THEATER: Sie lässt «Die Vögel» endlich wieder fliegen

Gisela Widmer hat den Text für das Freilichtspiel Tribschen geschrieben. Sie verspricht «ein Fest des Hörens, Sehens und Staunens», das trotz uralter Vorlage auch die junge Generation amüsieren soll.

Hugo Bischof
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Autorin Gisela Widmer vor der Zuschauertribüne auf Tribschen. (Bild: Corinne Glanzmann (Luzern, 1. Juni 2017))

Autorin Gisela Widmer vor der Zuschauertribüne auf Tribschen. (Bild: Corinne Glanzmann (Luzern, 1. Juni 2017))

Gisela Widmer, Aristophanes’ «Die Vögel» sind 2400 Jahre alt. Warum grabt ihr ein so uraltes Stück wieder aus?

Weil die Geschichte zu schön ist, um sie nicht endlich wieder zu erzählen.

Was ist der Kern?

Selbstbestimmung. Es geht um die urmenschliche Sehnsucht nach einem glücklichen Ort. Utopie kritisiert, was ist, und sucht, was sein könnte. Utopie ist zu Unrecht negativ besetzt. Die Herrschenden ziehen sie immer ins Lächerliche. Ohne utopische Gedanken gibt’s aber keine Entwicklung. Die Aufklärung oder im 19. Jahrhundert das Frauenstimmrecht waren damals utopische Gedanken. Auch der Sozialstaat. Eigentlich alles, was die Menschen weitergebracht hat.

Und wie spielen da jetzt Aristophanes’ Vögel hinein?

Das ist das Schöne an Vögeln: Sie sind Zweibeiner und gehen aufrecht. Im Gegensatz zu den Menschen können sie aber fliegen. Auch wir Menschen sollten die Welt und uns selber vermehrt aus der Vogelperspektive anschauen. Dann würden wir erkennen, wo und was man verändern kann oder gar verändern muss.

Aber auch wir Menschen fliegen – mit Flugzeugen, Ballonen, an Fallschirmen.

Das ist rein mechanisch. Es geht um das Fliegen im Kopf. Unsere Welt ist enorm trübe, es herrscht grosse Unsicherheit. Das ist eine starke Parallele zum Athen von Aristophanes. Utopie sei Denken nach vorn, sagte der Philosoph Ernst Bloch. Die Vögel sagen sich: «Wir erschaffen unsere Welt – zwischen den strafenden Göttern oben und den Fallen stellenden Menschen unten.» Durch aberwitzige List erreichen sie ihr Ziel eines freien glücklichen Wolkenkuckucksheims. List ist die Waffe des Ohnmächtigen. Das ist Theater «at its best».

Sie haben Aristophanes als Vorlage genommen, daraus aber ein eigenes Stück, «Stadt der Vögel», entwickelt. Was ist die Grundidee? Wo sind die Bezüge zu heute?

«Die Vögel» sind eine satirische Komödie, ausgehend von zwei Athenern, die wegziehen, einen idealen Ort suchen, ihn aber nicht finden. Da gibt’s wunderbare Szenen, etwa die attischen Inspektoren, denen die Vogel­freiheit gar nicht gefällt.

Eine Parallele zum Regulierungswahn im heutigen Luzern? Mit strengen Normen für Boulevard-Restaurant-Sonnenschirme und Farblichter-Verbot für Hotels?

Ja, Erbsenzähler und Regulierer gibt’s auch in Luzern. Auch Armleuchteralgen spielen im Stück eine Rolle. Die sind ja in Luzern immer wieder ein Politikum. Einer der Inspektoren bemängelt, dass der Schattenwurf einer Mauer das Reproduktionsverhalten der Algen hemmt.

«Die Vögel» wird selten gespielt. Wie wollen Sie Ihr Publikum erreichen?

Natürlich ist es einfacher, eine bekannte Geschichte zu erzählen, etwa Aristophanes’ «Lysistrate» oder Shakespeares «Romeo und Julia». Ich habe aber grosses Vertrauen ins Publikum, dass es neugierig ist.

Ist das Stück auch etwas für junge Zuschauer?

Durch das Spiel der Mitwirkenden sowie Lukas Schmockers geniale Choreografien wird die Produktion sehr rasant. Text und Regie (Annette Windlin) machen sie irrwitzig und Ruth Mächlers Kostüme und Bühnenbild unglaublich schön. Man kann in der Tat als 8-Jähriger dort sitzen und vollständig fasziniert sein – ebenso, wie man als Erwachsener den Tiefsinn erleben kann. «Stadt der Vögel» ist ein Fest des Sehens, Hörens und Staunens. Allein schon wie die 35 Laienschauspieler Vögel spielen, ist Magie pur.

Die witzigsten Szenen?

Die lustigen Szenen jagen sich. Schon ganz am Anfang, wenn die beiden Athener in die Vogelwelt eintreten, stehen da riesige Eier, aus denen Küken schlüpfen. Oder: Die hungernden Götter, denen die Vögel mit einer List den Opferdampf entzogen haben, rutschen auf einer meterlangen Rutsche vom Olymp ins Wolkenkuckucksheim herunter, um mit den «Übeltätern» zu verhandeln. Und dann ist da die vor Wut rasende Götterbotin Iris: Sie rauscht über ein schräg gespanntes Seil mit Ballonen durch die Szenerie.

Wie fühlt es sich an, Freilichttheater zu machen?

Es ist nicht das erste Mal, dass ich hier mitmache. Auch das ist ein utopischer Gedanke: Dass man sich immer wieder sagt, jetzt machen wir wieder ein Freilichtspiel. Dutzende Personen sind dann teils jahrelang am Vorbereiten und Proben. Mit dem Publikum einen gemeinsamen Abend zu erleben, dieses Vertrauen in den gemeinschaftlichen Gedanken – das berührt mich immer wieder. Man könnte ja auch daheim gamen – jeder für sich alleine.

Interview: Hugo Bischof

hugo.bischof@luzernerzeitung.ch

Über ein Monat Spielzeit

Das Freilichtspiel «Stadt der Vögel» wird vom 13. Juni bis 29. Juli beim Wagner-Museum Luzern aufgeführt. Die Luzerner Theaterautorin Gisela Widmer (58) schrieb den Text dafür, basierend auf dem 414 v. Chr. uraufgeführten Stück «Die Vögel» des griechischen Komödiendichters Aristophanes. Tickets gibt es bei den LZ-Corner unserer Zeitung oder auf freilichtspiele-luzern.ch.