TIERE: 500 Büsi müssen unters Messer

Die Zahl der verwilderten Haus- und Bauern­hofkatzen steigt drastisch an. Der Luzerner Tierschutzverein ergreift jetzt Massnahmen.

Yasmin Kunz
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Eine Kastration bei Katzen kostet zwischen 90 und 200 Franken. Im Bild: Die Luzerner Tierärztin Käthi Bühler im Einsatz (gestellte Szene). (Bild Manuela Jans)

Eine Kastration bei Katzen kostet zwischen 90 und 200 Franken. Im Bild: Die Luzerner Tierärztin Käthi Bühler im Einsatz (gestellte Szene). (Bild Manuela Jans)

Yasmin Kunz

In jedem vierten Haushalt leben Katzen. Die Vierbeiner sind mit Abstand das beliebteste Haustier von Herr und Frau Schweizer. 1,35 Millionen Katzen leben landesweit in Haushalten. Und laut dem Luzerner Bauernverband gibt es landesweit rund 300 000 Katzen, die herrenlos sind. Im Kanton Luzern wird der Katzenbestand auf rund 60 000 geschätzt. Wie viele davon domestiziert sind und wie viele sich auf Bauernhöfen aufhalten, ist nicht bekannt.

Doppelt so viele Verdachtsfälle

Was allerdings festgehalten wird, sind Meldungen bei Vernachlässigung von Tieren. Gemäss dem Tierschutzverein Luzern sind im letzten Jahr 97 Fälle von verwilderten Haus- und Bauernhofkatzen als gefährdet gemeldet worden. Das sind mehr als doppelt so viele wie im Jahr 2013. Da gingen 42 Meldungen ein. 2012 lagen dem Luzerner Tierschutz, der 1200 Mitglieder zählt, sogar nur 30 Meldungen vor.

Josef Blum, Präsident des Tierschutzvereins des Kantons, sagt: «Diese hohe Zahl hat wohl auch mit der Medienpräsenz dieser Thematik zu tun. Die Leute sind sensibilisierter und melden Verdachtsfälle schneller.» Verdachtsfälle werden vorwiegend zu verwilderten Katzen gemacht, die sich in Schrebergärten, Industriegebieten oder in Wohnquartieren aufhalten und kein Zuhause haben. «Die Leute machen sich Sorgen um diese Tiere oder stören sich an ihnen.»

Sind Bauern verantwortlich?

Das Problem: Viele dieser Katzen sind nicht kastriert. Das führt zu viel Nachwuchs und einer zu grossen Katzenpopulation. Und bei zu vielen Katzen ist die Gefahr grösser, dass sich Krankheiten verbreiten. Gemeinhin geht man davon aus, dass die Bauern für die hohe Katzenpopulation verantwortlich sind, weil sie ihre Bestände nicht regulieren. Josef Scherer vom Luzerner Bäuerinnen- und Bauernverband findet jedoch, dass es sich «um ein gesellschaftliches Problem handelt».

Hauskatzen werden eher kastriert

Otto Ineichen, Kantonstierarzt und Leiter des Veterinärdienstes des Kantons Luzern, dementiert ebenfalls die Vorwürfe an die Bauern. Er sagt: «Es sind sowohl Private als auch Bauern für die Vermehrung der Katzen verantwortlich.» So gebe es auch Katzenbesitzer, die ihre Hauskatzen nicht kastrieren würden. Wenn dann für die Nachkommen kein Platz gefunden wird, laufen diese Tiere von zu Hause weg und landen unter Umständen auf der Strasse oder im Wald – unkastriert. Klar ist: Hauskatzen würden eher kastriert als Bauernhofkatzen. «Das Problem ist», so Ineichen, «dass bei Bauern fremde Katzen, die vielleicht ausgesetzt wurden, zulaufen.»

Dem stimmt auch Josef Scherer zu: «Landwirte haben oft das Problem, dass ihnen immer wieder verwilderte Vierbeiner zulaufen.»

«Herrenlose Katzen nicht füttern»

Käthi Bühler, Tierärztin in der Kleintierpraxis an der Zürichstrasse in Luzern, appelliert: «Herrenlose Katzen soll man nicht füttern. Denn: Stimmt das Nahrungsangebot, gibt es auch mehr Nachwuchs.» Die Tierärztin erklärt, warum es sinnvoll ist, die Vierbeiner zu kastrieren: «Ein unkastrierter Kater ist zum Beispiel viel anfälliger auf Krankheiten und Verletzungen, weil er sich in Revier- und Konkurrenzkämpfen behaupten muss.» Ausserdem würden unkastrierte Tiere viel grössere Distanzen zurücklegen als unkastrierte und seien daher auch im Strassenverkehr gefährdeter.

Eingriff kostet Bauern zu viel

Auch Josef Blum vom Tierschutzverein ist nicht der Ansicht, dass man nur den Bauern die Schuld für die wachsende Katzenpopulation im Kanton geben kann. Dennoch betont er: «Bei den Landwirten fehlt noch etwas das Bewusstsein für den positiven Aspekt der Kastration.» Bei kontrollierter Nachzucht seien die Katzen meist viel gesünder, sagt er. Dass trotzdem noch immer viele Bauern unkastrierte Katzen haben, hat laut einer Umfrage des Tierschutzvereins bei den Landwirten einen einfachen Grund: «Für viele ist dieser Eingriff zu teuer.» Eine ähnliche Beobachtung macht auch Bühler bei den Katzenbesitzern: «Es gibt immer wieder Leute, die sich ein Büsi anschaffen und erst später merken, dass dies auch mit Kosten verbunden ist.» Sie sagt aber auch, dass ein Gros der Hauskatzen und auch jenen, die bei ihrem Besitzer nach draussen können, kastriert seien.

Die Kastration eines Weibchens kostet rund 200 Franken, bei Männchen rund 90 Franken. Für Bauern, die laut Blum durchschnittlich fast fünf Katzen halten, kann das durchaus ins Geld gehen.

Aktion kostet über 40 000 Franken

Ende dieses Jahres können im Michels­amt, welches die politischen Gemeinden Beromünster und Rickenbach umfasst, 150 Landwirtschaftsbetriebe während vier Tagen zirka 500 Vierbeiner kastrieren lassen. Das Pilotprojekt wird vom Tierschutzverein Luzern und dem Bauernverein Michelsamt organisiert. Zwei Drittel der Kosten übernimmt der Tierschutzverein. Dieser greift dafür tief in die Tasche: Mehr als 40 000 Franken kostet das viertägige Pilotprojekt. Der andere Drittel wird von den Landwirten übernommen. Das Projekt sei bei den Bauern auf positive Resonanz gestossen, weiss der Luzerner Tierschutzpräsident. «In der Umfrage haben sich nur zwei Höfe geweigert, ihre Katzen kastrieren zu lassen.»

Josef Scherer vom Luzerner Bauernverband macht ebenfalls die Erfahrung, dass Landwirte positiv auf solche Aktionen reagieren. «Auch sie sind froh darüber, wenn die Katzenpopulation nicht übermässig zunimmt.» Doch es gibt auch Gegner. Deren Begründungen sind für Blum nicht immer nachvollziehbar. «Die Bauern argumentieren, dass kastrierte Katzen oder Kater weniger gut mausen würden oder dass Kastration gegen die Natur sei.» Tierärztin Käthi Bühler findet vor allem die erste Aussage Unsinn. «Kastrierte Katzen fangen nicht weniger Mäuse als andere.» Sie würden nur ihr Jagdrevier etwas verkleinern, da sie auch nicht mehr den Drang hätten, einen Partner zu finden. «Kastrierte, gesunde Katzen jagen erfolgreicher als kranke Streuner.»

53 Tiere kastriert

Vor einem Jahr hat im Tierheim an der Ron in Root bereits eine Massenkastration von Bauernhofkatzen stattgefunden. Organisiert wurde der Anlass vom Schweizerischen Tierschutz in Zusammenarbeit mit dem Tierschutzverein des Kantons Luzern und mit Unterstützung der schweizerischen Tierschutzorganisation Network for Animal Protection. Vier Tierärzte kastrierten letztes Jahr am 29. November 53 Tiere. Der Kastrationseingriff wurde an Katzen von sechs Bauernhöfen aus der Region Entlebuch durchgeführt. Das Ziel solcher Aktionen ist es, einen gesunden Katzenbestand zu erreichen. Einige der 53 Katzen wurden nur kastriert, andere erhielten noch Wurm- oder Flohmittel.
Für den Eingriff erhalten die Tiere eine Narkose. Meist erholen sie sich schnell. Bereits einen Tag nach der Operation waren die Tiere wieder in ihrem Zuhause.