TIERE: Ausgestopft, aber nicht ausgedient

Der zoologische Tierpräparator unternimmt mit unserer Zeitung einen Rundgang durch die Tiersammlung im Natur-Museum Luzern. Dabei kommen ungeahnte Schätze sowie «alte Bekannte» zum Vorschein.

Andrea Muff
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Tierpräparator René Heim im Archiv des Natur-Museums Luzern. (Bild: Dominik Wunderli (Luzern, 20. Oktober 2016))

Tierpräparator René Heim im Archiv des Natur-Museums Luzern. (Bild: Dominik Wunderli (Luzern, 20. Oktober 2016))

Andrea Muff

andrea.muff@zugerzeitung.ch

Mit dem Lift fährt René Heim (63) in sein Reich im dritten Stock des Natur-Museums Luzern. Er arbeitet als zoologischer Tierpräparator und kennt die Eckdaten der Präparate in der Sammlung aufs Genaueste. Untergebracht sind die rund 10 000 Objekte in verschiebbaren Rollregalen. «Es gibt alle Arten von Präparaten: Skelette, Felle oder ganze Tiere», zählt Heim auf. Solche Objekte sind die Basis für zahlreiche Ausstellungen im Natur-Museum. Auch «alte Bekannte» finden sich unter ihnen: die Wildsau, der Fuchs und das Murmeltier, die sogar zum Anfassen sind.

Der Rundgang beginnt – und der zoologische Tierpräparator bleibt bereits beim ersten Regal stehen. Dort sind Störche, Stockenten und Eichhörnchen zu sehen. «Das sind ältere Präparate aus unserer Sammlung, die keine Daten zur Herkunft oder ihrer Geschichte aufweisen. Diese können wir deshalb wissenschaftlich nicht verwenden», erklärt Heim. Stimme aber die Qualität, eignen sie sich für die Ausleihe an Lehrer, Schüler oder Dekorateure.

Ein gestiefelter Kater, Löwen und Affen

Eine Besonderheit findet sich auf einem weiteren Regal: der gestiefelte Kater. «Diese Katze habe ich selbst präpariert – für eine Ausstellung zu Märchentieren», erzählt Heim schmunzelnd. Fremdländische Tiere wie Löwinnen, Leoparden oder Affen warten auf dem Gang oder in den Schränken auf ihren nächsten Einsatz. «Wir brauchen diese meist für die Ausleihe», sagt der 63-Jährige und fügt gleich darauf hinzu: «Wenn man heute ein exotisches Tier sehen will, geht man in den Zoo.» Für den bedrohten Auerhahn hingegen besuche man das Natur-Museum durchaus, meint Heim. «Sein» Exemplar stamme aus der Pilatus-Gegend und sei ein wichtiger Zeitzeuge. Das grösste Objekt der Sammlung befindet sich allerdings nicht in den Räumen des Museums: Die reinrassige Braunviehkuh ist – ihres Ausmasses wegen – in den Kulturgüterschutzräumen des Sammlungszentrums des Schweizerischen Nationalmuseums in Affoltern am Albis untergebracht.

René Heim arbeitet seit 40 Jahren als Tierpräparator im Natur-Museum. Eine seiner zentralen Aufgaben ist der Schutz der Präparate vor Schäden wie Insektenbefall oder Feuchtigkeit. Um die Tier­präparate vor dem sogenannten Schadinsektenfrass zu schützen, benutzte man früher arsenhaltige Konservierungsmittel (siehe Kasten). Heute wird zu diesem Zweck das Wollschutzmittel Eulan verwendet. Die Präparatoren legen die Haut in die wässrige Lösung. «Wir stellen auch UV-Fallen, Mottenstrips, Lavendel und Sandelholz auf, damit sich die Schädlinge nicht vermehren können», erklärt Heim. Bei Fischen, Schlangen oder Fröschen hat sich eine andere Methode bewährt: Mit Silikon wird ein Abdruck des Tieres gemacht, um diesen mit Kunststoff auszugiessen. Der Abguss wird danach mit der sogenannten Airbrush-Technik bemalt. Die Herstellung eines Fisches in der Grösse einer Speiseforelle kostet 300 bis 500 Franken.

Zwei Tage Arbeit, um einen Marder zu präparieren

Bei allen Tierpräparaten handelt es sich um Handarbeit. Der Preis einer präparierten Krähe beläuft sich auf rund 500 Franken. «Um einen Marder in Museumsqualität zu präparieren, brauche ich ungefähr zwei Tage Arbeit», sagt Heim. Warum wird heute überhaupt noch präpariert? «Präparate sind die authentischsten Stellvertreter ihrer lebenden Artgenossen. Denn das lebendige Tier bekommt man kaum oder nur kurz zu Gesicht.» Dabei würden die Grössenverhältnisse und Merkmale schemenhaft bleiben. «Das Präparat hingegen steht geduldig da und erlaubt das eingehende Betrachten, so lange man möchte. Das schafft Bezug zum lebendigen Tier», erklärt Heim ausführlich.

Natürlich gibt es unter den unzähligen Objekten auch René Heims Lieblingsexponat: die Amsel auf einem künstlich verschneiten Podest. Diese hat er selbst präpariert und damit 1995 in Oslo den Europameistertitel der Präparatoren in der Kategorie kleine Vögel gewonnen. «Die Jury hatte die Echtheit überzeugt.» Und tatsächlich: Die Amsel sieht so aus, als würde sie im nächsten Moment davonfliegen. Heim geht dem Präparieren im Natur-Museum regelmässig nach: Die Tiere bekommt er von der Vogelwarte in Sempach oder von der Polizei. «Es handelt sich um Verkehrsopfer oder bei den Vögeln um sogenannte Scheibenopfer.»

Für die Forschung bewahrt das Natur-Museum auch sogenannte Balg­präparate auf. Dabei handelt es sich um gegerbte, konservierte Vogel- und Säugetierhäute, die auf einen Karton aufgezogen werden. Zu jedem Tier gehört eine nummerierte Schachtel mit dem Skelett. Als Heim die Schublade mit den Mäusebälgen öffnet, erklärt er anhand eines Beispiels, warum diese wichtig sind: «Bei der genetischen Analyse der Waldmäuse hat man Unterschiede gefunden, die belegen, dass es vier verschiedene Arten geben muss.» Danach habe man diese Belege nach sichtbaren Unterschieden untersucht. Diese hat man im Bau der Schädel gefunden, was ermöglicht, die Arten zu differenzieren.

Ebenfalls in den Schubladen findet sich eine weitere Besonderheit: die Kotsammlung. Diese reicht von den Ausscheidungen einer Zwergfledermaus bis zu denjenigen eines Braunbären. Präpariert wird der Kot wie folgt: «Im Tränkungsverfahren wird Feuchtigkeit entzogen und mit Flüssigacryl ersetzt.» Die Kotpräparate werden oft für den Kurs Tierspuren gebraucht. Dort wird geübt, die Spuren und Hinterlassenschaften von Wildtieren richtig zu deuten.

Eine Sammlung als Zeitzeugnis

Inzwischen kurbelt René Heim am hintersten Rollregal. Zum Vorschein kommen zahlreiche Gläser, in denen Schlangen oder Fische in Flüssigkeit eingelegt sind. Darunter findet sich auch die Schulsammlung des Klosters Engelberg: «Diese hat einen kulturhistorischen Wert, darum bewahren wir sie auf», erklärt der Experte. «Die Sammlung ist sehr alt und weist wertvolle Präparate auf. Sie ist zudem ein Zeitzeugnis der damals vorkommenden Tierarten.»

Einen besonderen Schatz gibt es im dritten Stock noch zu bewundern: die als ausgestorben geltenden Paradiessittiche. «Sie befinden sich schon lange im Besitz des Museums. Gemäss unseren Nachforschungen sind wir weltweit die Einzigen, die ein Pärchen besitzen.» Weitere Angaben seien keine überliefert. Auch wann das Exponat den Weg nach Luzern gefunden habe, liege im Verborgenen. «So oder so ist dieses Präparat von grosser naturkundlicher Bedeutung, da es eines der wenigen physischen Nachweise dieser einst in Ostaustralien heimischen Vogelart darstellt», erklärt René Heim stolz.