehr: «Die 24-Stunden-Gesellschaft verlagert sich zunehmend auch in den Wald.» (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Michiel Fehr: «Die 24-Stunden-Gesellschaft verlagert sich zunehmend auch in den Wald.» (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Michiel Fehr, haben Sie den Weihnachtsbaum schon geholt, oder pflegen Sie diesen Brauch nicht?

Michiel Fehr: Doch, wir haben auch einen Weihnachtsbaum. Meistens besorge ich ihn am letzten Tag und nehme, was übrig bleibt. Vielleicht hat er zwei Spitzen oder ist ein wenig krumm gewachsen. Das lag uns schon als Kinder am Herzen: Wir wollten einen Baum mit Charakter, keinen perfekten. Damals war ich mit meiner Familie und einem Leiterwägelchen unterwegs, um den Christbaum bei einem Bauern zu holen. Heute nehme ich meine kleine Tochter mit.

Und wo holen Sie ihn heute?

Fehr: Letztes Jahr habe ich ihn von der Korporation Luzern auf ihrer Christbaum-Plantage im Gütschwald erworben. Mal schauen, wo ich dieses Jahr einen kriege.

An Weihnachten werden Tausende von kleinen Tannen für Christbäume gebraucht. Kein Problem?

Fehr: Dass Christbäume direkt im Wald geholt werden, ist ja nicht die Regel. Zudem wachsen die Nordmanntannen, welche als die klassischen Christbäume gelten, nicht im Wald. Sie werden auf speziellen Plantagen am Waldrand, bei einem Bauern oder bei einer Gärtnerei als eine eigene Kultur angepflanzt. Im Wald selber einen Baum zu holen, braucht das Einverständnis des Waldeigentümers. Was im Wald ist, ist nicht Allgemeingut. Das müsste uns auch bei andern Tätigkeiten und Aktivitäten im Wald bewusst sein.

Was bedeutet Ihnen Weihnachten? Gehört das Schenken auch dazu?

Fehr: Weihnachten ist für mich ein wichtiger Moment, um im Kreis der Familie zusammen zu sein und das Fest zu geniessen. Wir feiern Weihnachten im klassischen Rahmen, zu dem auch Geschenke gehören. Aber sie sind nicht ein dominanter Punkt, wir halten den Aufwand klein. Geschenke sind sinnvoll, wenn man sie brauchen kann. Sonst soll man das Schenken besser sein lassen.

Wie begann Ihre Liebe zum Wald?

Fehr: Das ist eine lange Geschichte mit verschiedenen Stationen. Als ich den Kindergarten besuchte, weilten wir oft im Wald. Dort haben wir viele Geschichten über den Wald gehört. Die haben mir gefallen. Als Kind sagte ich immer, dass ich Urwaldforscher werden möchte. Aber das hat sich dann schnell relativiert. Eigentlich bin ich über das Segeln zum Wald gekommen.

Das müssen Sie erklären.

Fehr: Ich bin in Richterswil ZH aufgewachsen. Dank dem Schulsport habe ich schon in der dritten Klasse mit Segeln begonnen. Dort entstand das Interesse für die Natur und das Wetter. Nach dem Gymi hatte ich vor, Meteorologie zu studieren. An der ETH Zürich begann ich mit dem Studium der Umweltnaturwissenschaften, zu dessen Grundlage neben Chemie, Biologie und andern Disziplinen die Meteorologie gehört. Als vertiefendes Schwerpunktfach wurde auch das Thema Wald angeboten. Das war dann mein definitiver Einstieg.

Was zog Ihnen den Ärmel rein?

Fehr: Ich merkte schon im ersten Jahr, dass mich die Thematik Wald anspricht. Es geht um Natur, 30 Prozent der Landschaftsfläche sind Wald, man kann etwas bewegen. Der Kreis der Forstleute ist relativ klein, man findet schnell Zugang, während die Meteorologie doch eher akademisch-wissenschaftlich bleibt. Auch kann man im Forst durch längere Praktika einen guten Einblick in die Arbeit gewinnen. Nach drei Jahren Studium machte ich zwei halbjährige Praktika beim Forstdienst Kanton Zug und bei den SBB, wo ich auch Luzern Projekte begleitete. So habe ich mein Netzwerk erweitert, was dann auch zum Einstieg für meine jetzige Stelle beim Kanton Luzern wurde.

Sie sind Leiter der Waldregion Luzern. Was machen Sie da konkret?

Fehr: Die Waldregion Luzern ist eine von drei Waldregionen des Kantons Luzern. In unserem Gebiet befinden sich rund 7700 Hektaren Wald, verteilt auf über 5600 Parzellen und 2400 Waldeigentümer. Ich leite ein Team von vier Revierförstern. Wir nehmen all die regionalen Aufgaben wahr, die sich im Zusammenhang mit der Holznutzung, den verschiedenen Freizeitinteressen im Wald oder den Jagdvereinen stellen. Andererseits bin ich auch zuständig für Aufgaben im ganzen Kantonsgebiet, insbesondere für die Bereiche Schutzwald sowie Wald- und Wildfragen.

Sind Sie oft draussen im Wald, oder sitzen Sie eher vor dem Computer?

Fehr: Ich bin mehr im Büro. Bei schwierigen Fragen gehe ich aber schon vor Ort, etwa bei grösseren Holzschlägen, wenn illegale Deponien auftauchen oder Reklamationen aus der Bevölkerung eine Diskussion erfordern. Die Koordination der verschiedenen Ansprüche, die an den Wald gestellt werden, ist in den letzten Jahren immer wichtiger geworden.

Können Sie Bäume fällen?

Fehr: Zwar haben ich einen akademischen Background, aber ich fand es immer wichtig, zumindest einen Einblick in die praktische Waldarbeit zu bekommen. Ich habe einen Holzerkurs gemacht und auch während der Praktika im Wald gearbeitet. Es macht mir nach wie vor Freude, eine Motorsäge in die Hand zu nehmen und im Wald zu wirken. Es geht ja nicht darum, einfach umzumähen, sondern Platz zu machen für etwas anderes. Wenn ich zum Beispiel eine Eiche freistellen kann, die das Potenzial hat, gross zu werden, ist das eine Freude.

Haben Sie auch schon einen Baum umarmt?

Fehr: Das ist schon vorgekommen. Ich habe Respekt vor den Bäumen. Aber ich liebe auch die Perspektive, ihnen manchmal ganz nah zu sein und in die Krone hinaufzublicken.

Was ist Ihr Lieblingsbaum?

Fehr: Ich kann keine bestimmte Baumart nennen. Mir gefallen wie gesagt Bäume mit Charakter, wuchtige Bäume, in denen man die Geschichte ablesen kann. Bäume wie Eiche, Ahorn oder Eiben sind dafür prädestiniert. Sie haben für mich eine hohe Ausstrahlung.

Kein spezieller Lieblingsbaum also, aber einen Lieblingswald?

Fehr: Ich habe gerne Wälder, in denen man die Dynamik sieht und spürt. Das können Laubwälder, Tannenwälder oder Mischwälder sein. Ich bin da nicht auf einen bestimmten Typus festgefahren. Es ist mehr die langfristige Entwicklung, die mich fasziniert: wie etwa junge Pflanzen sich durchsetzen, sobald das Licht wieder auf den Waldboden fällt, und den Bestand verjüngen. Natürlich beeindrucken mich auch das Majestätische eines alten Baumes und seine Kraft, die er ausstrahlt.

Als Kind wollten Sie Urwaldforscher werden: Müssten Sie da nicht diese urtümlichen Wälder lieben?

Fehr: Es gibt in der Schweiz nur ganz wenige Wälder, die sich selber überlassen werden. Mich faszinieren mittlerweile auch bewirtschaftete Wälder. Die Holzbewirtschaftung ist wichtig. Da ist ein Rohstoff der Natur, der mit Rücksicht auf ein funktionierendes Waldsystem genutzt wird. In der Schweiz ist der Standard in der Bewirtschaftung sehr hoch.

Ist die Holzbewirtschaftung nicht einem dauernden Preisdruck ausgesetzt und fast nicht mehr tragbar?

Fehr: Der starke Franken hat der Holzbranche markant zugesetzt. Es ist immer günstiger geworden, Holz zu importieren. Schon zuvor haben die hohen Lohnkosten und die Topografien unserer Wälder unsere Wettbewerbsfähigkeit strapaziert. Gleichzeitig ist die Holznutzung unabdingbar, wenn wir unsere Wälder stabil erhalten wollen. Von der Natur alleine wäre das nicht gegeben.

In den 1980er-Jahren waren der Borkenkäfer und das Waldsterben ein heiss diskutiertes Thema. Noch lebt der Wald sehr gut, wenn nicht alles täuscht. War alles halb so schlimm?

Fehr: Es hat damals klare Anzeichen gegeben, dass der Gesundheitszustand des Waldes sich rapide verschlechtert. Dadurch ist auf der Gesetzesebene viel ausgelöst worden. Der Ausstoss der Schadstoffe konnte massiv reduziert werden. Wie der Wald ohne diese Massnahmen reagiert hätte, ist sehr schwierig abzuschätzen. Man kann dieser Debatte dankbar sein.

Trotzdem: Das mittlerweile verpönte Wort «Waldsterben» hat die Umweltdiskussion nachhaltig beeinflusst: Wenn heute Experten vor dem Klimawandel warnen, glaubt man das nur noch bedingt. Wie sehen Sie das?

Fehr: Diese abstumpfende Wirkung ist nicht von der Hand zu weisen. Das ist wie der Wetterbericht, der eine heftige Sturmwarnung durchgibt, und dann kommt nur ein laues Windchen. Dessen muss man sich bewusst sein, wenn man Warnungen ausspricht. Andererseits lässt sich nicht immer steuern, wie eine Warnung medial aufgenommen und verbreitet wird. Das kann auch übertriebene Ausmasse annehmen, wodurch die Fallhöhe umso grösser wird. Trotzdem haben die Wissenschaft und auch die Verwaltungen die Aufgabe, auf den Gesundheitszustand des Waldes aufmerksam zu machen und rechtzeitig auf Probleme hinzuweisen.

Wie geht es unserem Wald heute?

Fehr: Das ist eine Frage der Optik. Aus menschlicher Sicht ist die Pflege des Waldes aufgrund der tiefen Holzpreise immer weniger gewährleistet. Das kann dazu führen, dass verschiedene Ansprüche an den Wald nicht mehr erfüllt werden können. Die Pflege des Schutzwaldes wird immer stärker abhängig von Beiträgen von Bund und Kanton. Auch die Erholungswälder rund um die Stadt, für die bislang keine öffentlichen Gelder fliessen, verlieren mittelfristig ihre Attraktivität, wenn sie nicht mehr bewirtschaftet werden. Denn Studien zeigen, dass Waldbesucher zwar einen gut strukturierten, aber dennoch gepflegten Wald am meisten schätzen. Aus gesamtgesellschaftlicher Optik ist es meines Erachtens ein grosses Problem, dass die Pflege des Waldes immer weniger über den Holzpreis finanziert werden kann.

Wie sieht es aus der Optik des Waldes aus? Wie gesund ist er?

Fehr: Sorgen bereitet der Stickstoffeintrag in die Böden, der über die Atmosphäre erfolgt. Die grössten Emissionen stammen von der Landwirtschaft und vom Verkehr. Es gibt zu wenig Messungen im Kanton Luzern, genaue Zahlen fehlen. Aber wir gehen davon aus, dass der Eintrag im Wald beträchtlich ist. Er führt zu einer eingeschränkten Verfügbarkeit der Nährstoffe und mindert das Wachstum der Bäume. Ein anderes Problem sind die Neobioten, also eingeschleppte Pflanzen- und Tierarten, die unsere Wälder bedrohen können.

Haben Sie ein Beispiel?

Fehr: Bei Pflanzen sind es der Japanknöterich, die Goldrute und der Kirschlorbeer, die sich in unseren Wäldern verbreiten. Vor allem der Kirschlorbeer, der sehr anspruchslos ist und schnell wächst, ist in allen Wäldern der Agglomeration anzutreffen. Er bedeckt die Böden und verhindert, dass sich der Wald verjüngen kann. Zu den eingeschleppte Tieren gehören die Kastaniengallwespe oder der Asiatische Laubholzbockkäfer, die das Wachstum der Bäume behindern können.

Jogger und Biker tummeln sich vermehrt in den Wäldern. Ist das auch ein Problem?

Fehr: Es kann zu einer Belastung kommen, wenn ein Wald intensiv von Erholungssuchenden beansprucht wird. Wir beobachten, dass sich die 24-Stunden-Gesellschaft zunehmend auch in den Wald verlagert. Biker, die nachts durch Wälder radeln. Jogger, die mit Stirnlampe unterwegs sind. Leute, die eine Party machen.

Was tun Sie dagegen?

Fehr: In der Schweiz ist ein Wald für alle frei betretbar. Das ist ein sehr hohes Gut. Zu diesem Privileg müssen wir Sorge tragen. Man muss sich bewusst sein, dass der Wald immer jemandem gehört und man dort nur Gast ist. Eigentlich hiesse die Devise: Wenn du in den Wald gehst, hinterlasse nur deine Fussspuren und nimm nichts mit, ausser ein paar Bildern. Wenn sich das alle zu Herzen nehmen, verträgt es viel.

Sie leben in Emmenbrücke. Was hat Sie dorthin gezogen?

Fehr: Wir konnten dort ein Haus mit viel Umschwung in der ehemaligen Viscosesiedlung Sonnenhof erwerben. Ich habe das Haus selber umgebaut und auch den Garten neu angelegt. Ich arbeite sehr gerne mit den Händen, was mir im beruflichen Alltag fehlt. Werken, mit den Händen etwas erschaffen: Das gibt eine ganz andere Art von Befriedigung.

Ihre Frau ist Engländerin. Wo habt ihr einander kennen gelernt?

Fehr: Nach der Matura weilte ich länger in Australien und Neuseeland. Dort habe ich gearbeitet und bin viel gesegelt. Ich war auch vor Ort, als die Schweizer Jacht Alinghi den America’s Cup gewonnen hat. Dort habe ich meine Frau kennen gelernt, die damals gerade auf Reisen war.

Wie steht es mit dem Segeln?

Fehr: Es bleibt meine grösste Leidenschaft. Ich habe eine holländische Mutter. Die Holländer haben einen engen Bezug zum Wasser und zum Wind. Meine Eltern haben schon gesegelt. Seit 1996 nehme ich mit einem kleinen Katamaran (Dart 18) an Regatten teil. Ich war schon verschiedene Male Schweizer Meister. Dieses Jahr bin ich auch deutscher Meister geworden – und wieder Schweizer Meister.

Da haben Sie sicher einen strengen Trainingsplan.

Fehr: Ich bin an acht bis zehn Wochenenden pro Jahr unterwegs für Wettkämpfe. Ansonsten bin ich einmal in der Woche auf dem Vierwaldstättersee. Bei uns Seglern ist auch das Gesellschaftliche sehr wichtig. Wir sind keine verbissenen Profis. Das Segeln ist ein schöner Ausgleich zu meinem Job.

Naturverbunden

Zur Person pb. Michiel Fehr (32) ist in Richterswil aufgewachsen. Nach dem Gymnasium machte er eine zweijährige Auszeit für Arbeit, Segeln und Reisen in Neuseeland und Australien. Er studierte an der ETH Zürich Umweltnaturwissenschaften mit Vertiefung Wald- und Landschaftsmanagement. Seit sechs Jahren beim Kanton, arbeitet er seit dreieinhalb Jahren als Leiter Waldregion Luzern, Abteilung Wald der kantonalen Dienststelle Landwirtschaft und Wald. Fehr ist Mitglied der Arbeitsgruppe Wald und Wildtiere des Schweizerischen Forstvereins. Als Segler präsidiert er die International Dart Association Switzerland (www.idas.ch), und er ist Mitglied des Segelclubs Meggen. Fehr lebt mit seiner Frau Susan und der dreieinhalbjährigen Tochter Erin in Emmenbrücke.

Interview Pirmin Bossart

Forstingenieur Michiel Fehr im Luzerner Gütschwald: «Ich habe Respekt vor den Bäumen, bin ihnen gerne nahe und schaue in die Kronen hinauf – ich kann aber auch gut mit der Motorsäge umgehen.» (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Forstingenieur Michiel Fehr im Luzerner Gütschwald: «Ich habe Respekt vor den Bäumen, bin ihnen gerne nahe und schaue in die Kronen hinauf – ich kann aber auch gut mit der Motorsäge umgehen.» (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

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