Cooler Job: Michael Steiner arbeitet bei minus 24 Grad

Während viele wegen der Hitze möglichst wenige Kleider tragen, ist Michael Steiner im Galliker-Tiefkühllager in Altishofen dick eingepackt. Kein Wunder: Sein Arbeitsplatz ist 60 Grad kühler als die Aussentemperaturen.

Julian Spörri
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Ihn lässt die Hitzewelle kalt: Michael Steiner bei der Arbeit im Tiefkühllager. (Bilder: Pius Amrein, Altishofen, 24. Juli 2019)

Ihn lässt die Hitzewelle kalt: Michael Steiner bei der Arbeit im Tiefkühllager. (Bilder: Pius Amrein, Altishofen, 24. Juli 2019)

«Geh zu Regal 106, Platz 21»: Michael Steiner erhält den Auftrag über seine Kopfhörer mitgeteilt. Mit seinem gelben Hubkommissioniergerät fährt er zum angegebenen Ort – vorbei an zweistöckigen Regalen mit unzähligen gestapelten Kartonkisten. Am Ziel angekommen meldet ihm das Pick-by-Voice-System: «Nimm zwei». Er verlädt die Waren auf seine Palette und folgt den weiteren Anweisungen. Das klingt nach normalem Alltag in einem Logistikunternehmen – doch etwas macht die Szenerie besonders: die Temperatur. Im Tiefkühllager des Logistikunternehmens Galliker Transport AG in Altishofen ist es 24 Grad unter null.

Dementsprechend ist der 21-Jährige auch angezogen: Tiefkühljacke und -hose, speziell gefütterte Sicherheitsschuhe, Handschuhe und Kappe. Letztere natürlich weit ins Gesicht gezogen. Steiner führt aus: «Diese Kleidung wird uns zur Verfügung gestellt. Darunter kann jeder so viele Schichten anziehen, wie er will. Manche tragen zwei Paar Socken übereinander an, andere lange Unterhosen.» Wichtig sei einfach, dass man sich noch bewegen könne.

«Es ist schön, den ganzen Tag im Tiefkühler zu sein»

Heute bringt die zweite Hitzewelle dieses Sommers nochmals viele zum Schwitzen: Über 35 Grad heiss wird es in Luzern. «Bei solchen Aussentemperaturen ist es schön, dass ich den ganzen Tag im Tiefkühler bin und mich abkühlen kann», sagt Steiner , der hier seit eineinhalb Jahren als Logistiker arbeitet. «Derzeit möchte ich meinen Job nicht mit jemandem tauschen, der an der prallen Sonne arbeiten muss.» Ob sein Umfeld nicht neidisch auf seinen kalten Arbeitsplatz sei? «Darauf wurde ich bisher nie angesprochen. Für die meisten Leute kommt meine Arbeit nicht in Frage. Sie denken, dass man da sowieso viel zu kalt habe.» Doch die tiefen Temperaturen seien mit der richtigen Kleidung kein Problem:

«Beim Arbeiten merkt man nichts von der Kälte. Wir sind dauernd in Bewegung. Wir müssen eher aufpassen, dass wir in der Kleidung nicht ins Schwitzen kommen»

Neben Steiner arbeiten 44 weitere Personen – mehr Männer als Frauen – in den beiden Galliker Tiefkühl-Logistikcentern. Die Kühlflächen sind auf zwei Center in Altishofen und Dagmersellen auf total 18500 Quadratmeter verteilt. Dies umfasst eine Kapazität von rund 27000 Palettenplätzen. Gefrorene Lebensmittel wie Geflügel, Brot und Dessertwaren werden vom Hauptsitz in Altishofen mit Zug und Lastwagen in die ganze Schweiz verteilt.

Die Infrastruktur für die Warenabfertigung ist auf die extreme Kälte ausgerichtet: Die Kommissionierfahrzeuge besitzen eine spezielle Elektronik. Zudem werden sie mit Hydrauliköl getankt, das nicht gefriert. Reto Pozzi, Leiter Tiefkühllogistikcenter 3, sagt: «Eine normale Maschine würde bei diesen Temperaturen nicht lange durchhalten.»

Die Kälte verlangt nicht nur der Technik vieles ab, sondern sie birgt auch für den Menschen Risiken. Das Staatssekretariat für Wirtschaft definiert für das Arbeiten in Kälte fünf Kältebereiche. Der Arbeitsplatz von Steiner entspricht der zweithöchsten Stufe – dem sehr kalten Bereich unter minus 18 bis minus 30 Grad. Für die Mitarbeiter im Tiefkühllager gelten deshalb angepasste Arbeitszeiten: Gearbeitet wird neun Stunden am Tag. Nach jeweils 90 Minuten in der Kälte ist eine Aufwärmphase von mindestens 20 Minuten angesagt. Zudem gibt es eine Mittagspause, die eine Stunde und 15 Minuten dauert. Die Aufwärmpausen sind für die Gesundheit wichtig – doch sie haben auch zur Folge, dass der Körper mehrmals täglich einen grossen Temperaturwechsel zu bewältigen hat.

Der Weg in die Pause dauert nur wenige Sekunden: Wird die erste Türe passiert, gelangt man in einen kleinen Vorraum, in dem es rund 15 bis 20 Grad warm ist. Schon nach der zweiten Türe befindet man sich dann in normaltemperierten Räumlichkeiten. Ein Unterschied von 50 Grad in kurzer Zeit: Wie kommen die Mitarbeiter damit klar? Steiner erwidert:

«Während dem Tag sind diese Temperaturwechsel für mich kein Problem»

In der Pause würden die Mitarbeitenden auch manchmal raus an die Sonne gehen – dort ist es derzeit rund 60 Grad wärmer als drinnen im Tiefkühllager.

Müdigkeit am Abend, Resistenz für den Winter

Die Auswirkungen der Temperaturwechsel zeigen sich bei Steiner nicht während der Arbeit, sondern danach: «Am Abend werde ich sehr schnell müde. Und wenn ich am Wochenende draussen bin, mag ich die Hitze weniger ertragen und fange schneller an zu schwitzen.» Doch die Arbeit in der Kälte habe auch seine Vorteile: «Seit ich im Tiefkühllager arbeite, bin ich weniger krank gewesen als zuvor. Durch die Arbeitsbedingungen werde ich resistenter für den Winter.» Sein Vorgesetzter, Reto Pozzi, ergänzt: «Im Winter bin ich schon im T-Shirt bei minus fünf Grad draussen herumgelaufen. Zudem glaube ich auch, dass die Kälte uns jung behält.»

In Zusammenhang mit der Hitzewelle: Kommt den Logistikern am Wochenende nicht die Idee, sich an ihrem Arbeitsplatz abzukühlen? Pozzi sagt: «Als es am Wochenende sehr heiss war, habe ich mich einfach darauf gefreut, am Montag wieder arbeiten zu können.» Logistiker Steiner, der sich selber als Sommermensch bezeichnet, sagt lachend: «Am Wochenende denke ich nicht an die Arbeit. Da gibt es genug andere Möglichkeiten, um sich zu erfrischen.»