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Theaterstück im Luzerner Neubad: Zum Dessert werden die Plädoyers serviert

Das neue Theaterkollektiv Dionysos setzt sich mit der Frage auseinander, ob ein Leben für ein anderes geopfert werden darf.
Yvonne Imbach
In «Terror» werden Fragen nach moralischer Schuld oder Unschuld gestellt. (Bild: Dominic Wunderli, Luzern, 20. August 2019)

In «Terror» werden Fragen nach moralischer Schuld oder Unschuld gestellt. (Bild: Dominic Wunderli, Luzern, 20. August 2019)

Kampfpilot Lars Koch steht vor Gericht. Er hat 164 Menschen getötet. Hinter dieser Tatsache steckt eine Tragödie: Ein Terrorist hatte ein Passagierflugzeug mit 164 Menschen an Bord gekapert und ist damit auf ein mit 70 000 Menschen gefülltes Fussballstadion zugerast. Lars Koch entschied, das Flugzeug abzuschiessen und so den 70'000 Menschen das Leben zu retten – indem er die Flugpassagiere tötete.

Das Theaterstück «Terror» stammt aus der Feder von Ferdinand von Schirach. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob es trotz der Verfassungswidrigkeit richtig oder falsch ist, 164 Leben für das von 70'000 zu opfern. Das Gerichtsdrama verfolgt das Ziel, dass sich der Zuschauer selbst eine Meinung bildet und am Ende urteilen muss: Ist Lars Koch schuldig oder nicht?

Äusserst klug aufgebauter Kontrast

Die Theatergruppe Dionysos zeigt das Stück im «Neubad», also vor nüchternen Schwimmbecken-Plättli, an der tiefsten Stelle des ehemaligen Pools. Das Bühnenbild überrascht: Zu sehen ist eine Kochinsel, ein schön gedeckter Esstisch und etwas abseits ein Salontisch mit zwei Sesseln. Lars Koch steht vor Gericht – und serviert wird auch ein Gericht, genauer drei Gänge. Die Vorsitzende liest den Sachverhalt in nüchterner Juristensprache vor und steckt gleichzeitig den Pürierstab in die Lauchsuppe. Der Nebenklägerin vergeht beim Hauptgang der Appetit, als schreckliche Details zur Gemüserösti gereicht werden. Die Schlussplädoyers von Staatsanwältin und Verteidiger werden mit dem Dessert serviert. Dieser Kontrast zwischen heiler Dinnerparty und knallharter Gerichtsverhandlung ist äussert klug aufgebaut und reizt die Sinne der Zuschauer. Es entstehen zwei Schauplätze, die konzentriert verfolgt werden müssen.

Die ganze Szenerie ist in nüchternem Schwarz-Weiss gehalten, einziger roter Tupfer: die Servietten und der Rotwein. Die Sprache ist emotionsarm, den Schauspielern gelingt ein ausgezeichnetes Juristen-Hochdeutsch. Dem Publikum werden Fakten, Überlegungen und Entscheidungen wie Zutaten vorgesetzt. Was am Ende buchstäblich angerichtet wird, bleibt offen.

Erst im März dieses Jahres haben Raphael Schmitz und Sophie Karrer das Kollektiv Dionysos initiiert. Die beiden kennen sich vom gemeinsamen Theaterspiel bei der «Rabenbühne Hitzkirch».

Vakuum in der freien Szene soll gefüllt werden

«Wir fanden im privaten Umfeld noch fünf weitere theaterbegeisterte junge Menschen und wagten den Schritt, mittels erfolgreichen Crowdfundings eine eigene Produktion zu realisieren», erklärt Raphael Schmitz, der die Produktion leitete, nach der Generalprobe. Ihr Ziel sei es, das Vakuum neben der professionellen freien Szene zu füllen. Das Ensemble ist zwischen 16 und 25 Jahre alt und alle haben Bühnenerfahrung. Wer Lust auf ambitioniertes Theater hat, dürfe sich gerne melden.

Geprobt wurde das intensive Stück seit Mai, das glänzende Resultat ist noch zweimal dieses Wochenende zu erleben. Regie führten Noah Beeler und Nicole Sauter. Sie liessen die Spieler eine bemerkenswerte Figurenidentifikation entwickeln. Der nötige Biss, die geschulte Souveränität und die grosse Betroffenheit der Charaktere sind spürbar. Man nimmt viel nach Hause mit.

Hinweis: Weitere Aufführungen: 24. und 25. August, 20 Uhr. Neubad, Luzern. Tickets: www.neubad.org

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