TECHNOLOGIE: «Technik wird in die Evolution eingreifen»

Mit Ian Pear­son gastiert heute in Luzern einer der prominentesten Zukunftsforscher. Er erklärt, weshalb die nächsten technologischen Meilensteine «die Gesellschaft spalten werden».

Interview Sasa Rasic
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Anfang des 20. Jahrhunderts noch Utopie, heute längst etabliert: Hörbücher, E-Books und Sprachlabors. (Bild: Aus der Bilderserie «En l’An 2000»)

Anfang des 20. Jahrhunderts noch Utopie, heute längst etabliert: Hörbücher, E-Books und Sprachlabors. (Bild: Aus der Bilderserie «En l’An 2000»)

Zukunftsforscher Ian Pearson (53, siehe Box) vertritt radikale Zukunftsprognosen. Bereits in wenigen Jahrzehnten sollen wir mit Computern und ihrer verbesserten künstlichen Intelligenz verschmelzen. Und in den Jahren 2050 bis 2060 sollen erste Pioniere bereits die «elektronische Unsterblichkeit» erlangen.

Ian Pearson, Sie rechnen in baldiger Zukunft mit in der Haut integrierten Computer-Chips und der Digitalisierung unseres gesamten Bewusstseins. In Zeiten, in denen über die gesellschaftlichen Probleme der digitalen Brille «Google Glass», die Realität und Computeranzeigen kombinieren soll, debattiert wird, sprechen Sie schon von «aktiven» Kontaktlinsen. Fühlen Sie sich manchmal mehr als Prophet denn als Wissenschaftler?

Ian Pearson: Der Fortschritt, über den ich in den nächsten 15 bis 20 Jahren spreche, ist sehr konkret. Bei den späteren Prognosen ist aber immer ein spekulatives Element dabei. Doch mit Sicherheit sagen kann man, dass zur Mitte des Jahrhunderts Nano- und Biotechnologie sowie die künstliche Intelligenz unser Leben radikal verändern werden.

Welche Änderungen erwarten eine Durchschnittsperson bis in 20 Jahren?

Pearson: In diesem Zeitraum werden Technologien vorhanden sein, die unsere Hände, Finger und wahrscheinlich auch Gesichter mit Computern verbinden können. Computersimulationen werden Sie in digitale Welten schicken. Zum Spielen oder auch zu Bildungszwecken werden Sie durch ein originalgetreu nachgebildetes, mittelalterliches Florenz wandeln. Diese Technik wird auch in der Medizin verwendet werden, um etwa Phobien zu lindern oder zu heilen. Später wird es noch radikalere Änderungen geben.

Die da wären?

Pearson: Ich rechne mit ersten Verfahren zur Digitalisierung unseres Gehirns und ganzen Bewusstseins ab dem Jahr 2050. Erste Pioniere werden ihr Bewusstsein ins Netz raufladen und bei Bedarf auf immer wieder neue Roboterkörper runterladen. Da das Bewusstsein somit gespeichert wäre, ist der Zustand «elektronischer Unsterblichkeit» erreicht. Zuerst werden sich einzelne Pioniere sowie die Reichen und Schönen so etwas leisten. Wir Normalsterblichen können diesen Fortschritt wahrscheinlich ab 2060 erstehen.

Also Supertechnologien für die gesellschaftlichen Eliten, während die Massen nur davon träumen können?

Pearson: Das ist ein häufiger Trugschluss. Aus meiner Sicht ist ein Ausschluss von den Technologien aufgrund finanzieller Beschränkungen unwahrscheinlich. Sehen Sie sich den Elektronik-Markt der letzten Jahre an. Vor einigen Jahren waren Tablets nur etwas für Gutverdiener, und schauen Sie nur, wie weit diese Computer nun verbreitet sind. Die Preise für Elektronik purzeln. Mit den neuen Technologien wird es nicht anders sein.

Ihre Prognosen für die ferne Zukunft sind etwas verstörend. In Ihrer Typologie der Entwicklung des Menschen finden sich Arten wie «Homo hybridus» und «Homo machinus».

Pearson: Die Technik wird in die Evolution eingreifen. Bereits jetzt werden Gene verändert, dadurch haben wir etwa resistentere Getreidesorten. Ebenfalls macht die Behandlung von Krankheiten mit Gen-Technologie Fortschritte. Bereits jetzt würden sich Eltern finden, die am liebsten die Haarfarbe ihres Kindes im Embryostatus bestimmen würden. Wie viele von ihnen würde es geben, falls man die Intelligenz des Kindes genetisch verbessern könnte? Diese Technologien werden schrittweise an die breite Masse herangeführt. Behinderte erhalten schon heute Prothesen, die per Computerchip an ihre Nerven angeschlossen sind.

Wie wird die Technologie schliesslich beim Normalverbraucher landen?

Pearson: Die Leute werden die Technologien für ihre Haustiere verwenden. Die Hirnsignale von Katzen könnten in Sprache umgesetzt werden. Dann hört man statt eines Miauens eine Stimme, die sagt: «Ich habe Hunger.» Forscher könnten die Libido der gefährdeten Pandabären steigern, sie mit GPS-Sender und -Ortung ausstatten, damit sie ihre Artgenossen finden und sich paaren können. Falls niemand ein Verbot erlässt, wird all das passieren und schliesslich auch bei der breiten Masse ankommen. Es werden neue Arten von Mensch entstehen. Und wenn die Menschen sich nicht weiterentwickeln, kann uns die künstliche Intelligenz überholen. Sie könnte uns vielleicht sogar zu Zombies degradieren.

Es gibt auch heute noch Leute, die sich gegen die Nutzung des alltäglichen Internets sträuben. Die Idee, ihren Körper mit Computerteilen zu versehen, wird bei diesen Personen nicht gerade auf Begeisterung stossen. Rechnen Sie in Ihren Prognosen soziale Widerstände mit ein?

Pearson: Es wird Widerstände geben, das ist normal. Solche Technologien werden sicher nicht allen gefallen. Und sie werden die Gesellschaft spalten – auch das ist normal. Wichtig ist, dass niemand zu solchen Veränderungen gezwungen wird.

Trotzdem wird es zu Druck auf Anpassungsunwillige kommen.

Pearson: Das stimmt. Aber dies ist bereits jetzt der Fall, auch wenn es vielleicht nicht so auffällig ist. Es ist keine Pflicht, ein Natel oder Smartphone zu haben. Aber alle um Sie herum haben eins. Ihre Freunde versuchen, Sie zu erreichen, und schaffen es nicht. Man könnte sagen, in diesem Fall sind nicht die anderen das Problem, sondern Sie. Der soziale Druck nimmt zu. Niemand wird gezwungen, aber man hat auch keine grosse Wahl. Heutzutage wäre es für viele Leute auch illusorisch, einen Job zu finden, bei dem man keine E-Mails schreiben muss.

Die von Ihnen beschriebenen Änderungen könnten Gesellschaft, Politik und Wirtschaft komplett umkrempeln.

Pearson: Genau. Und vor allem die Politik macht mir Sorgen. Diejenigen Regulierer, die sich bereits jetzt mit dem heutigen Internet schwertun, werden auch über die neuen, viel komplexeren Technologien entscheiden müssen. Sie sind mit ihrer Arbeit deutlich im Rückstand und müssen ihren Informationsstand in diesen Themen dringend verbessern. Aber nicht nur dort läuft es nicht, wie es sollte. Selbst bei grossen Internetfirmen sorgen immer wieder auftauchenden Sicherheitslecks für Unruhe. Falls sich nichts ändert, erwarten uns ein oder zwei Dekaden mit grossen Anpassungsproblemen bezüglich der neuen Technologie.

Was bedeutet das für die Wirtschaft?

Pearson: Einige Forscher erwarten, dass die Zukunft von mächtigen Unternehmen dominiert wird, die sogar Staatsfunktionen übernehmen. Ich glaube nicht, dass es dazu kommen wird. Die Wirtschaft wird unorganisierter werden. Es wird mehr kleinere Unternehmen geben, die direkt über das Internet mit Kunden in Kontakt kommen. Kleine Unternehmen sind innovativer, da grosse neue Entwicklungen immer mit ihrem Geschäftsmodell kompatibel machen müssen. Auch die Werbung wird anders gestaltet werden müssen, statt aufdringlich zu sein, wird sie das Zielpublikum in ihren Bann ziehen müssen. Wir entkommen langsam der Epoche, die ich «das dunkle Mittelalter der Informationstechnologie» nenne. Viele Internetgiganten haben viel Geld gemacht, indem sie sich zwischen den Nutzer und das Internet gezwängt haben. Langfristig wird das Netz ein fast komplett freier Markt sein – ohne «Zwischenhändler».

Wie beurteilen Sie den Stand der Schweiz in diesem weltweiten Innovationswettrennen?

Pearson: Die Schweiz ist ein Vorreiter in den neuen Technologien. In der staatlichen und privaten Forschung wird viel mit künstlicher Intelligenz gearbeitet. Es gibt sogar Versuche, das Gehirn und alle seine Funktionen nachzubauen. Die Schweiz ist auch am nahesten dran, Maschinen mit einer Art Bewusstsein zu entwickeln. Dazu kommt das Know-how im präzisen Maschinenbau. Das ist langfristig eine sehr machtvolle Position. Nur muss man aufpassen, dass man die Pionierrolle nicht verspielt. Die Konkurrenz ist immer dicht auf den Fersen.