TARIFE: Pflegerin will den Verband in die Pflicht nehmen

Seit Anfang Jahr müssen die freiberuflichen Pfleger für weniger Geld arbeiten. Für Betroffene wie Christine Allemann (50) ist das existenzbedrohend. Der Verband Curacasa könnte hier Abhilfe schaffen, findet sie.

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Pflegefachfrau Christine Allemann arbeitet mit drei Patienten. (Bild: Pius Amrein (Obernau, 17. Januar 2017))

Pflegefachfrau Christine Allemann arbeitet mit drei Patienten. (Bild: Pius Amrein (Obernau, 17. Januar 2017))

Vier halbseitig gelähmte Männer fortgeschrittenen Alters liegen auf Gymnastikmatten am Boden. Sie heben erst das linke, dann das rechte Bein, kreisen es im Uhrzeigersinn. Schon diese einfache Bewegungsübung fällt den Herren schwer; wegen den Lähmungen machen die Beine nicht das, was sie sollten. An dieser Stelle schreitet Christine Allemann ein, hilft einem der Männer, sich richtig zu bewegen. «Unser Vorteil ist, dass wir die Patienten individuell betreuen können», sagt die freiberufliche Pflegefachfrau stellvertretend für alle 83 Freiberuflichen der Zentralschweiz, deren Interessensgemeinschaft (IG) sie koordiniert. Diese ist an den Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und -männer SBK Zentralschweiz angegliedert.

Wir befinden uns in der Tagesstätte «Pflegi Luzern» in Obernau bei Kriens, nicht weit von der Busschleife des «1er» entfernt. Für Personen, die eine Hirnverletzung erlitten haben oder anders erkrankt sind, bietet Allemann hier nicht nur betreute Bewegungsübungen an, sondern auch die entsprechende Pflege. Zudem bietet Allemann auch Spitexpflege an. Dies wird von der Krankenkasse übernommen. Auch die Gemeinde zahlt ihren Anteil daran. Dieser wurde jedoch per Anfang Jahr um bis zu 21 Prozent gekürzt (Ausgaben vom 6. und 11. Januar). «Für mich ist das existenzbedrohend», sagt die 50-Jährige, die seit 13 Jahren selbstständig ist.

Zwar besteht die Möglichkeit, bei der Gemeinde eine Vollkostenrechnung einzureichen, um höhere Tarife geltend zu machen. Das sei jedoch zu aufwendig. Allemann erklärt in einem Beispiel, warum: «Der Tarif ‹Abklärung und Beratung› wird von den Krankenversicherern nur auf einem Minimum gutgeheissen. Wegen der schnell veränderten gesundheitlichen Verfassung der Kunden ist es jedoch notwendig, deren Pflegebedürftigkeit laufend abzuklären – mit dem Hausarzt und dem Patienten selber. In diesem Sinne leisten wir meist höhere Leistungen als deklariert.» Zudem werde bei Spitex-Einsätzen der Weg zum Kunden und zurück nicht zusätzlich verrechnet.

Weniger Geld, mehr Aufwand

Ähnliches ist auch von Christine Allemanns Arbeitskollegen zu hören, die sich wegen der Tarifkürzung bei unserer Zeitung gemeldet haben. «Ich rechne mit rund 600 Franken weniger im Monat. Gleichzeitig steigen die Qualitätsanforderungen stetig – und damit der administrative Aufwand», so Allemann. Die Mutter zweier Töchter nimmt deshalb den Fachverband Curacasa in die Pflicht. «Ich erwarte eine stärkere Unterstützung. Uns mangelt es trotz der zunehmenden Pflegebedürftigkeit der Bevölkerung an Kunden, unser Angebot ist zu wenig bekannt», gibt Allemann offen zu. Anders als Spitex-Organisationen können es sich die Freiberuflichen kaum leisten, grossflächig Werbung zu schalten.

Deshalb sind bei unserem Besuch in der «Pflegi» auch nur vier der sechs Plätze besetzt. Die Männer, die allesamt seit mehreren Jahren ein bis zwei Mal pro Woche hierher kommen, sind mit ihrem Bewegungsprogramm inzwischen fertig. Die nächsten Übungen stehen aber bereits an. Zwei Teilzeitangestellte helfen Allemann, die individuell erstellten Tagesprogramme einzuhalten – und die teils anspruchsvollen Krankheitsbilder der Kunden zu betreuen. Den Männern scheints auf jeden Fall gut zu tun – und zu gefallen.

 

Niels Jost

niels.jost@luzernerzeitung.ch

Hinweis

Mehr Infos: www.pflegiluzern.ch