Teilzeitjobs für Ärzte in Ausbildung sind gesucht – aber in der Zentralschweiz rar

Der Wunsch nach Teilzeitstellen für Assistenzärzte ist weit verbreitet, wie deren Verband festhält. Einige Spitäler haben darum ihre Arbeitsmodelle modernisiert – ausgenommen die Zentralschweizer Kliniken.

Yasmin Kunz
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Ärzte in Teilzeit sorgen für planerische und fachliche Herausforderungen. (Symbolbild: Corinne Glanzmann, Wolhusen, 27. April 2017)

Ärzte in Teilzeit sorgen für planerische und fachliche Herausforderungen. (Symbolbild: Corinne Glanzmann, Wolhusen, 27. April 2017)

Wunsch und Realität klaffen manchmal auseinander. So etwa bei der Jobsuche von Assistenzärzten. Gemäss dem Verband Schweizerischer Assistenz- und Oberärztinnen und -ärzte (VSAO) ist der Wunsch nach einer Teilzeitanstellung unter den Mitgliedern weit verbreitet, doch solche Stellen sind in vielen Spitälern – insbesondere in der Zentralschweiz – noch rar, wie eine Umfrage unserer Zeitung zeigt.

Ein Mann aus der Region, der bereits seit mehreren Jahren als Assistenzarzt tätig ist, bewarb sich beispielsweise um ein 50-Prozent-Pensum als Assistenzarzt an einem hiesigen Spital. Nebenher wollte der Stadtluzerner weiter in der Forschung arbeiten. Er erhielt eine Absage mit der Begründung, es gäbe keine Teilzeitstellen für Assistenzärzte.

Zuerst muss das Arbeitsgesetz korrekt eingehalten werden

Gemäss einer Studie des VSAO arbeitet immer noch gut die Hälfte der Assistenz- und Oberärzte mehr als 100 Prozent, also mehr als die gesetzlichen 50 Stunden pro Woche. Für Marcel Marti, stellvertretender Geschäftsführer des VSAO, muss man hier den Hebel zuerst ansetzen:

«Das geltende Gesetz mit der 50-Stunden-Woche muss zuerst vollumfänglich eingehalten werden.»

Vor allem für Mitarbeitende nach Abschluss der Assistenzzeit – «das heisst, wenn das Thema Familie immer wichtiger wird», sagt Marti. An zweiter Stelle stünden dann die Teilzeitstellen.

«Die Gesellschaft entwickelt sich, der Trend zu einer guten Work-Life-Balance ist nicht neu, aber noch nicht in allen Unternehmen wird dieser Entwicklung Rechnung getragen.» Auch in den Spitälern bestehe diesbezüglich Handlungsbedarf. Marti kennt die Gründe:

«Der finanzielle Druck auf die Kliniken ist gross. Werden Teilzeitstellen geschaffen, braucht es mehr Personal und mehr Planung. Viele Spitäler meinen, sich das nicht leisten zu können.»

Der VSAO hat eine Liste mit Spitälern publiziert, die besonders gute Arbeitsmodelle für Ärzte jeglicher Stufen geschaffen haben. Auffallend: Es findet sich kein Zentralschweizer Spital darunter. Das mag daran liegen, dass der Trend bei den Assistenzärzten in unserer Region noch nicht angekommen ist, oder aber dass ein standardisiertes Angebot für Teilzeitstellen für Ärzte in der Weiterbildung fehlt.

Weiterbildung dauert auch Vollzeit mehrere Jahre

Am Luzerner Kantonsspital (Luks) arbeiten 382 Assistenzärzte, 46 davon in Teilzeit, mehrheitlich mit Pensen zwischen 50 und 80 Prozent. Die Möglichkeit einer Teilzeitanstellung richte sich nach der Grösse und dem medizinischen Leistungsspektrum der verschiedenen Kliniken, sagt Luks-Sprecher Beat Fischer. Bei Ärzten in der Assistenzzeit verlängere sich ausserdem die Dauer der Weiterbildung, wenn sie Teilzeit arbeiten, so Fischer. Das könne ein Grund dafür sein, dass der Wunsch nach Teilzeitpensen nicht gross sei. Das Argument der Assistenzzeit – die Ausbildung dauert je nach Fachgebiet zwischen fünf und acht Jahren – führen auch die übrigen Zentralschweizer Spitäler ins Feld (siehe Kasten am Ende des Textes). Handlungsbedarf für andere Arbeitsmodelle sieht man beim Luks deshalb derzeit nicht. Fischer:

«Wir beobachten den Markt und die Bedürfnisse und werden unsere Angebote bei Veränderungen anpassen.»

Auch in der Hirslanden Klinik St. Anna in Luzern ist die Nachfrage nach Teilzeitstellen für Assistenzärzte aktuell gering. Hier wird der Grund ebenso in der Verlängerung der Ausbildungszeit vermutet. Die Klinik beschäftigt rund 25 Assistenzärztinnen und -ärzte pro Jahr, normalerweise im 100-Prozent-Pensum. Trotzdem komme es vereinzelt vor, dass Assistenzärztinnen oder -ärzte eine Teilzeitanstellung wünschen. Lukas Hadorn, Sprecher der Klinik St. Anna: «Als Betrieb, in dem knapp die Hälfte aller Angestellten in Teilzeit arbeitet, bieten wir dazu gerne Hand, wobei die konkrete Umsetzung vom Einsatzbereich abhängt und auf beiden Seiten Flexibilität erfordert.» Anja Harsch, Sprecherin des Kantonsspitals Nidwalden, betont, dass bei der Frage nach Teilzeitstellen auch die Patientensicht wichtig ist:

«Der Arzt ist für die Patienten eine Vertrauensperson.»

Patienten würden es schätzen, wenn die Bezugsperson möglichst konstant bleibe, zumal der Schichtbetrieb schon genug Wechsel mit sich bringe.

Diese Spitäler gehen mit gutem Beispiel voran

Ein Blick über die Kantonsgrenze hinweg zeigt ein anderes Bild. Die Nachfrage am Kantonsspital Aarau scheint einiges grösser zu sein. Und die Kliniken haben schon vor Jahren auf den Trend reagiert, verschiedene Teilzeitmodelle sind mittlerweile etabliert. Die Vorreiterrolle übernommen hat beim Kantonsspital Aarau die Frauenklinik. Bereits vor zehn Jahren wurden dort verschiedene Arbeitsmodelle geschaffen – sowohl für das Pflegefachpersonal als auch für Assistenz- und Kaderärzte.

Isabelle Wenzinger, Leiterin der Kommunikation des Spitals, macht ein Beispiel: «Assistenzärztinnen können beispielsweise nach dem Mutterschaftsurlaub in einem Teilzeitpensum arbeiten.» Meistens sei der Wunsch ein 40- oder 60-Prozent-Pensum. Das Spital versuche in jedem Fall auf den Wunsch des Mitarbeiters einzugehen und diesen zu berücksichtigen, wie Wenzinger sagt. Die flexiblen Arbeitsmodelle haben sich – nach dem sie in der Frauenklinik gut angelaufen waren – sukzessive auf das gesamte Spital übertragen. Die Sprecherin hält fest:

«Das Bedürfnis nach flexiblen Arbeitszeitmodellen steigt, insbesondere bei der jüngeren Generation.»

«Wir haben zum Beispiel immer mehr Kaderärztinnen und -ärzte mit einem Teilzeitpensum und in einem Jobsharing beschäftigt.» Für das Unternehmen seien solche Modelle mit mehr administrativem Aufwand verbunden, da sich die Planung mit Teilzeitstellen komplexer gestalte. Hinzu komme, «dass sich Fachkräfte weniger Praxiserfahrung erarbeiten können». So sei es eine Herausforderung, in einem niedrigen Pensum mit den fachlichen Entwicklungen Schritt zu halten. Isabelle Wenzinger sagt:

«Damit der Rückstand auf die Vollzeit-Ärzte nicht zu gross wird, gibt es am Spital Aarau interne Weiterbildungs- und Austauschgefässe, die regelmässig stattfinden, sodass jene, die nicht 100 Prozent arbeiten, immer auf dem neusten Stand sind.»

Ebenfalls eine Vorreiterrolle nimmt die Frauenklinik im Stadtzürcher Spital Triemli ein: Die Klinik wird von zwei Chefärztinnen geleitet, die je 80 Stellenprozente innehaben. Dadurch sind beide in der Lage, sich für die Familie und andere Lebensbereiche Freiräume zu schaffen. Umgekehrt können sie Einzelaufgaben untereinander aufteilen, während sie einen definierten Teil der Verantwortung gemeinsam tragen.

Das Universitätsspital in Genf geht sogar noch einen Schritt weiter: Angestellte können dort zwischen einem Pensum von 50 bis 100 Stellenprozenten wählen. Auch bei reduziertem Pensum ist die Weiterbildung garantiert.

Neue Arbeitsmodelle: Nachfrage in der Zentralschweiz gering

Das Zuger Kantonsspital verfügt aktuell über 63 Assistenzarztstellen, ein Assistenzarzt und eine Assistenzärztin würden sich demnächst ein 100-Prozent-Pensum teilen, wie Sprecherin Sonja Metzger sagt. Die Nachfrage nach Teilzeitstellen bei Assistenzärzten sei sonst allerdings gering. Ähnlich sieht es in den anderem Zentralschweizer Spitälern in puncto Nachfrage bei Teilzeitstellen für Assistenzärzte aus. Im Kantonsspital Nidwalden sind derzeit 25 Assistenzstellen besetzt. Der Anteil der Frauen und Männer in diesem Bereich ist ausgeglichen. 24 Ärzte arbeiten in einem Vollzeitpensum, eine Person arbeitet 60 Prozent. Am Kantonsspital Obwalden arbeiten von 20 Assistenzärzten drei in einem Teilzeitpensum. Das Kantonsspital Uri beschäftigt 20 Assistenzärzte, alle in einem 100-Prozent-Pensum.

Bereitschaft für andere Arbeitsmodelle vorhanden
Für sämtliche von unserer Zeitung kontaktierte Spitäler ist klar: Sollte die Nachfrage bezüglich Teilzeitstellen für Assistenzärzte künftig steigen, ist man bereit, entsprechende Modelle zu prüfen. Bis dato prüfen die Kliniken die Anfragen nach Teilzeitarbeit individuell. Sonja Metzger vom Zuger Kantonsspital sagt: «Qualifizierte Nachwuchskräfte sind heute für das Gesundheitswesen von zentraler Bedeutung.» Das Spital sehe sich in der Verantwortung, unter anderem durch das Angebot von Teilzeitstellen, dem Ärztemangel aktiv entgegenzuwirken «und möglichst viele Nachwuchskräfte weiterzubilden».