THEATER: So lebte man in Luzern vor 175 Jahren

1839 gabs in Luzern weder Strom noch fliessend Wasser in den Wohnungen. Es drohte ein Bürgerkrieg. Bücher waren Luxus, und tanzen durfte das Volk nur an der Fasnacht.

Kurt Beck
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Luzern um 1840 mit dem neuen Hotel Schwanen (ganz rechts) und dem ersten Dampfschiff auf dem See.
Archiv ZHB Luzern

Luzern um 1840 mit dem neuen Hotel Schwanen (ganz rechts) und dem ersten Dampfschiff auf dem See. Archiv ZHB Luzern

Als das Luzerner Theater eröffnet wurde, durchlebte Luzern eine sehr bewegte Zeit. Politisch, wirtschaftlich, städtebaulich, aber auch im Alltag bahnten sich entscheidende Veränderungen an. Die Stadt befreite sich in geistigen wie in gesellschaftlichen und architektonischen Belangen schrittweise vom überkommenen mittelalterlichen Korsett. Nach jahrhundertelanger Stagnation wurden bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts die wichtigen Weichen gestellt für die Entwicklung Luzerns zur modernen Stadt und zum Kanton, wie wir ihn heute kennen. Die Eröffnung des neuen Theaters war dabei nur eine Episode dieser Entwicklung. Aber eine bemerkenswerte und langlebige.

Ein Beleuchtungsmeister kontrolliert eine Farbfolie im Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
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Seit zehn Jahren leitet Dominique Mentha (58) das Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
Ein Bühnentechniker auf dem Schnürboden beim Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
Ein Schlosser in der Werkstatt des Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
Gemäss dieser Vorlage wird ein Bild gemalt. (Bild: Philipp Schmidli)
Zwei Theatermaler in der Werkstatt des Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
Zwei Theatermaler in der Werkstatt des Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
Ein Bühnentechniker auf dem Schnürboden beim Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
Damenschneiderinnen an der Arbeit (Bild: Philipp Schmidli)
Eine Damenschneiderin bei der Arbeit (Bild: Philipp Schmidli)
Eine Damenschneiderin bei der Arbeit (Bild: Philipp Schmidli)
Herrenschneiderinnen bei der Arbeit (Bild: Philipp Schmidli)
Eine Herrenschneiderin bei der Arbeit (Bild: Philipp Schmidli)
Eine Requisiteurin bei der Arbeit (Bild: Philipp Schmidli)
Eine Herrenschneiderin bei der Arbeit (Bild: Philipp Schmidli)
Ein Beleuchter bei seiner Arbeit (Bild: Philipp Schmidli)
Maskenbildnerinnen knüpfen Perücken (Bild: Philipp Schmidli)
Maskenbildnerinnen knüpfen Perücken (Bild: Philipp Schmidli)
Perücken in der Maske (Bild: Philipp Schmidli)
Durch diese Türe wird Material ins Luzerner Theater befördert. (Bild: Philipp Schmidli)
Bühnentechniker bei der Arbeit (Bild: Philipp Schmidli)
Theatermalerei in der Werkstatt des Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
Styropor-Köpfe in der Maske beim Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
Zwei Schreiner in der Werkstatt des Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
Eine Theatermalerin in der Werkstatt des Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
Eine Theatermalerin in der Werkstatt des Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
Eine Requisiteurin des Luzerner Theater im Requisitenfundus des im Südpol Kriens (Bild: Philipp Schmidli)
Eine Requisiteurin des Luzerner Theater im Requisitenfundus des im Südpol Kriens (Bild: Philipp Schmidli)
Tanzprobe im Südpol Kriens (Bild: Philipp Schmidli)
Kostümfundus des Luzerner Theater im Südpol Kriens (Bild: Philipp Schmidli)
Kostümfundus des Luzerner Theater im Südpol Kriens (Bild: Philipp Schmidli)
Kostümfundus des Luzerner Theater im Südpol Kriens (Bild: Philipp Schmidli)
Fundusverwalterin Margot Gadient Rossel im Kostümfundus des Luzerner Theater im Südpol Kriens (Bild: Philipp Schmidli)
Fundusverwalterin Margot Gadient Rossel im Kostümfundus des Luzerner Theater im Südpol Kriens (Bild: Philipp Schmidli)
Kostümfundus des Luzerner Theater im Südpol Kriens (Bild: Philipp Schmidli)
Fundusverwalterin Margot Gadient Rossel im Kostümfundus des Luzerner Theater im Südpol Kriens (Bild: Philipp Schmidli)
Tanzprobe im Südpol Kriens (Bild: Philipp Schmidli)
Probe der Oper «Die Antilope» im Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
Probe der Oper «Die Antilope» im Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
Probe der Oper «Die Antilope» im Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
Probe der Oper «Die Antilope» im Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
Probe der Oper «Die Antilope» im Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
Probe der Oper «Die Antilope» im Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
Theater-Direktor Dominique Mentha bei der Probe der Oper «Die Antilope» im Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
Probe der Oper «Die Antilope» im Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
Probe der Oper «Die Antilope» im Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
Probe der Oper «Die Antilope» im Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
Probe der Oper «Die Antilope» im Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
Probe der Oper «Die Antilope» im Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
Probe der Oper «Die Antilope» im Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)

Ein Beleuchtungsmeister kontrolliert eine Farbfolie im Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)

Verheerender Grossbrand

Der Theaterneubau war eines von vielen Bauprojekten, die in diesen Jahren in Luzern realisiert wurden. Sechs Jahre zuvor verwüstete ein grosser Brand die mittelalterliche Häuserzeile zwischen Weinmarkt und dem Reussufer. Elf Häuser wurden in diesem verheerenden Stadtbrand von 1833 zerstört. Im Zuge des Wiederaufbaus des gesamten Reussquais wurde nicht nur das heutige Brandgässli als Brandschutz neu angelegt, sondern auch die Umgestaltung des Schwanenplatzes initiiert. Dafür wurde ein erster Teil der Hofbrücke, die vom Zur-Gilgen-Haus zur Hofkirche führte, abgerissen. Es wurde für das neue Hotel Schwanen Platz geschaffen.

Auch das linksufrige Ende der Kapellbrücke wurde 1833 entfernt und an einen Genfer Sammler verkauft. Die «Luzerner Zeitung» bezeichnete diesen Teilabriss damals als «einen Akt von Vandalismus». Doch damit war der Raum frei für die neue Bahnhofstrasse. Der Theaterbau, dem ein paar alte Schiffhütten weichen mussten, markierte damit den Anfang der Expansion der Stadt Richtung Bahnhofsgebiet.

Einwohnerzahl verdoppelt

Die Stadt brauchte mehr Platz. Denn seit Beginn des Jahrhunderts verzeichnete die Stadt ein markantes Wachstum ihrer Bevölkerung. 1800 hatte die Stadt noch 4300 Einwohner, 1837 waren es mit 8339 fast doppelt so viele. 1850 zählte Luzern bereits 11 000 Einwohner. Das enorme Wachstum wurde vor allem durch die Landflucht angetrieben. Für die Stadt hiess das, dass sie für die grössere Bevölkerung mehr Wohnraum brauchte, der jedoch innerhalb der alten Stadtmauern nicht vorhanden war. Ausserhalb war noch viel Platz. Neben einigen Bauernhöfen gab es da nur einzelne, herrschaftliche Landvillen, in denen die vermögenden Familien den Sommer verbrachten.

Bereits 1833 begann man in Luzern mit der sogenannten Entfestung, der Schleifung der mittelalterlichen Befestigungsanlagen. Als erstes fiel das Sentitor mit Mauer. Die meisten Tore, Türme und Mauern wurden jedoch zwischen 1850 und 1862 abgerissen. Man erhoffte sich von den Abrissen nicht nur mehr Platz, sondern auch dank mehr Luft und Licht bessere Lebensbedingungen für die Luzerner. Dass die Museggtürme samt Mauer stehen geblieben sind, war eine Konzession an jene Kritiker, die monierten, dass sich Luzern ohne Türme und Mauern von einem Dorf nicht mehr unterscheide.

1839 waren die Lebensbedingungen in der Stadt noch alles andere als modern. In den Häusern gab es keinen Strom und kein Gas. Gekocht wurde auf dem Holzherd, beheizt wurde nur die Stube mit einem Kachelofen. Wasser bezog man von den öffentlichen Brunnen. Bäder und WCs gabs nicht. Ebenso wenig eine Kanalisation. Dafür Nachttöpfe und Latrinen. Die Stadt war unbeleuchtet. Wer nachts rausmusste, benutzte eine Laterne. Gewaschen wurde an der Reuss. Doch viel Wäsche fiel nicht an. Ein Hemd, eine Hose, ein Kittel, Socken und ein Paar Schuhe, mehr besassen die gewöhnlichen Leute nicht. Wer besser dran war, hatte in der Truhe noch ein Sonntagsgewand.

Erster Dampfer

Die Stadt Luzern war um 1839 wirtschaftlich von Handwerksbetrieben und Kleingewerbe geprägt, der Kanton insgesamt war von der Landwirtschaft dominiert. Wichtig war auch das Handelsgeschäft, denn der Gotthard war immer noch eine der wichtigsten Transitrouten nach Italien. Doch den Schiffersleuten, die Waren und Personen mit Nauen über den Vierwaldstättersee ruderten, erwuchs bereits ernsthafte Konkurrenz, die schliesslich den Niedergang des Gewerbes einläutete. 1837 wurde das erste Dampfschiff auf dem See in Betrieb genommen. Die alte «Stadt Luzern», die von Escher Wyss in einer improvisierten Werft in Luzern gebaut wurde, bot 300 Personen Platz und konnte daneben noch 10 Tonnen Fracht laden. Als Besatzung brauchte es sechs Mann.

Drei Stunden dauerte die Fahrt mit dem Dampfer von Luzern nach Flüelen, sechs Stunden weniger, als die Nauen für die Strecke benötigten. Obwohl das Dampfschiff von den Urnern behördlich boykottiert wurde, setzte sich die moderne Technik auf dem See schnell durch. Auf den Schienen dauerte es noch ein wenig länger. Die erste Eisenbahn fuhr erst 1856 in die Zentralschweiz – von Basel bis nach Emmen.

Erste Anfänge des Tourismus

Mit dem Einsatz des Dampfschiffs begann sich in den 1830er-Jahren auch der Fremdenverkehr als relevanter Wirtschaftszweig zu etablieren. Der 1835 neu erbaute «Schwanen» war das erste auf den See ausgerichtete Touristenhotel Luzerns. 1845 wurde mit dem «Schweizerhof» ein Hotel der Luxusklasse eröffnet. Gleichzeitig wurde der Schweizerhofquai aufgeschüttet.

«Luzern war ein verspäteter Kanton», erklärt die Luzerner Historikerin Heidi Bossard-Borner. «Die Industrialisierung setzte in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts nur zögerlich ein.» Erste Versuche der industriellen Produktion hatten nur eine kurze Lebensdauer. Die Firma von Moos war 1839 noch ein Eisenwarengeschäft, das am Krienbach eine Nagelschmiede betrieb. Erst 1842 zog das Unternehmen in die Emmenweid und startete da mit der Produktion von Drähten und Stiften.

Arbeiten, bis es dämmert

Zwischen 200 und 300 Franken betrug damals das Jahreseinkommen eines Werktätigen. 40 Rappen bezahlte man 1840 für 1 Kilo Brot. Die Preise für Brot und andere Lebensmittel waren direkt abhängig vom Ernteertrag der Region. Missernten liessen die Preise erheblich steigen. Preisstabilität brachte erst die Eisenbahn, die grosse Importe aus dem Ausland ermöglichte.

Geregelte Arbeitszeiten waren damals noch unbekannt. Gearbeitet wurde von morgens bis zum Einbruch der Dämmerung. Viel Freizeit blieb da nicht. Wer es sich leisten konnte, besuchte gelegentlich ein Wirtshaus. Die bessere Gesellschaft traf sich zu standesgemässen Anlässen im «Alten Casino» am Löwengraben, dem Gesellschaftshaus der Herren zu Schützen. Auch das Reisen war der Oberschicht vorbehalten. Bevorzugte Destinationen waren Italien und Frankreich. Allerdings waren die langen Fahrten in den engen, hart gefederten Postkutschen mühsam.

Wer studieren wollte, tat dies im Ausland. Katholische Luzerner schrieben sich meist an deutschen Universitäten ein, die protestantischen Unis in Zürich und Basel kamen nicht in Frage.

Obligatorische Schulpflicht

Obwohl praktisch alle Bürger dank der Anfang Jahrhundert eingeführten obligatorischen Schulpflicht lesen und schreiben konnten, waren Bücher Luxusware. Dennoch gab es auch Lesestoff für die einfachen Leute. Billig und entsprechend beliebt waren beim Volk die verschiedenen Kalender und Brattigen. Die obligatorische Schulpflicht umfasste nur die Volksschule, «die allerdings in Luzern gut ausgebaut war», erklärt Heidi Bos­sard-Borner. «Eine Sekundarstufe gab es nicht, und wer seinen Sohn aufs Gymnasium schickte, musste es finanziell verkraften können, dass ein zusätzliches Einkommen ausfiel.»

So spärlich die Freizeit damals auch war, die Regierung sorgte dafür, dass die Lustbarkeiten der Bürger in gesetzlich streng geregelten Bahnen blieben. Arbeitsfreie Sonn- und Feiertage sollten Kirche und religiöser Bildung vorbehalten sein. «Alle Formen des Zeitvertreibs, die ausserhalb dieser beiden Bereiche standen, zumal wenn sie in der Öffentlichkeit stattfanden, galten der geistlichen und weltlichen Obrigkeit gleichermassen als suspekt», erklärt Heidi Bossard-Borner in ihrer Publikation «Im Bann der Revolution» über den Kanton Luzern.Mit einer Reihe von Vorschriften wurde das sittengefährdende Vergnügen eingeschränkt. Generell verboten waren Glücksspiele. Tanzen war nur an der Fasnacht und der sogenannten Herbstfasnacht im September in den Wirtshäusern erlaubt. Gaukler, wandernde Schauspieler und Menagerien brauchten eine Bewilligung für ihren Auftritt. Dasselbe galt auch für einheimische Theateraufführungen. Die Obrigkeit wollte mit einer restriktiven Bewilligungspraxis die grassierende Theatermanie eindämmen, die den Kanton Luzern im frühen 19. Jahrhundert erfasst hatte.

In der Stadt realisierte seit 1807 die Theater- und Musikliebhabergesellschaft regelmässig Theaterproduktionen. Auf der Landschaft waren vor allem Theatergesellschaften in Sursee, Willisau und Beromünster sehr aktiv. Zwischen 1802 und 1847 sind gegen 250 Theaterproduktionen auf dem Land belegt. Derweil das Landtheater volksnah war, war das neue Theater in der Stadt ein Vergnügungsort für die patrizische und bürgerliche Oberschicht.

Schlacht der Parteien

Politisch stand Luzern 1937 ein entscheidender und einschneidender Machtwechsel bevor. Der grosse Rat in Luzern wurde nach 1830 von wenigen Liberalen beherrscht, welche die zunehmend lauter reklamierten Forderungen nach mehr direkter Demokratie unnachgiebig bekämpften. Den katholisch-konservativen Kräften gelang es jedoch, die Bevölkerung für eine neue Verfassung zu mobilisieren, die 1841 in Kraft trat und eine konservative Regierung an die Macht brachte. Damit waren jedoch die parteipolitischen Querelen nicht beigelegt. Im Gegenteil: Die Berufung von sieben Jesuiten nach Luzern war der zündende Anlass für die beiden Freischarenzüge von 1844 und 1845. Die liberalen Truppen, die gegen Luzern zogen, um die konservative Regierung mit Waffengewalt zu stürzen, scheiterten jedoch und wurden vernichtend geschlagen.

Hinweis

Einen Überblick über die Geschichte Luzerns im 19. Jahrhundert bieten folgende Publikationen: Heidi Bossard-Borner: Im Bann der Revolution. Der Kanton Luzern 1798–1831/50. Rex-Verlag, 476 Seiten. Fr. 58.–. Heidi Bossard-Borner: Im Spannungsfeld von Politik und Religion. Der Kanton Luzern 1831 bis 1875, Schwabe Verlag, 921 Seiten, Fr. 122.–.