TANZ: Sie träumen mit den Beinen

Auf der Tanzfläche ­versprühen Patricia Patt und Flavio Lodigiani Erotik pur. An den Schweizer Meisterschaften Standard & Latein will das Luzerner Tanzpaar ein weiteres Mal den Meistertitel holen.

Interview Annette Wirthlin
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Es sieht zwar locker und harmonisch aus, doch dahinter stecken harte Arbeit und viele Diskussionen: Patricia Patt und Flavio Lodigiani beim Training in den Räumen der Tanzschule TanzArt in Ebikon. (Bild: Roger Gruetter / Neue LZ)

Es sieht zwar locker und harmonisch aus, doch dahinter stecken harte Arbeit und viele Diskussionen: Patricia Patt und Flavio Lodigiani beim Training in den Räumen der Tanzschule TanzArt in Ebikon. (Bild: Roger Gruetter / Neue LZ)

Bitte entschuldigen Sie meine erste, sicher schon oft gehörte Frage, aber sie muss sein: Sind Sie ein Liebespaar?

Patricia Patt: Nein. Wir sind nur ein Tanzpaar. Wir machen Sporttanzen, das hat mit dem Tanzen im Ausgang, wo es auch ums Flirten und Kennenlernen geht, absolut nichts zu tun. Zudem bin ich seit 20 Jahren liiert.

Es geht also strikte ums «Business»?

Patt: Nein, nicht nur. Da wir schon sehr lange zusammen tanzen, haben wir auch einen gemeinsamen Freundeskreis ausserhalb des Tanzens. Wenn gerade keine wichtigen Turniere anstehen, veranstalten wir manchmal Spielabende oder gehen ins Kino.

Aber wenn man Sie zusammen auf der Tanzfläche sieht, sieht das verdammt sexy aus.

Flavio Lodigiani: Wenn es so wirkt, haben wir unseren Job richtig gemacht. Da steckt viel Arbeit dahinter. Und wo gearbeitet wird, gibt es auch dann und wann mal Reibereien.

Patt: Was man von aussen sieht, ist grösstenteils Show. Im Tanz geht es darum, mit dem Körper eine Geschichte zu erzählen. Man kann auch sagen: «Tanzen ist träumen mit den Beinen.» Als Frau hat man die Aufgabe, auf verschiedene Weise den Mann zu umwerben. Natürlich sollte man sich in diese Aufgabe hineinfühlen. Aber wenn man 50-mal hintereinander eine Sequenz trainiert und im Kopf das Zählen abgeht, da kann man gar nicht dahinschmelzen. Gefühle zu zeigen ist etwas, das wir üben, wie ein Schauspieler, der auf Kommando weinen können muss. Verliebt sein muss man nicht, aber mögen sollte man den Tanzpartner natürlich schon, sonst funktioniert es nicht. Wobei, es gibt sogar Weltspitzenpaare, die sich privat nicht viel zu sagen haben.

Lodigiani: Das Schwierige ist, nach aussen so zu wirken, dass persönliche Differenzen nicht zu sehen sind. Aber wenn wir uns nicht als Tänzer und als Menschen sehr schätzen würden, wären wir nicht seit 13 Jahren ein Tanzpaar.

Also «gechiflet» wird doch einiges bei Ihnen.

Patt: Alle Tanzpaare haben Diskussionen, auch diejenigen, die privat zusammen sind. Vielleicht halten diese Beziehungen auch oft nicht sehr lange. Insofern haben wir den Vorteil, dass nach dem Training jeder seinen eigenen Weg gehen kann, um Abstand zu gewinnen.

Lodigiani: Genau, und einmal darüber zu schlafen und nachzudenken, kann ja auch nicht schaden.

Patt: Das hört sich jetzt so negativ an, ist es aber nicht. Obwohl solche Diskussionen manchmal nervenaufreibend sind, sind sie notwendig. Nur so kann sich ein Tanzpaar auch seriös weiterentwickeln. Denn es ist wichtig, zwei verschiedene Meinungen umzusetzen und in den Tanz einzubringen. Das gute Gelingen ist dann unser Lohn und überwiegt alles andere.

Worüber zanken Sie sich denn beim Trainieren?

Lodigiani: Meistens über Führungs­technik.

Patt: Sagen wir es so: Man kennt sich nach so langer Zeit wirklich sehr gut und weiss genau, wie man den anderen zum Explodieren bringen kann. Schon ein Blick genügt.

Apropos Explodieren: Herr Lodigiani, Sie sind Italiener, oder?

Lodigiani: Ja, zur Hälfte.

Patt: Nein, nein, er ist es zu 100 Prozent. (lacht)

Ich meinte: Sind Sie privat ebenso der feurige Südländer wie auf der Tanzfläche?

Lodigiani: Nein, als feurig würde ich mich nicht gerade bezeichnen. Ich bin eher der ruhige und bedächtige Typ.

Patt: Ach komm, du bist ein Riesenmacho!

Lodigiani: Gut, auf der Tanzfläche muss ich das ja sein, denn man soll den Unterschied zwischen Frau und Mann schliesslich sehen – und das nicht nur wegen des Aussehens. Für einen eher introvertierten Menschen wie mich ist das eine gute Übung. Leichter wäre es wohl, wenn man schon von Natur aus so ist, aber das wäre ja langweilig. (lacht)

Sie müssen sicher grosses Vertrauen ineinander haben, wenn ich da so an gewisse waghalsige Figuren denke ...

Lodigiani: Ich denke schon, dass Patricia sich auf mich verlassen kann. Oder habe ich dich schon jemals fallen lassen?

Patt: Natürlich nicht. Und es gibt ja auch nur sehr wenige Momente in einer ­Choreografie, wo ich nicht selber meine Balance halte.

Lodigiani: Zudem machen wir ja auch keine Hebefiguren wie bei Tanzshows. Die sind nämlich beim Turniertanz verboten.

Patt: Dazu wäre ich auch zu gross und zu schwer. (lacht) Übrigens: Mir kommt gerade in den Sinn, dass mich Flavio in der Tat einmal im Wald stehen gelassen hat. Wald im wahrsten Sinne des Wortes. Bei der letzten Weltmeisterschaft hatte er vergessen, sich die Brusthaare zu rasieren. (lacht) Ein absolutes No-Go im Tanzen. Seitdem trägt er nun ein Notfall-Rasierset im Trainerkoffer mit sich – ein Weihnachtsgeschenk von mir.

Lodigiani: Ich habe auch schon schönere Geschenke bekommen ... aber na gut, ich stehe dazu und bin ja selber schuld. Trotzdem tanzten wir eine gute WM, und mit dem Make-up konnte ich es ein ­wenig kaschieren.

Wie läuft so ein Tanztraining eigentlich ab?

Patt: Wir gehen regelmässig zu unseren Tanztrainern in die Stunde; Holger Nitsche ist ehemaliger Latin-Weltmeister, und Nina Uszkureit ist amtierende Europameisterin in Kür Latin bei den Professionals. Dann trainieren wir dreimal die Woche ohne Trainer nach einem sehr klaren Plan, den sie uns vorgeben. Im Vorfeld von grossen Turnieren, wie jetzt den Schweizer Meisterschaften hier in Luzern, trainieren wir bis zu viermal die Woche, denn es muss ja auch ein konditioneller Aufbau stattfinden.

Frau Patt, wird Ihr Freund nicht eifersüchtig, wenn Sie so oft mit Ihrem Tanzpartner unterwegs sind?

Patt: Mein Freund war selber auch Leistungssportler und weiss daher sehr genau, dass es mit einem Training pro Woche nicht getan ist, wenn man etwas erreichen will. Er unterstützt uns auch immer ­wieder mit Videoaufzeichnungen, die wir anschliessend analysieren. Zudem hat er selber einen intensiven Job und ist ganz froh, wenn ich nicht immer allein zu Hause sitze und auf ihn warte.

Was sagen Sie jemandem, der behauptet, Tanzen sei kein richtiger Sport?

Lodigiani: Dieses Vorurteil hört man immer weniger, seit es TV-Sendungen wie «Let’s Dance» oder «Dancing Stars» gibt, wo Prominente das Tanzen von null auf lernen. Dank diesen Formaten ist unsere Sportart bekannter und populärer geworden. Jeder kann dort sehen, was eigentlich dahintersteckt und was für eine Anstrengung es ist.

Patt: Die grösste Herausforderung beim Tanzen ist aber das Emotionale, das Persönliche. Gerade als Frau muss man manchmal ernsthaft die Seele nach aussen kehren – egal, ob man gerade einen guten Tag hat oder nicht. Diesbezüglich sind in diesen Sendungen auch schon ehemalige Hochleistungssportler an ihre Grenzen gestossen.

Lodigiani: Man sagt, dass ein Tanz von 1 Minute und 45 Sekunden vom Energieverbrauch einem 400-Meter-Sprint entspricht. Nur, beim Tanzen sollte man einem die Anstrengung nicht ansehen.

In diesen Sendungen lernen Laien innert Kürze mit einem Profi-Tanzpartner tanzen. Reicht es tatsächlich, wenn einer der beiden es richtig kann?

Patt: Was das Publikum nicht weiss, ist, dass diese Leute über zwei Monate sechs bis acht Stunden am Tag trainieren, bevor die Sendung beginnt. Es ist schon erstaunlich, was die hinkriegen. Vor allem die Showposen im Oberkörperbereich sind beeindruckend, wenn man sich allerdings mal auf die Beine konzentriert, sieht man als Profi schon die Defizite, die logischerweise da sind.

Lodigiani: Leichter ist es natürlich, wenn der Mann der Profi ist – und nicht umgekehrt. Mit einer guten Führung kann man so einiges kaschieren.

Wie lernt man eine Choreografie auswendig?

Lodigiani: Indem man sie in ihren Einzelteilen immer wieder und wieder repetiert. Das kann bei mir auch mal sein, während ich einen Fussballmatch im Fernsehen anschaue.

Wie haben Sie die Leidenschaft fürs Tanzen entdeckt?

Lodigiani: Ich sass vor 20 Jahren mit einigen Kollegen beim Feierabendbier, als der Vorschlag aufkam, mal einen Tanzkurs zu besuchen. Es kann ja nicht schaden, wenn man tanzen kann. Zudem ist es eine gute Gelegenheit, um Frauen kennen zu lernen. (lacht) Schliesslich waren wir dann zu zweit, die eine Tanzschule aufsuchten. So bin ich bis heute hängen geblieben.

Patt: ... und er hat natürlich gemerkt, dass es bei den Frauen gut ankommt, wenn man tanzen kann.

Lodigiani: Patricia hat schon Recht, das Tanzen kann den Zugang zu den Frauen erleichtern ... vorausgesetzt natürlich, man hat nicht zwei linke Beine. Also ich verstehe keinen, der nicht tanzt! Abgesehen davon lernt man dadurch auch seinen Körper sehr gut kennen. Man trainiert dabei im Gegensatz zu anderen Sportarten die feinere, innere Muskulatur, die Schnelligkeit und die Geschmeidigkeit sowie die Balance.

Und wie kamen Sie zum Tanzen, Frau Patt?

Patt: Ich bin quasi von Haus aus ein «Tanzfüdli». Meine Eltern waren im Vorstand des Tanz Sport Clubs Luzern, und ich ging schon früh mit ihnen mit zum Zuschauen. Sie sind bis heute meine grössten und ehrlichsten Fans. Ich machte auch als Kind schon Ballett. Aber mein erstes Turnier tanzte ich erst spät, mit 28.

Lodigiani: Fürs Tanzen ist man eigentlich nie zu alt. Es muss ja auch nicht gleich Turniertanzen sein.

Was macht Ihnen am Tanzen am meisten Spass?

Lodigiani: Sicherlich nicht das Streiten!

Patt: Ach, dir wärs ja langweilig ohne unsere Chifeleien. Also, was mich fasziniert, ist die Kontrolle und die Beherrschung des Körpers. Und wie man damit Gefühle ausdrücken kann.

Würden Sie am liebsten nur noch tanzen, wenn Sie kein Geld mehr verdienen müssten?

Lodigiani: Nein, meine Arbeit als Sachbearbeiter, die ich in einem 100-Prozent-Pensum ausübe, gefällt mir und möchte ich nicht missen.

Patt: Ich bin aus Leidenschaft Coiffeuse und würde den Job ebenfalls nicht aufgeben wollen.

Eine weitere Leidenschaft von Ihnen, Frau Patt, ist das Pistolenschiessen. Erzählen Sie!

Patricia: Ich liebe es! Mein Bruder, der mich im Pistolenschiessen unterrichtete, sagte mal: «Hör auf zu tanzen, im Schiessen hast du noch viel mehr Talent.» Ich glaube, er hat sogar Recht. Ich komme wirklich bei nichts anderem so gut zur Ruhe und zu mir selber, wie wenn ich den Pamir-Gehörschutz trage, die Zielscheibe fokussiere und abdrücke. Die Präzision fasziniert mich.

Und Sie treffen auch immer?

Patt: Ja, klar!

Lodigiani: Und beim Tanzen bin ich Armer dann die Zielscheibe!

Auch Sie, Herr Lodigiani, geben sich in Ihrer Freizeit neben dem Tanzen gerne mit allerlei Kugeln ab:

Lodigiani: Na gut, die ruhigste Kugel schiebe ich dann, wenn ich ins Kino gehe. Früher spielte ich sehr gerne Billard, heute ist es hauptsächlich Tennis. Überhaupt mag ich die meisten Ballsportarten.

Patt: Und auf der Tanzfläche bin ich dein Spielball. Das war jetzt die Retourkutsche. (lacht)

Amtierende Schweizer Meister

Die Personen wia. Flavio Lodigiani (40) und Patricia Patt (43) tanzen seit 13 Jahren zusammen Latin im Tanz Sport Club Luzern (TSCL). In der Hauptklasse II (ab 28 Jahre) sind sie seit drei Jahren amtierende Schweizer Meister. Am nächsten Wochenende (19./20. Oktober) wollen sie diesen Titel an den Schweizer-Meisterschaften Latin & Standard in der Sporthalle Maihof in Luzern verteidigen. Das Luzerner Tanzpaar hat bisher an drei Weltmeisterschaften teilgenommen und in der Kategorie Senioren (ab 35 Jahre) als bestes Ergebnis einen 14. Platz erzielt. Ebenfalls je einen 14. Platz (von 92 Paaren) erzielten sie dieses Jahr beim ältesten und legendärsten Tanzturnier in Blackpool und an den German Open Championships in Stuttgart. Sie und ihre Tanzshows können für Firmenevents, Hochzeiten oder Geburtstage gebucht werden (latinstyle@bluewin.ch). Patricia ist von Beruf Coiffeuse und wohnt mit ihrem langjährigen Lebenspartner in Meggen. Flavio ist Sachbearbeiter Verkauf, single und lebt in Ebikon. Tickets für die CH-Meisterschaften in Luzern: www.tanzsport2013.ch oder Tel. 079 919 07 54