THEATER: Wie habe ich mit Romeo und Giulietta mitgelitten

Die Liebe zur Oper erwachte als Teenager. Später vollzog sich die Wandlung vom Theaterfan zum -kritiker. Ein sehr persönlicher Blick zurück – und aufs Heute.

Stefan Degen
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Wie habe ich mit Romeo und Giulietta mitgelitten

Wie habe ich mit Romeo und Giulietta mitgelitten

Ein Beleuchtungsmeister kontrolliert eine Farbfolie im Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
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Seit zehn Jahren leitet Dominique Mentha (58) das Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
Ein Bühnentechniker auf dem Schnürboden beim Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
Ein Schlosser in der Werkstatt des Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
Gemäss dieser Vorlage wird ein Bild gemalt. (Bild: Philipp Schmidli)
Zwei Theatermaler in der Werkstatt des Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
Zwei Theatermaler in der Werkstatt des Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
Ein Bühnentechniker auf dem Schnürboden beim Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
Damenschneiderinnen an der Arbeit (Bild: Philipp Schmidli)
Eine Damenschneiderin bei der Arbeit (Bild: Philipp Schmidli)
Eine Damenschneiderin bei der Arbeit (Bild: Philipp Schmidli)
Herrenschneiderinnen bei der Arbeit (Bild: Philipp Schmidli)
Eine Herrenschneiderin bei der Arbeit (Bild: Philipp Schmidli)
Eine Requisiteurin bei der Arbeit (Bild: Philipp Schmidli)
Eine Herrenschneiderin bei der Arbeit (Bild: Philipp Schmidli)
Ein Beleuchter bei seiner Arbeit (Bild: Philipp Schmidli)
Maskenbildnerinnen knüpfen Perücken (Bild: Philipp Schmidli)
Maskenbildnerinnen knüpfen Perücken (Bild: Philipp Schmidli)
Perücken in der Maske (Bild: Philipp Schmidli)
Durch diese Türe wird Material ins Luzerner Theater befördert. (Bild: Philipp Schmidli)
Bühnentechniker bei der Arbeit (Bild: Philipp Schmidli)
Theatermalerei in der Werkstatt des Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
Styropor-Köpfe in der Maske beim Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
Zwei Schreiner in der Werkstatt des Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
Eine Theatermalerin in der Werkstatt des Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
Eine Theatermalerin in der Werkstatt des Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
Eine Requisiteurin des Luzerner Theater im Requisitenfundus des im Südpol Kriens (Bild: Philipp Schmidli)
Eine Requisiteurin des Luzerner Theater im Requisitenfundus des im Südpol Kriens (Bild: Philipp Schmidli)
Tanzprobe im Südpol Kriens (Bild: Philipp Schmidli)
Kostümfundus des Luzerner Theater im Südpol Kriens (Bild: Philipp Schmidli)
Kostümfundus des Luzerner Theater im Südpol Kriens (Bild: Philipp Schmidli)
Kostümfundus des Luzerner Theater im Südpol Kriens (Bild: Philipp Schmidli)
Fundusverwalterin Margot Gadient Rossel im Kostümfundus des Luzerner Theater im Südpol Kriens (Bild: Philipp Schmidli)
Fundusverwalterin Margot Gadient Rossel im Kostümfundus des Luzerner Theater im Südpol Kriens (Bild: Philipp Schmidli)
Kostümfundus des Luzerner Theater im Südpol Kriens (Bild: Philipp Schmidli)
Fundusverwalterin Margot Gadient Rossel im Kostümfundus des Luzerner Theater im Südpol Kriens (Bild: Philipp Schmidli)
Tanzprobe im Südpol Kriens (Bild: Philipp Schmidli)
Probe der Oper «Die Antilope» im Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
Probe der Oper «Die Antilope» im Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
Probe der Oper «Die Antilope» im Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
Probe der Oper «Die Antilope» im Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
Probe der Oper «Die Antilope» im Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
Probe der Oper «Die Antilope» im Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
Theater-Direktor Dominique Mentha bei der Probe der Oper «Die Antilope» im Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
Probe der Oper «Die Antilope» im Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
Probe der Oper «Die Antilope» im Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
Probe der Oper «Die Antilope» im Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
Probe der Oper «Die Antilope» im Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
Probe der Oper «Die Antilope» im Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
Probe der Oper «Die Antilope» im Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)

Ein Beleuchtungsmeister kontrolliert eine Farbfolie im Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)

Jedes Theater ist ein Irrenhaus, aber die Oper ist die Abteilung für Unheilbare.» Dieser Satz stammt vom deutschen Schriftsteller und Theaterdirektor Franz von Dingelstedt (1814–1881). Auch ich gehöre zu den «Unheilbaren». Schon früh nahm mich meine Mutter mit in Operetten-Aufführungen oder ins Schauspiel. Zur Oper hingeführt hat mich schliesslich ein rühriger Arbeitskollege meines Vaters. Joe hat jeweils gleich mehrere Freunde und Bekannte in eine Vorstellung eingeladen. So konnte ich im Januar 1975 die Bellini-Oper «I Capuleti ed i Montecchi» im Stadttheater Luzern erleben – und war hin und weg von den süssen Melodien, den monumentalen Bühnenbauten und den wunderbaren Sängerinnen und Sängern. Wie habe ich mit Romeo und Giulietta mitgelitten! Schlaftrank und Dolch haben mich elektrisiert. Am Ende zwei Tote, die sich alsbald wieder zum frenetischen Schlussapplaus erhoben.

Nach der Vorstellung trafen sich die Opernfans jeweils im Ristorante Peppino gleich hinter dem Theater. Dort konnten sie mit den Künstlern des Abends auf Tuchfühlung gehen und sie auch privat kennen lernen. Das haben wir genossen. Scheu habe ich um Autogramme gebeten und ein paar Worte mit den Sängerinnen und Sängern gewechselt. Fast alle waren sehr freundlich und offen für ein Gespräch. Auf dem Nebentisch lagen die prächtigen Blumenbuketts, die ihnen die Fans zuvor auf die Bühne geworfen hatten.

Silberner Statist

1979 suchte das Stadttheater Luzern Statisten für die Schweizer Erstaufführung der Oper «Maria Stuarda» von Gaetano Donizetti. Mein bester Freund Bruno und ich meldeten uns – und wir wurden prompt genommen. So stand ich bei jeder Aufführung in einer eher unbequemen silbernen Rüstung als Soldat auf der Bühne. Dafür konnte ich die Stars jeden Abend aus nächster Nähe beobachten. Die Sängerin der Maria Stuarda, Horiana Branisteanu, hat das effektvolle «Vil bastarda!» ihrer Rivalin Elisabetta (Sylvia Corbacho) immer wieder anders entgegengeschleudert. Die beiden lieferten sich in jeder Vorstellung ein packendes Duell auf der Bühne. Theater pur. Und Gänsehaut.

Wertvolle Begegnungen

Einige Jahre später konnte ich als Journalist unzählige Sängerinnen und Sänger, Tänzerinnen und Tänzer sowie Regisseure aus aller Welt interviewen. Diese Begegnungen waren sehr wertvoll und haben mir den professionellen Blick auf die Oper weiter geschärft. Entstanden sind dabei auch zahlreiche persönliche Kontakte, die zum Teil bis in die Gegenwart gehalten haben. Dazu zählt Ramón Vargas, der mexikanische Tenor, der nach seinen Anfängerjahren 1988 bis 1992 in Luzern alsbald zu einer Weltkarriere durchstartete. Er kehrt auch immer wieder gerne für einen Benefizauftritt hierher zurück. Einfach aus Verbundenheit zum Haus an der Reuss.

Begeisternde Musicals

Als besonders fruchtbar in Erinnerung sind mir die Jahre der Ära Horst Statkus (1987–1999). Dies wegen zahlreicher selten gespielter Opernwerke und natürlich wegen der tollen Musicals. Wie haben die Zuschauer den Atem angehalten bei den realistisch inszenierten Kämpfen der Jets und Sharks in der unvergesslichen «West Side Story» (1990) mit 50 Aufführungen oder bei den melancholischen Chansons in «Piaf» (1992) mit der starken Sue Mathys.

Quirliges Ballett

Das absolute Highlight bei den Musicals war «La Cage aux Folles» (1994/95) in der Regie von Stefan Huber. «Fast jede Lady ist ein Kerl in einem Kleid», sang da der Travestiestar Zaza. Und das quirlige Ballettensemble von Thorsten Kreissig mit Mercedes, Dermah, Phaedra und allen den anderen (falschen) Frauen sorgte für Riesenwirbel auf der Bühne. Ein perfekter Mix aus Frivolität und Rührseligkeit. Die 46 Aufführungen in zwei Spielzeiten waren allesamt restlos ausverkauft.

Mordende Tantchen

Das Schauspiel habe ich (leider) nur am Rande verfolgt. In der Erinnerung sind mir aber zwei Produktionen sehr präsent: Das Sozialdrama «Der Biberpelz» von Gerhart Hauptmann mit einer ungemein packenden Edith Schultze-Westrum als rechtschaffene Mutter Wolffen. Und die herrlich skurril inszenierte rabenschwarze Komödie «Arsen und Spitzenhäubchen» von Frank Capra mit den beiden lieben mordenden Tantchen Abby und Martha Brewster. Gruseleffekt garantiert!

Zurück zur Oper. In den Achtzigerjahren brauchte es wenig, um einen «Theaterskandal» zu provozieren. Da reichte schon ein Babylonierkönig Nabucco im Laufgitter, dessen Stieftochter Abigaille krampfhaft eine Puppe als Liebesersatz in den Händen hält. Oder eine arme Leonora in «La forza del destino», die einsam in einer «Hundehütte» haust.

Erst später kam das «Regietheater» auf. Seit dieser Zeit haben die Damen und Herren Regisseure das Sagen. Die Oper wird von Leuten dominiert, die sich über die ursprünglichen Intentionen der Komponisten und Librettisten ungeniert hinwegsetzen. Wichtig ist ihnen nur ihr «Regiekonzept», das sie dem Werk überstülpen. Und das sie nicht selten seitenlang im Programmheft den «dummen» Zuschauerinnen und Zuschauern erklären müssen. Der Name des Regisseurs wird oft höher gewichtet als jener des Komponisten. Und die Sänger bleiben eh auf der Strecke. Sie müssen kopfüber noch die schwierigsten Passagen singen können.

Kühner Wurf

Nicht dass Sie mich falsch verstehen: Ich mag zwar (noch immer) so genannt konventionelle Inszenierungen, die ein Stück in seiner Zeit belassen. Auch historische Kostüme können doch prächtig sein. Wenn ein Werk in eine andere Epoche versetzt wird, ist das nicht a priori schlecht. Entscheidend ist eine gute Regie-Idee, im Idealfall ein kühner Wurf. Probleme mit einer Inszenierung beginnen für mich dort, wo die Intentionen des Komponisten nicht mehr respektiert werden, sprich: ganze Teile der Musik weggelassen oder umgestellt werden, die Sänger unsinnige Gesten ausführen oder das ganze Werk der Lächerlichkeit preisgegeben wird.

Krasses Missverhältnis

Was ich auch nicht mag, sind Kritiker, die 90 Prozent ihres Artikels über die Regie schreiben und noch bescheidene 10 Prozent über die Sänger und das Orchester. Ein krasses Missverhältnis! Sie sollten bedenken: Musiktheater ist grossartiges Teamwork, jeden Abend finden sich Dutzende Menschen zusammen, um etwas Einmaliges zu kreieren – und das live.

Die (noch aktuelle) Ära Mentha am Luzerner Theater habe ich als zumeist inspirierend und spannend erlebt. Ganz im Sinne des propagierten Entdeckertheaters haben in den vergangenen zehn Jahren viele junge Künstler das Theater als Sprungbrett für ihre weitere Karriere nützen können. Das ist erfreulich. Von manchen werden wir auch künftig hören, wenn sie ihren Weg beharrlich und mit kluger Selbsteinschätzung weitergehen. Dazu kann sie eine konstruktive Kritik durchaus ermuntern.

Miefiger Sportpalast

Eine meiner Lieblingsopern ist ­Gioacchino Rossinis «La Cenerentola». In Luzern wurde das Werk zuletzt vor etwas mehr als einem Jahr inszeniert. Es spielte vor einer heruntergekommenen Imbissbude und in der Pingponghalle eines miefigen Sportpalastes. Die Sängerinnen und Sänger haben sich in dieser Szenerie wacker geschlagen. Wenn es bei mir wegen einer Inszenierung zu leichtem Unbehagen kommt, halte ich es mit Don Magnifico und sage mir im Stillen: «Addio cervello!»