THEATER: Aus den Possen wird bitterer Ernst

Gisela Widmers Adaption von «Schluck und Jau» für die Theatergesellschaft Malters ist ein ausgelassenes Freilichttheaterspektakel voller Farbe, Üppigkeit und voll frechen Spiels.

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«Schluck und Jau» ist ein farbenprächtiges Stück. (Bild: PD)

«Schluck und Jau» ist ein farbenprächtiges Stück. (Bild: PD)

Idylle pur rund um diesen versteckten, lauschigen Flecken inmitten Malters. Keine Wolke trübt am Mittwoch den Abendhimmel, die Dämmerung legt sich über die leerstehende Herrschaftsvilla, die alte Ramsteinscheune, die schon lange ausgedient hat, die Garage zwischendrin. Alles scheint dem Untergang geweiht. Vorbei, die Planer sind am Werk, der Abbruchhammer wartet.

Oder doch nicht – nicht sofort zumindest. Ein letztes Aufblühen, ein Aufbäumen, ist angesagt. Da steht eine gedeckte Tribüne voller Zuschauer, die Garage hat zu einem farbigen Jagdschloss mutiert, überdimensioniert grosse Rosen schiessen aus dem Strauch, ein raffiniert eingepasster Treppenaufgang lässt das Jagdschloss wachsen. Mächtige Theaterleuchten sind aufgebaut, Licht geht auch im Herrschaftshaus an. Das Spiel beginnt. Premiere für das Freilichtspiel der Theatergesellschaft Malters mit Gerhart Hauptmanns Komödie «Schluck und Jau», in einer Adaption von Gisela Widmer.

Dann betreten die Hauptprotagonisten die Szenerie – und sie werden den Raum in den nächsten zwei Stunden füllen und prägen: die beiden Landstreicher und Trunkenbolde Schluck (Jörg Gilli) und Jau (Markus Keller). «Die Flur und der Tag erwacht», trällern sie, angetrunken der Schluck, «sternhagelvoll» Jau. «Delirium, Delarium, Aquarium», rülpsen die beiden. «Halalai» dann – laut, farbig, bunt tritt die höfische Gesellschaft mit Fürst Jon Rand (Mario Galliker) ein. Sie kommt von der Jagd zurück, scheinbar übermütig die Trophäen schwingend. Der Schein trügt, im Grunde genommen ist die Gesellschaft ausgelaugt, gelangweilt – die schöne Prinzessin Sidselill (Myriam Berger) gar zu Tode gelangweilt.

Dann die schräge Idee des Höflings Karl (Markus Reust) für einen ausgelassenen Scherz: Jau soll vorgegaukelt werden, er sei der Fürst; sein Freund Schluck soll zur Fürstin werden, der eigentliche Fürst zum Leibarzt. Gesagt, getan, die Rollen getauscht und hineingetaucht in schräge Szenen zuhauf, erst voll spassiger Turbulenzen – bis dann aus den Possen bitterer Ernst wird: Jau gefällt sich in der Herrscherrolle, und er lebt sie gnadenlos aus. «Auf den Boden und Absatz küssen!», befiehlt er aufs Mal. Er wird zum wilden Stier in der höfischen Arena.

Ausgereiftes Volkstheater

Die Theatergesellschaft Malters unter der Regie von Livio Andreina macht daraus echt grosses, in jeder Beziehung überzeugendes Theater. Die Grundlage dazu liefert Gisela Widmers adaptierte Fassung. Sie hat Gerhard Hauptmanns Originalvorlage gekürzt, verdichtet und in Mundart übertragen – sie lässt aber die höfische Gesellschaft wie im Original in Blankversen sprechen. Die Darsteller bewältigen diese schwierige Vorgabe souverän.

Bei der Rollenbesetzung und der Umsetzung hat Regisseur Livio Andreina eine ausgezeichnete Hand gehabt. Und dazu das Glück, mit Markus Keller als Jau und Jörg Gilli als Schluck die zwei Hauptrollen hervorragend zu besetzen. Musiker Bruno Amstad eigens komponierte «orchestrale Klangwelten», die im Verbund mit dem Lichtdesign von Martin Brun, den prächtigen Bühnenbauten, den prunkvollen Kostümen und Masken (Anna Maria Glaudemans) es schaffen, diese Malterser Freilichtproduktion weit über ein Mittelmass hinauszuheben. Mit zunehmender Spieldauer dürften auch die Lieder des gesamten Ensembles noch frischer daherkommen, die Reigen und Tänze noch luftiger werden. Das Premierenpublikum zeigte sich auch so bereits begeistert. Pralles, ausgereiftes Volkstheater im besten Sinn.

Hannes Bucher

kultur@luzernerzeitung.ch

Hinweis

Weitere Aufführungen bis am 15. Juli. www.theater-malters.ch